Die Emerging Conversation als Rhizom oder: vom Kuchen, vom Baum und vom Ingwer
Monday June 21st 2010, 19:48
Filed under: Allgemein, Emerging Church

Im Anschluß an den letzten kurzen Gedanken noch ein weiterer Nachklapp:

Wer beim ersten Emergent Forum in Erlangen dabei war, kann sich vielleicht an einen Vortrag errinern, in dem Brian McLaren folgendes Bild benutzt hat: die EC ist nicht wie das oft gedacht wird, ein “Stück vom Kuchen”: es gibt den Kuchen, den wir Denominationen nennen, ein Teil ist charismatisch, ein Teil ist katholisch, ein Teil evangelisch.  Nun ist die EC exakt KEIN Teil vom Kuchen im Sinne einer neuen Denomination. So weit so gut. Nun hat McLaren das problematische Bild durch ein anderes Bild ersetzt: die EC ist wie ein Jahresring im Baumstamm. Der äußerste Ring umfasst quasi “alle Stücke des Kuchens” aka alle Denominationen und er bezeichnet den progressiven Teil der verschiedenen Kirchen, die sich jüngst mit ihrer Umwelt auseinandergesetzt haben. Warum ist dieses Bild nicht gut?

a) es hört sich unmittelbar nach Avantgarde Denken an: ok, wir, die wir an der EC teilhaben, sind Teil des neuesten Trends, sind Teil der Progressive im Gegensatz zu all den reaktionären, alten Baumelementen.

b) Es verkürzt stark die Unterschiede zwischen den Kontexten: ich glaube tatsächlich nicht, dass die in der EC bisher diskutierten Erklärungsmuster und selbst die Fragen, die aufgeworfen werden in jeden Kontext relevant sind. Ein progressiver südamerikanische Katholik diskutiert mit Sicherheit andere Themen als ein progressiver indonesischer Pfingstler. Und umgekehrt: nicht alles, was in der EC stattfindet soll unbedingt neu und progressiv sein.

c) es ist ein zu harmonisches, rundes Bild: ein Baum der wächst, ist ein Bild, dass ja geradezu für Stabilität, Zentralisierung, ja sogar Harmonie steht. Ich glaube, dieses Bild unterschätzt den dynamischen, nicht so leicht faßbaren Charakter des Reiches Gottes.

Schon andere vor mir haben ein besseres Bild verwendet, ein Bild, dass ganz nahe an den Begriff der Emergenz rückt: das Bild des Rhizomes. Ein Rhizom ist ein Wurzelgewächs wie der Ingwer. Durch Gilles Deleuze wurde dieser Begriff in die Philosophie und Kulturwissenschaft eingeführt. Deleuze schreibt besonders gegen die Baumlogik in den Wissenschaften an: zB in der Musik: es gibt Wurzeln einer bestimmten Musikrichtung, dann gibt es einen stabilisierenden Stamm und dann verschiedene sich immer weiter verzweigende Äste (aus Gospel zweigt sich Soul ab und darauf mit anderen Einflüssen R’n'B etc.).

Dagegen funktioniert ein Rhizom anders: ein Pflanze, die rhizomorph ist ist durch ein unterirdisches, hoch-vernetztes Netzwerk verknüpft. In diesen Netzwerk ist kein wahres Zentrum auszumachen. Die Pflanze bricht “chaotisch” an einer vorher nicht zu bestimmenden Stelle an die Oberfläche. Je nach Situation kann sich die Pfalnze wie ein isoliertes, unabhängiges Lebewesen verhalten oder im Verbund mit allen vernetzten Teilen agieren. Ein rhizom ist hochdynamisch, ist auf Vielheit und Vernetzung angelegt, chaotisch, komplex, nicht steuerbar, hochsensibel gegenüber der Umwelt, flexibel und kann selbst weiter wachsen, wenn einige Verbindungen zerstört werden.

