[Nichts-sagender Glaube: welche Probleme?]
Wednesday May 26th 2010, 11:47
Filed under: Bücher, Emerging Church

Welche Probleme verbinden sich mit so einem apophatischem Ansatz, der Gott als den ganz anderen betont? Ich nenne hier mal 2- 3: naive Unmittelbarkeit, Untreue den Schriften gegenüber und Ununterscheidbarkeit Gottes.

Diese Philosophen, die wieder einen Rückgriff auf die negative und/oder die apophatische Mystik wagen, kommen mehr oder weniger alle aus der phänomenologischen Ecke. Sie untersuchen alltägliche und nicht so alltägliche Phänomene wie Liebe, Angst, die Welt, den Leib und seit Neuestem eben auch Gott mit der Frage: “Was spielt sich im Kopf ab?”. Sie versuchen also keine Aussagen über Gott an sich zu machen, sondern über den Gläubigen während er in Kontakt mit Gott steht.  Dabei vernachlässigen sie, dass der christliche Glaube nciht einfach eine Hotline zu Gott darstellt, die direkt an Gott andockt. Der Glaube ist vermittelt. Anders gesagt: Gott offenbahrt sich in Geschichten und erst durch diese Geschichten werden Erfahrungen gemacht und um diese Erfahrungen zu versprachlichen Dogmen gebildet. Die Bibel berichtet zwar von Erfahrungen, aber auch bei direkten Visionen und sonstigen Erfahrungen spielt immer eine Art Vermmitlung eine Rolle. Wenn Gott spricht, dann bedient er sich der Sprache. Philosophisch gesagt: ohne Hermeneutik läuft nichts; ohne sich mit den Geschichten der Bibel auseinanderzusetzen, zu ringen, Nähe und Distanz zu verspüren, von den Geschichten ein “erweitertes Selbst” (Ricœur) zu empfangen; ohne die Welt aus der Perspektive des Textes zu betrachten kein Zugang zum biblischen Gott. Das heißt nicht, dass man Erfahrungen nur beim Bibellesen macht, aber das die Geschichten der Bibel eine die Perspektive und vor allem: die Vokabeln für die Erfahrungen geben. Dagegen ist der Glaube wie er von den neo-apophatischen Denkern vertreten wird, vor allem in dem Vokabular der neueren kontenentalen Philosophie gefasst. Das kann als Übertragungsleistung notwendig und richtig sein, bringt aber Probleme mit sich. Der Glaube wird so wahnsinnig dünn, so wahnsinnig auf mein kleines Bewußtsein und meine kleine Erfahrung beschränkt, so wahnsinnig unkommunikativ. Man kann sich gut ein bildungsbürgerliches Akademikerpaar vorstellen, die zwischen all den Vernisagen und Kulturhighlights noch zu hause eine Schweigeminute für den “ganz anderen Gott” durchführen. Aber können diese Leute noch kommunizieren mit dem einfältigen Pfingstler, der voller Begeisterung von seinen Erlebnissen mit Jesus berichtet?