Dieses Bild scheint mir in mehrfahcer Hinsicht für die EC interessant zu sein: a) das was bei den Treffen stattfinden soll, lässt sich vielleicht mit dieser Logik erklären: recht wenig zentraler Steuerung, recht viel Raum für etwas Entstehendes

b) es gibt Verusche aus England so die Dynamik von emergenten Kirchen zu fassen (vA bei Kester Brewin und Christian Raschke)

und der wesentliche Punkt: c) vielleicht ist das Reich Gottes und Gottes Handeln in der Welt gut so zu beschreiben (wie ja einige Gleichnisse anzudeuten scheinen): es ist wenig berechenbar, wenig steuerbar und oft unscheinbar; es ist schweirig ein festes Zentrum auszumachen und ist zugleich regional und global. Das, was uns isoliert und voneinander getrennt erscheint, ist unter der Oberfläche verbunden. In dieser Sicht wäre die Emerging Conversation zugleich ein Ort von Gottes Wirken (hoffentlich); aber mehr noch ein Ort, an dem, was unthematisch und chaotisch passiert, thematisiert wird und ein Ort, wo das, was nebeneinander und scheinbar getrennt voneinander passiert, verknüpft werden kann.  Ein Ort, wo Fäden zusammenlaufe nur um sofort wieder auseinanderzulaufen.

Es ist nicht der neueste Schrei. “Denn wenn die Leute sagen werden: hier ist das Reich Gottes oder da ist das Reich Gottes, so glaubt ihenen nicht!”. Deutschland hatte zu viele “apostolische” Erweckungsbewegungen, die sich für das neue große Ding hielten. Die Logik der EC ist eine völlig andere.  Es ist die Logik, in der Zentralisierung nur den Zweck hat, dezentrales und heterogenes zu verknüpfen. Es ist die Logik des Mosaiks oder der Collage, in der das, was eigentlich nicht zusammengehört in einen Zusammenhang gebracht wird. Deshalb ist es so schwierig zu sagen, was die EC eigentlich gebracht hat. Wenn man sieht, dass sich an den Bibelschulen zB die Lehrpläne etwas zu ändern scheinen, das Fragen wie nach Sozialer Gerechtigkeit usw. auf die Tagesordnung kommen, wenn man sieht, dass sich das Bild von Gemeinde in verschiedenen Kontexten total zu ändern scheint hin zu einem Verständnis von Gemeinde, die grob gesagt für andere da ist, wenn man sieht, dass nach neuen Ausdrucksformen und nach neuen Formulierungen des Glaubens gerungen wird, dann wäre es vermessen zu sagen, das hätte die EC ausgelöst. Vielleicht ist die EC Teil von Veränderungen, die unter der Oberflächte passieren; vielleicht ist sie auch schon eine Folge dieser Veränderungen, vielleicht ist sie aber auch für manche ein Motor dieser Veränderungen. Das einzige, dass die EC auszeichnet, ist, dass sie manche dieser Veränderungen (denn nie wäre es möglich, alles was passiert, und alle Arten wie Gott in der Welt handelt konkret zu thematisieren) thematisiert, anspricht, und verknüpft.



[Nichts-sagender Glaube: welche Probleme?]
Wednesday May 26th 2010, 11:47
Filed under: Bücher, Emerging Church

Welche Probleme verbinden sich mit so einem apophatischem Ansatz, der Gott als den ganz anderen betont? Ich nenne hier mal 2- 3: naive Unmittelbarkeit, Untreue den Schriften gegenüber und Ununterscheidbarkeit Gottes.

Diese Philosophen, die wieder einen Rückgriff auf die negative und/oder die apophatische Mystik wagen, kommen mehr oder weniger alle aus der phänomenologischen Ecke. Sie untersuchen alltägliche und nicht so alltägliche Phänomene wie Liebe, Angst, die Welt, den Leib und seit Neuestem eben auch Gott mit der Frage: “Was spielt sich im Kopf ab?”. Sie versuchen also keine Aussagen über Gott an sich zu machen, sondern über den Gläubigen während er in Kontakt mit Gott steht.  Dabei vernachlässigen sie, dass der christliche Glaube nciht einfach eine Hotline zu Gott darstellt, die direkt an Gott andockt. Der Glaube ist vermittelt. Anders gesagt: Gott offenbahrt sich in Geschichten und erst durch diese Geschichten werden Erfahrungen gemacht und um diese Erfahrungen zu versprachlichen Dogmen gebildet. Die Bibel berichtet zwar von Erfahrungen, aber auch bei direkten Visionen und sonstigen Erfahrungen spielt immer eine Art Vermmitlung eine Rolle. Wenn Gott spricht, dann bedient er sich der Sprache. Philosophisch gesagt: ohne Hermeneutik läuft nichts; ohne sich mit den Geschichten der Bibel auseinanderzusetzen, zu ringen, Nähe und Distanz zu verspüren, von den Geschichten ein “erweitertes Selbst” (Ricœur) zu empfangen; ohne die Welt aus der Perspektive des Textes zu betrachten kein Zugang zum biblischen Gott. Das heißt nicht, dass man Erfahrungen nur beim Bibellesen macht, aber das die Geschichten der Bibel eine die Perspektive und vor allem: die Vokabeln für die Erfahrungen geben. Dagegen ist der Glaube wie er von den neo-apophatischen Denkern vertreten wird, vor allem in dem Vokabular der neueren kontenentalen Philosophie gefasst. Das kann als Übertragungsleistung notwendig und richtig sein, bringt aber Probleme mit sich. Der Glaube wird so wahnsinnig dünn, so wahnsinnig auf mein kleines Bewußtsein und meine kleine Erfahrung beschränkt, so wahnsinnig unkommunikativ. Man kann sich gut ein bildungsbürgerliches Akademikerpaar vorstellen, die zwischen all den Vernisagen und Kulturhighlights noch zu hause eine Schweigeminute für den “ganz anderen Gott” durchführen. Aber können diese Leute noch kommunizieren mit dem einfältigen Pfingstler, der voller Begeisterung von seinen Erlebnissen mit Jesus berichtet?

Zweitens: dieser Gott ist doch so sehr undefiniert. Natürlich: das ist das Ziel aller ent-grenzenden Rede. “Das ist kein Computer/kein Stadtteil/kein Getränk, sondern ein Lebensgefühl”. Aber -nochmals philosophisch gesprochen – wo ist die Differenz? Wo die Eigentümlichkeit? Was ist, was den christlichen Gott im Vergleich auszeichnet? Wenn die christlichen Stories etwas sind, dann partikular: es ist dieser Gott, der mit diesem Volk jenes tut. Es ist dieser Mensch in einem Winkel des römischen Reiches, in dem die Fülle der Gottheit wohnt. Ja, wir treiben Theologie nur im Nachklapp; nur im Nachhall; nur im Nach-hinein; nur im Aschluß an das Ereignis Gottes. Aber wir sehen nicht irgendeinem Ereignis hinterher, sondern der Inkarnation. Theologie ist sprechen von Gott nach der Mensch-werdung Gottes. Hier machte sich Gott verwechselbar. Hier trat er ein ins zwielichtige Reich der Sprache, in der er riskierte missbraucht zu werden. Hier gab er uns Namen, Orte, Geschichten und Begriffe, die wir dann sofort wieder für unsere Kreuzzüge benutzten. Aber dennoch sind die Namen, Orte, Geschichten und Begriffe wichtig. Gott ist ein Geheimnis, aber ein umgrenztes Geheimnis. Wir haben das Geheimnis nicht gelüftet, aber wir können darüber reden, dass wir über dieses und nicht jenes Geheimnis reden. Wir können sagen, dass wir vom Geheimnis des Drei-einigen Gottes reden und nicht vom Geheimnis des Fliegenden Spaghettimonsters . Das ist zwar dogmatischer und enger als ein alles einschließender Taizé Mystizismus, aber auch nicht nur bedeutsam für die Identität des christlichen Glaubens, sondern auch ethisch. Wenn wir von einem völlig unbestimmten Gott ausgehen, der nur noch pure Differenz, pures Geheimnis, pures Ereignis ist, so wie Caputo es zB tut, dann fragt sich: ist dieses Geheimnis gut genug und ist es stark genug. Ist dieser Gott der Dunkelheit nicht möglicherweise ein Gott, der mit einredet in eine Fußgängerzone zu laufen und um mich zu schießen? Was wenn Gottes Stimme mir sagt, ich soll mich scheiden lassen und eine mit fremde Person heiraten? Was wenn sie mir einredet, ich wäre ein Völkerapostel und hätte besondere Authorität? Nein, die Bibel beschreibt das Heilige nicht als völliges Unbestimmtes, sondern ruft zum Prüfen, zum Unterscheiden auf und nur der Geist, der sich zurückbindet an die Geschichten vom Fleisch gewordenen Gottes ist der Heilige Geist. Zum Punkt “stark genug”: die Frage, ob ein unbestimmter Glaube die Energien für prophetischen Protest aufbringen kann. Ja klar: Dogmatismus ist oft das Sprechen der Mächtigen über wahr und falsch; legitim und illegitim; berechtigt und unberechtigt; aber der biblische Glauben wird begleitet von Randgestalten, die die offizielle Wahrheit und das offiziell geltende Recht unterwandern; dieses aber nicht in Namen eines unbestimmten “wir könnten das jetzt auch mal anders machen” sondern im Bewusstsein von einer tieferen Wahrheit und einer tieferen Gerechtigkeit ergriffen zu sein. Wir brauchen Wahrheit, wir brauchen Grenzen, auch wenn wir es nicht sind, die die Grenzen immer zu ziehen vermögen.