Zweitens: dieser Gott ist doch so sehr undefiniert. Natürlich: das ist das Ziel aller ent-grenzenden Rede. “Das ist kein Computer/kein Stadtteil/kein Getränk, sondern ein Lebensgefühl”. Aber -nochmals philosophisch gesprochen – wo ist die Differenz? Wo die Eigentümlichkeit? Was ist, was den christlichen Gott im Vergleich auszeichnet? Wenn die christlichen Stories etwas sind, dann partikular: es ist dieser Gott, der mit diesem Volk jenes tut. Es ist dieser Mensch in einem Winkel des römischen Reiches, in dem die Fülle der Gottheit wohnt. Ja, wir treiben Theologie nur im Nachklapp; nur im Nachhall; nur im Nach-hinein; nur im Aschluß an das Ereignis Gottes. Aber wir sehen nicht irgendeinem Ereignis hinterher, sondern der Inkarnation. Theologie ist sprechen von Gott nach der Mensch-werdung Gottes. Hier machte sich Gott verwechselbar. Hier trat er ein ins zwielichtige Reich der Sprache, in der er riskierte missbraucht zu werden. Hier gab er uns Namen, Orte, Geschichten und Begriffe, die wir dann sofort wieder für unsere Kreuzzüge benutzten. Aber dennoch sind die Namen, Orte, Geschichten und Begriffe wichtig. Gott ist ein Geheimnis, aber ein umgrenztes Geheimnis. Wir haben das Geheimnis nicht gelüftet, aber wir können darüber reden, dass wir über dieses und nicht jenes Geheimnis reden. Wir können sagen, dass wir vom Geheimnis des Drei-einigen Gottes reden und nicht vom Geheimnis des Fliegenden Spaghettimonsters . Das ist zwar dogmatischer und enger als ein alles einschließender Taizé Mystizismus, aber auch nicht nur bedeutsam für die Identität des christlichen Glaubens, sondern auch ethisch. Wenn wir von einem völlig unbestimmten Gott ausgehen, der nur noch pure Differenz, pures Geheimnis, pures Ereignis ist, so wie Caputo es zB tut, dann fragt sich: ist dieses Geheimnis gut genug und ist es stark genug. Ist dieser Gott der Dunkelheit nicht möglicherweise ein Gott, der mit einredet in eine Fußgängerzone zu laufen und um mich zu schießen? Was wenn Gottes Stimme mir sagt, ich soll mich scheiden lassen und eine mit fremde Person heiraten? Was wenn sie mir einredet, ich wäre ein Völkerapostel und hätte besondere Authorität? Nein, die Bibel beschreibt das Heilige nicht als völliges Unbestimmtes, sondern ruft zum Prüfen, zum Unterscheiden auf und nur der Geist, der sich zurückbindet an die Geschichten vom Fleisch gewordenen Gottes ist der Heilige Geist. Zum Punkt “stark genug”: die Frage, ob ein unbestimmter Glaube die Energien für prophetischen Protest aufbringen kann. Ja klar: Dogmatismus ist oft das Sprechen der Mächtigen über wahr und falsch; legitim und illegitim; berechtigt und unberechtigt; aber der biblische Glauben wird begleitet von Randgestalten, die die offizielle Wahrheit und das offiziell geltende Recht unterwandern; dieses aber nicht in Namen eines unbestimmten “wir könnten das jetzt auch mal anders machen” sondern im Bewusstsein von einer tieferen Wahrheit und einer tieferen Gerechtigkeit ergriffen zu sein. Wir brauchen Wahrheit, wir brauchen Grenzen, auch wenn wir es nicht sind, die die Grenzen immer zu ziehen vermögen.



[Nichts sagender Glaube - Peter Rollins I]
Thursday February 18th 2010, 20:47
Filed under: Bücher, Emerging Church

So, einige Tage war ich jetzt nicht in der Lage meine Blogreihe weiterzuverfolgen, da ich einige Besucher hier in Prag hatte.  Jetzt möchte ich ein bisschen Werbung betreiben: kauft und lest Peter Rollins Buch “Hot (not) to speak of God”, denn dies hat vor einigen Jahren quasi diese Fragen aufgeworfen mit denen ich mich hier beschäftige und diese Blogreihe steht in einen impliziten Dialog mit dem Buch. Es ist ein kurzes/kurzweiliges Buch, dass sich nicht in akademischen Geplänkel verliert, sehr provokant ist -dabei auch an einigen Stellen etwas Schieflage hat – und: es ist in der Sprache der Poesie geschrieben: Metaphern, Vergleiche, Geschichten dominieren das Buch, dass im zweiten Teil davon berichtet, wie diese Gedanken in experimentellen, liturgisch-poetischen Gottesdiensten der Belfaster IKON Community umgesetzt worden. BTW: wenn jemand Bock hat: ich könnte mir vorstellen einmal gemeinsam dieses Buch via Blog(?) durchzuarbeiten und zu besprechen….