[Nichts sagender Glaube - Peter Rollins I]
Thursday February 18th 2010, 20:47
Filed under: Bücher, Emerging Church

So, einige Tage war ich jetzt nicht in der Lage meine Blogreihe weiterzuverfolgen, da ich einige Besucher hier in Prag hatte.  Jetzt möchte ich ein bisschen Werbung betreiben: kauft und lest Peter Rollins Buch “Hot (not) to speak of God”, denn dies hat vor einigen Jahren quasi diese Fragen aufgeworfen mit denen ich mich hier beschäftige und diese Blogreihe steht in einen impliziten Dialog mit dem Buch. Es ist ein kurzes/kurzweiliges Buch, dass sich nicht in akademischen Geplänkel verliert, sehr provokant ist -dabei auch an einigen Stellen etwas Schieflage hat – und: es ist in der Sprache der Poesie geschrieben: Metaphern, Vergleiche, Geschichten dominieren das Buch, dass im zweiten Teil davon berichtet, wie diese Gedanken in experimentellen, liturgisch-poetischen Gottesdiensten der Belfaster IKON Community umgesetzt worden. BTW: wenn jemand Bock hat: ich könnte mir vorstellen einmal gemeinsam dieses Buch via Blog(?) durchzuarbeiten und zu besprechen….

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Nichts-sagender Glaube
Thursday February 11th 2010, 14:54
Filed under: Emerging Church, Gottkram

Es wird Zeit, den Blog wiederzubeleben. Eigentlich hatte ich schon lange vor wieder zu bloggen; aber ich wollte vorher den Blog neu designen. Da das aber jetzt aber so schnell nichts zu werden scheint; fange ich einfach dennoch wieder an mich internet-technisch zu Wort zu zu melden.

Und ich beginne;-wie sollte es anders sein- mit einer kurzen Serie. Es geht um ein Thema, welches spätestens mit Pete Rollins – How (not) to speak of God aktuell geworden ist, nämlich ein gewisser mystischer Zugang zu Gott als dem, der alle Begriffe übersteigt, alsdem ganz Anderen über den wir nicht so recht sprechen können. Kurz den Gedanker der apophatischen Theologie und Spiritualität.

Ich will zeigen, warum ein gewissen Maß an apophatischer Theologie, an Nichts-sagenden glauben, gut und wichtig ist und warum man dennoch darüber hinauswachsen muss. Ressourcen für dieses Hinauswachsen findet man unter anderem in der östlich-orthodoxen Theologie und Spiritualität, welche seit Jahrhunderten Apophatische Theologie mit Dogmatischer Theologie (man wird sehen, was genau das heißt) zusammen denkt, lebt und erfährt.

Also auf geht’s.



Gott als Person
Sunday May 24th 2009, 16:20
Filed under: Emerging Church, Freunde und Bekannte

Gestern war ich auf der Hochzeit von 2 der ältesten Kontakte hier in Heidelberg und ich bin grad dabei nach der schönen Feier die “Daten die ich in den letzten Tagen gesammelt habe auszuwerten”; um mal ein wenig technokratisch daherzureden. Die Hochzeitsfeier lebte mit einer gewissen Spannung von den nicht- oder postchristlichen Umfeld von Matze und der doch recht freikirchlich geprägten Gestaltung der Trauung. Ich liebe ja so Gelegenheiten, wenn Welten zusammenprallen. Denn soziale Gruppen haben ja die Tendenz starke Plausibilitäten aufzubauen (zB wie man zu leben und sich zu verhalten hat, welche Art Geschichten man erzählt etc.) und diese ständig zu verstärken und nach außen abzuschotten. Und da macht es doch Spaß, zu beobachten was passiert, wenn zwei dieser Plausibilitätsstrukturen an- und durcheinandergeraten.

Anyways. Auf dem Rückweg begann ich mit einem Freund und kritisch-distanzierten Theologiestudenten über die Hochzeitsfeier und damit auch schnell über das Thema Religion zu reden. Ihm stießen im Besonderen die Lieder und Gebete auf. Er kann mit einem persönlichen Gott nichts anfangen. Teerstegens “Gott ist gegenwärtig” empfand er als Zumutung. Ich bin der Meinung, dass er damit ausspricht, was viele bei der Feier empfunden haben und was symptomatisch für den geistlichen Zustand unserer Kultur ist. Also – wir befanden uns mitlerweile auf dem Balkon vom Wohnheim, es war halb 4 in der Nacht – bohrte ich ein wenig nach. Was genau soll denn das Problem eines persönlichen Gottes sein? Ist das nicht gerad die Schönheit des Theismusses: die persönliche Beziehung mit Gott?

Mein Freund nannte zwei Punkte, die sich schlecht voneinander trennen lassen: Autonomie und Verantwortung.

Wer zu einem persönlichen Gott betet, macht sich abhängig von einem anderen Wesen dort oben. Er gibt sich in die Hände eines Gedankenkonstruktes, er lebt nicht mehr selbstbestimmt. Aber vor allem: er stößt Verantwortung von sich. Wenn jemand mit der Bitte zu Gott kommt: “zeige mir, ob ich die Person heiraten soll!”, steht er nicht mehr in der quälenden Situation, Entscheidungen treffen zu müssen. Eigentlich wird – über seinen Kopf hinweg – entschieden. Das Gute daran ist: wenn etwas schief geht, is er selbst nicht schuld.Ein solcher Glauben muss auf jemanden, der gelernt hat, allein zurechtzukommen kindisch oder gar gefärhlich wirken. Ohne sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, vertraut man auf Stimmen im Kopf und Bücher, die einen die eigene Ängstlichkeit vor den Entscheidungen des Lebens nehmen.

Hinzu kommt eine ästhetische Abscheu gegen die Majestätsmetapher in all den Liedern. Warum verdammt nochmal soll man sich vor Gott verbeugen? Warum sitzt er auf nem Thron? Warum ihm gehorchen?

Soweit schien mein Gesprächspartner also eine recht aufklärerisch-moderne Haltung zu haben, aber dann kam noch ein twist in das Gespräch herrein. Gott ist für ihn keine Person, sondern eine Art intersubjektive Transzendenz. In einem Hegels Pantheismus des Geistes nicht unähnlichen Move erspürte er Gott in einem bestimmten “spirit” in einer Gruppe. In der Fähigkeit, trotz unterschiedlichster Lebenserfahrungen, dennoch Empathie füreinander zu empfinden. Im Gänsehautfeeling eines Fußballstadions, im Rausch des Feierns und im Exzess der Liebe.Christliche Gemeinschaft kann diesen spirit ganz vorzüglich erzeugen bzw. bewußt machen aber mit all dem Gerede über Gott als Person verstellt das Christentum wiederrum den Blick auf den “spirit”. Ich fand die Position von meinen Freund sehr erstaunlich, vor allem da ich weiß, dass er zu Beginn des Studiums quasi Atheist war und er sicherlich von Hegel auch nicht viel gelesen haben konnte.