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Was heißt denn hier “Beziehung”?
Sunday July 12th 2009, 17:48
Filed under: Arne erklärt die Welt, Bücher, beobachtet, das Leben und so

Im Hintergrund läuft Element of Crime mit Sven Regeners schwerer Whiskeystimme, den Mexikanerhut-Trompeten und den Altherrentexten zwischen trotzigem Schwermut und verspielt balladesken Liebeshymnen, die es auch nur so beinahe schaffen, nicht peinlich zu sein. Optimale Untermalung für das Thema, welches mir für heut Abend aufgetragen wurde. In unserem Gemeinde Emergenz-Cluster nehmen wir gerade die ersten vier Kapitel von Tom Wrights “simply christian” durch. Er meint dabei 4 Sehnsüchte des Menschen in unserer Zeit zu finden, die wie 4 Echoes einer längst verlorenen Stimme sind, die in uns nachhallt. Der Stimme Gottes.

Und eine dieser Echoes ist, nachdem jetzt schon die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Spiritualität durchdekliniert wurden, die Sehnsucht nach Beziehungen. Wright meint dabei zu beobachten, dass in unserre Kultur das Reden über Beziehungen und Gemeinschaft sprunghaft angestiegen ist. Gerade das Reden über ein Thema, weist ja oft auf ein bestimmtes Defizit einer Kultur in diesem Bereich hin. Hier könnte man jetzt bequem die kommunitaristische Liberalismuskritik eines Charles Taylors eintragen, aber um das jetzt aufzurollen, bin ich eindeutig zu faul. Heut abend gibt es schon genug Theoriecocktail (von Taylor über Stanley Grenz bis Bonhoeffer).
Aber. Ich bin auf ein Buch, einen Klassiker der Sozialpsychologie gestoßen, den ich schon immer mal quer lesen wollte. Nämlich den Beck-Gernsheim: Das ganz normale Chaos der Liebe. In diesem Buch versucht das Authorenpaar(!) die Liebes- und Paarbeziehungen in modernen, individualisierten Gesellschaften zu untersuchen. Und in dem fulminanten ersten Kapitel wird gleich mal ein gleißendes Licht auf die Liebe und ihre Probleme, Aporien, Überhöhung und Verdrehungen geworfen. Eine der Thesen lautet: mit dem Wegfall der Transzendenz (klassisch gedacht als Gott) folgt eine Erhöhung jener Unmittelbarkeit, die wir als Liebe zu bezeichnen gelernt haben. Mit dieser Überhöhung geht dann aber gleich die Enttäuschung, die Heuschreckenexistenz einher.Ich zitiere:

“Der ganz alltägliche Krieg der Geschlechter, laut und leise, innerhalb, vor, nach,neben der Ehe ist vielleicht der eindringlichste Maßsstab für den Hunger nach Liebe, mit dem die Menschen heute übereinander herfallen: paradise now! ist die Devise der Irdischen, deren Himmel und Hölle entweder nirgendwo oder auf der Erde liegen. … Die Menschen heiraten um der Liebe willen und lassen sich um der Liebe willen scheiden. Die Partnerschaft wird ausstauschbar praktiziert, nihct um die die Last der Liebe endlich abzustreifen, sondern weil das Gesetz der erfüllten Liebe dies verlangt. Der späte Turmbau zu Babel, aus Scheidungsurteilen errichtet, ist ein Denkmal der enttäuschten, überhöhten Liebe. … Der irdische Glaube der religionslosen, scheinbar rationalen Gegenwartsmenschen ist das Du, die Suche nach der Liebe im anderen. Oft nicht eingestandenermaßen, da dadurch jeder sich an etwas ausliefert, das den Prinzipien des kalkulierten Lebens wiederspricht. … Die Sucht nach Liebe ist DER Fundamentalismus der Moderne. Liebe ist religion nach der Religion, der Fundamentalismus nach der Überwindung desselben. Der Gott der Privatheit ist die Liebe. Wir leben im Zeitalter des real existierenden Schlagertextes. Die Romantik hat gesiegt, die Therapeuten kassieren.”
Starke Worte, auch wenn man den gleichen Zustand sicher auch weniger im Duktus des Abgesangs und einer prophetischen Gerichtsrede und mit mehr Gespür für die suche nach dem Unbekannten Gott halten könnte. Nur die Szenerie ist richtig. Wir sind – wie jede Generation, die “unter der Sonne” (Prediger) und “auf verfluchten Ackerboden” (Genesis) lebt – in Aporien gerate. Und diese Situation der Zweideutigkeit nötigen uns zuder Frage: “Wie sollen wir heute lieben? Wie KÖNNEN wir heute lieben?”