Ich glaube, diese Art abstrakten Theismus weg vom Personalen hin zu einem stark immanenten Gott, der kaum noch von der Welt zu trennen ist, ist für mich eine große Versuchung. Mir ist klar: die Anfrage von seiten eines autonomen Selbstverständnisses müssen sein. Hier ist und bleibt das Christentum eine gewollte Zumutung an den sich selbst genügsamen Menschen. Aber: wo hat mein Freund mit seinen Beobachtungen recht? Wo beobachtet er einen ungesunden, einen schlechten Theismus bei uns? Wie würde Paulus auf dem Aeropag unserer Kultur “mit den Epikureern und Stoikern” (Apg. 17), mit den lebensfrohen und nach Glück strebenden Deisten und den selbstbestimmten und in sich ruhenden Pantheisten reden? Welche “Altäre an den unbekannten Gott” würde er entdecken? Wo würde es ihm den Magen umdrehen ob unserer Götzen? Wie würde er Gott und das Christusereignis bei uns verkünden? Wie soll ich mit meinen Freund reden? Soll ich ihm entgegenkommen und die Allgegenwart des Geistes Gottes verkünden, der alle gute (Selbst)transzendenz verursacht? Oder soll ich gerade gegen mögliche Auswüchse eines gezähmten Theismus einen radikaleren Theismus stark machen?



subjektivististischer Glaube und die Emerging Conversation
Wednesday April 08th 2009, 22:41
Filed under: Emerging Church

Mahnende und prophetischer Worte sind besonders dann interessant, wenn sie von Personen geäußert werden, die nicht gerade als notorische Nörgler bekannt sind. So geschehen heute von Professor Welker in der sehr schönen Christologie Vorlesung. Welker (ein großer Hegel-Fan und reformierter Prozesstheologe) warnte eindringlich vor einer Form des Glaubens, die besonders im Neuprotestantismus beliebt ist, weil sie sich für eine gewisse Spiritualität ausspricht, diese auch im säkularen Umfeld zu vertreten weiß aber ansonsten kaum inhaltlich gefüllt ist. Diese Form des Glaubens nennt Welker subjektivistischer Glaube oder eben “transzendentales Spießertum”.

Diese Art der Spiritualität versucht nachzuweisen, wie jeder reflektierte Mensch eigentlich auf Gott trifft. Das geht so:

wenn man in sich geht und sich in einer Suche nach Gewißheit auf einen Kern seiner Existenz besinnt, trifft man auf eine Struktur (die das sogenannte reflexionstheoretische Problem des Selbstbewußtseins genannt wurde), dass man Selbst Beobachtender und Beobachter, Subjekt und Objekt zugleich; dass man sich selbst ganz vertraut und völlig fremd ist. Und in dieser Selbstreflexion nimmt man sich plötzlich als Gegebenes wahr. Man hat sich nicht selbst hervorgebracht sondern etwas anderes wohnt in unserer Subjektivität. Dieses andere in uns ist dann natürlich Gott.

Welker polemisiert gegen diese Form der Spiritualität, die teilweise auf Kierkegaard und vielleicht auch auf Buber gründet, denn sie bringe den Kirchen zwar die Kirchensteuerzahler ein, sorge aber auf der anderen Seite für eine notorische Selbstsäkularisierung und Selbstbanalisierung der Kirche. Sie führt zu einer inhaltsleeren Gewißheit, denn sie hat kaum Platz für das Sprachspiel der Bibel. Sie unterscheidet nicht mehr zwischen Gewißheit und Wahrheit. Sie fördert keine Selsbterkenntnis, Gemeinschaftserkenntnis und Welterkenntnis. Sie hat eine neurotisierende suchtartige Form, indem sie ständige “Selbstsorge” produziert und nciht gerade die Freude an Gott weckt. Und sie hat eskapistischen Charakter, denn sie untergräbt die Kommunikation und Sprachfähigkeit und das gemeinsame Feiern Gottes. Sie ist eine Form der natürlichen Theologie nur statt das Erforschen der Welt anzuregen, führt sie nur in die Selbstbeobachtung (und dazu noch die Beobachtungen einer entleerten, transzentalen Subjektivität).

Das war erstmal der etwas hilflose Versuch, die stichpunktartigen Mitschriebe der Vorlesung -noch recht unverdaut – wiederzugeben. Und es ist wie immer: je weniger man verstanden hat, desto komplizierter die Sprache. Aber ich frage mich: kann es sein, dass dies eine Kritik ist, die auch für die Emerging Conversation von Bedeutung ist? Wenn wir – und das ist eine Richtung mit der ich große Sympathie habe – von einem post-metaphysischen Gott reden, wenn Peter Rollins und andere aus Gott die Erfahrung des ganz Anderen machen, die eigentlich von unserer Theologie nicht mehr ganz einzufangen ist, wenn wir immer mehr meditative Formen der Spiritualität fördern und eine große Skepsis gegenüber allzu dogmatischen Formen des Glaubens haben, fördern wir damit die Entleerung des Glaubens? Trifft diese Kritik manches was in der Emerging Conversation abläuft? Fordert sie uns heraus? Oder betrifft sie vielleicht nur landeskirchliche Frömmigkeit und wir tun gut daran,weiter dem Dogmatismus zu untergraben?



Exclusion & Embrace – die Umarmung
Thursday January 01st 2009, 20:41
Filed under: Bücher, Emerging Church

Gutes Neues Jahr wünsche ich den Lesern. Fühlt euch umarmt! Nach ein bisschen Pause will ich jetzt mal wieder einsteigen. Ich hab ja ein wenig über Miroslav Volfs Exclusion & Embrace gebloggt und ich komme jetzt zum zentralen Kapitel des Buchs.

Volf zeigte ja, wie im Konzept von Idenität schon ein Moment der Gewalt steckt: man zieht einen Kreis um sich und entwirft sich als von anderen getrennt. Zusammen mit anderen Mechanismen führt das schnell zu mehr oder weniger subtilen Formen der Gewalt und Ausgrenzung. Auf der anderen Seite sucht Volf auch einen Ausweg aus den radikalen postmodernen Denken alá Derrida und Levinas, in dem von einer radikalen Andersartigkeit gesprochen wird. Man kann den anderen nie wirklich einholen, nie wirklich verstehen, eine Begegnung im Sinne von Buber (Stichwort: Dialog, Ich-werdung am Anderen etc.) wäre in diesem Sinne schon bestenfalls ein Mißverständnis, möglicherweise sogar selbst ein Akt der Gewalt. Lustigerweise wird Buber im ganzen Buch nicht zitiert und dennoch weht ein Hauch von seinem Denken gerade in diesem Kapitel, nur eben dass das Projekt “Begegnung” durch die postmoderne Kritik hindurchgerettet werden soll.

Volf will also unter manch anderem eine Sicht von Identität fördern, die a) Raum in sich hat für den Anderen b)eine echte Begegnung mit dem anderen erlaubt und c) immer noch Momente von Subjektivität zulässt; das Subjekt also nicht völlig auflöst d) die der Kirche nützt und der Welt dient.  Er vollzieht das einmal anhand von Begriffen und einmal anhand von einer Metapher.

Die Begriffe sind: katholische Person/Gemeinschaft; evangelische Persönlichkeit und ökomenische Persönlichkeit.

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[Exlusion & Embrace] Gender Identität 1
Saturday December 06th 2008, 15:26
Filed under: Bücher, Emerging Church

Ok um jetzt etwas zu der Feminismus Debatte beitragen zu können, verschiebe ich Volfs absolut zentralen Kapitel über Identität und Umarmung und gehe gleich in das Gender Kapitel. Dieses hat eine zentrale Stelle in seinen Buch und erhält somit mehr Raum als die Fragen nach Gewalt und Gewaltlosigkeit, was ja schonmal ein Statement für sich ist.

Er beginnt mit einem Nietzsche Zitat: “Der Mann erschuf die Frau – woraus? – Aus der Rippe seines Gottes, seines Ideals.”.

Das ist eine clevere Umkehrung der Genesis Geschichte und enthält viel Wahres: Frausein ist ein kulturelles Konstrukt, das nicht selten als Gegenstück zum Mannsein konstruiert ist: “Hinter jedem großen Mann steht eine treusorgende Hausfrau”. Die Frau wird zur Antithese des Mannes. Gerade in christlichen Kreisen hat man ja solche Klischees: der Mann ist auf Sex aus, die Frau auf Beziehung; die Frau verkraftet eine Trennung schlechter als der Mann; deshalb ist die chrstl. Sexualmoral vor allem zum Schutz der Frau da blablabla.

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Was macht jetzt Volf. Zuerst untersucht er Ansätze, (klassiche und feministische) wahres Mann- und Frausein aus der Natur Gottes herzuleiten. Dann utnersucht er den Körper und die Bibel auf verschiedene Ansätze zur Genderfrage und kommt schließlich auf ein Konzept, dass die Diskussion weiterbringen kann als ein bloßes: “Die Frau muss aus den Ketten der Unterdrückung befreit werden” oder “Wir brauchen ein biblisches Verständnis von Mann- und Frausein”.  Ok, ich versuchs so weit wie möglich herunterzubrechen. Here we go.

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[Exlusion & Embrace] eine zweischneidige Befreiung
Tuesday December 02nd 2008, 01:27
Filed under: Bücher, Emerging Church

Ich überspringe mal fluchs wichtige Kapitel in Miroslav Volfs Buch “Exclusion & Embrace”, um an das Emergent Forum in Erlangen letztes Wochenende anzuknüpfen. Besonders weil ich glaube, dass Miroslav Volf uns DIE Metapher an die Hand gibt, um aus einer neuen Sicht über “Gleichberechtigung” etc. zu sprechen.

[EDIT:]Das krieg ich auch kürzer hin: Miroslav Volf hat ein Problem mit der Metapher der Befreieung, die die Hauptkategorie ist, in der die letzten Jahre explizit oder bei konservativen eher implizit Sozialtheologie betrieben wurde.

Befreiung ist die Negation von Unterdrückung; das Sprengen der Fesseln sozusagen. Alles, was gegen Unterdrückung gerichtet ist, zählt als Befreieung. Zustände, die die Unterdrückung beenden zählen als “Freiheit”. Dabei wird aber auch ein Täter-Opfer Schema produziert, welches in echten Konfliktfällen nur selten Berechtigung hat. Ja, meistens hat “irgendwer angefangen”. Aber umso länger der Konflikt geht, umso schwieriger ist es, von unschuldigen Opfern und grausamen Tätern zu sprechen. Selbst wenn es Konflikte gab, in denen man eindeutig Täter und Opfer ausmachen konnte, ändern sich, nachdem die Täter besiegt werden oft die Rollen. Volf unterscheidet zwischen Täter und Opfer als Kategorie, diese müssen weiterhin verwendet werden und zwischen Täter und Opfer als Schema, dieses ist meist wenig hilfreich.

Dieses Schema führt zu ideologischer Verblendung, da man ja einen gerechten Kampf kämpft ist man nicht mehr fäihg, sich in die andere Partei hineinzuversetzen. Zum Anderen wird die Opfer Seite entmündigt; sie wird sehr passiv gedacht.

Deshalb plädiert Volf dafür, Befreieung als Schema zu ersetzen mit der Metapher der Umarmung. Außerdem soll Freiheit als finales Ziel von sozialer Theologie ersetzt werden durch das Ziel “Liebe”.
[Es folgt die längere, ursprüngliche Variante]
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Der vergessene Tillich
Tuesday July 15th 2008, 18:02
Filed under: Bücher, Emerging Church, Gottkram

So die letzten Klausuren geschrieben. Wie kann man sich die Wartezeit, bis die nächste 24 Folge vollständig geladen ist besser vertreiben als mit nem bisschen bloggen? Alles was sie hier lesen ist übrigens in Echtzeit geschrieben ;-D So here we go:

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Patrick sagte mir “Es geht heutzutage nur noch um Barth. Barth hier, Barth da. Barthkonferenzen. Barthblogs. Dabei werden andere Theologen total vernachlässigt.” Ich glaub, auch in der Emerging Szene kann es passieren, dass man vielleicht sich zu stark auf ein paar wenige Namen, sagen wir Moltmann und Wright konzentriert. Doch ähnlich wie Patrick von “God in a Shrinking Universe” merke ich langsam, dass Paul Tillich uns heute viel zu sagen hat.

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