Mittlerweile bin ich bei der Band Slut angekommen.



[Atheism for lent - Marx 2]
Monday March 09th 2009, 19:20
Filed under: Bücher, Gottkram

Weiter geht mit meine Auseinandersetzung mit den “masters of suspicion”. Im letzten Post zeigte ich auf, wie allergisch Marx auf das Staatschristentum reagierte. “Der Gott der Christen ist ihre Nation” (was in der hegelianischen Atmosphäre seiner Zeit durchaus ein denkbarer Gedanke war). Er kritsierte die Verbindung zwischen Protestantismus und repressiv-autoriäten preußischem Staat. Und hier würde jetzt der normale Freikirchler mit einer Formel kommen, die ihm eingeprügelt wurde: “Ja genau DAS ist die Realitätder Staatskirche. Da geht es um Macht und Einfluss und nicht um echten Glauben. Das ist “RELIGION” (ein Haßwort bei Freikirchlern), das sind starre Strukturen, das ist Pharisäertum. Wir geisterfüllten Freikirchler würden das nicht tun. Bei uns geht es um Jesus, um Spiritualität, um Spontanität, um Liebe und nicht um Macht. Wir üben Barmherzigkeit und sind für die Leute da.”

Ok ein valider Punkt. Aber gucken wir uns ein historisches Beispiel an, das für viele immer noch als DAS Beispiel für genuines Geistwirken gilt: die Entstehung der Pfingstbewegung. Bei der Azusa-Street-Erweckung, die viele als ein authentisches Wirken des Heiligen Geistes und als Geburtsstunde der mitlerweile dynamischten Bewegung des Christentums ansehen, gab es dieses Moment, wo in dieser Ekstase und in dieser Unmittelbarkeit ein Riß in der sozialen Ordnung entstand. Denn zunächst war die gesetzlich geregelte Rassentrennung aufgehoben. Doch wie lange hielt das? Einige Wochen. Dann kam jemand auf die Idee: nein nein wir müssen uns an die gesellschfatlichen Konventionen halten damit alles hier ordentlich abläuft.

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[Atheism for lent - Einleitung]
Thursday February 26th 2009, 20:19
Filed under: Bücher

Gestern begann die Fastenzeit. Eine Zeit, in der – so man sie denn irgendwie begeht – der Glaube gereinigt werden soll; in der man sich besinnt und auf das Wesentliche konzentriert. Bei meiner Vorbereitung für einen Workshop auf den Emergent Forum bin ich auf ein Buch gestoße, dass einen ungewöhnlichen Vorschlag macht: Dr. Merold Westphal, Dozent für kontinentale Philosophie an der von Jesuiten betriebenen Fordham Universitiy in New York, machte eine Beobachtung:

In der Bibel wird häufig die Möglichkeit erwähnt (zB in der Geschichte mit dem goldenen Kalb), dass ein Glaube, der nach außen hin stark und echt aussieht, in Wirklichkeit Götzendienst sein kann. Götzendienst bedeutet, dass wir einen Gott anbeten, den wir kontrollieren können, der uns vor den Härten des Lebens beschützt und der nicht in unser Leben hineinredet. Ein Götze muss dabei nicht unbedingt ein bequemes Konstrukt von Gott sein, im Gegenteil: in der Bibel sind die Götzen oft sehr fordernde Wesen, die oft große Opfer verlangen. Auch ist nicht jeder Götze prinzipiell unmoralisch; Paulus kämpft in Kolosser 2:17 – 23 gegen eine Art von hypermoralischer, abgehobener Frömmigkeit, die dem Einzelnen viel abverlangt, die aber dennoch ein Götzendienst ist. Also stellt sich die Frage: wenn es so einfach ist, einer Art Götzendienst zu verfallen und es so schwierig ist, diese Art von inauthentischen, selbstzerstörerischen, kraftlosen Glauben bei sich zu entdecken, wie kann man dann überhaupt dieser Falle entgehen?

Ich glaube, man muss zunächst sehen, dass das Christentum sicher keine Religion, die gegen diesen Pseudo-Glauben, gegen Ideologien und Verstrickungen mit anderen zerstörerischen Weltanschaungen gefeilt ist. Aber im Christentum ist ein Impuls: Der Impuls zur (Selbst-)kritik, den man Busse nennt. Ich denke, das ist die tiefere Bedeutung der Fastenzeit. Es geht nicht nur um Abweichungen von einer moralischen Leitlinie, um “Tschuldigung” sagen und darum Besserung zu geloben: nein, in der Fastenzeit soll der heilsame Impuls gnädiger (Selbst-)kritik hindurchkommen. Es sollen Fragen aufgeworfen werden: Wo lebe ich eine andere Geschichte als die, die ich behaupte zu leben? Wo ist mein Glaube eine Flucht vor der Realität? Wo verhindert meine Art den Glauben zu leben, dass ich Segen erfahren und Segen sein kann in der Welt? Wo hält mich mein Glauben klein, wo macht er mich blind für meinen Nächsten, wo macht er mein Leben eng?

Dieses sind Fragen für die Fastenzeit. Und Merold Westphal kommt mit einen ungewöhnlichen Vorschlag: lasst uns bei diesen Fragen auf die Stimmen von außerhalb hören. Gott spricht manchmal durch Esel, durch verlauste Außenseiter in der Wüste des Lebens, also warum kann Gott nicht durch den vereinsamten Nietzsche, durch den prophetenbärtigen Marx und durch Freud reden? Warum kann er nicht sogar durch unsere Nichtchristlichen Freunde reden? Könnte es sein, dass all diese Leute manchmal ein sehr feines Gespür dafür haben, wo unser Glauben zum Götzendienst wird? Könnte es sein, dass wir ihre Kritik zweckentfremdet vor unseren Karren schnallen können, auf dass wir ein Stück weiter kommen hin zu einem authentischen Glauben?

Ich möchte euch dazu einladen, in den nächsten Wochen bis Ostern mit auf die Reise zu kommen, auf der wir vielen ungewöhnlichen Stimmen zuhören wollen, die uns manchmal schmerzhafte Fragen stellen.



Rebellion und rote Ampeln
Sunday January 11th 2009, 16:09
Filed under: Arne erklärt die Welt, Bücher, Szenekram


Im Werke Max Goldt’s findet sich manches Schmunzelnswertes, manche falsche Prophetie (z.B. prophezeite er in den 90ern das restlose Verschwinden von Messenger Bags sah aber das Verschwinden von Telefaxen keineswegs voraus), aber es gibt nur eine Aussage, die im platonischen Sinne als Wahrheit, als die Wahrheit selbst angesehen werden kann. Und selbst diese ist nur andeutungsweise formuliert.

Es heißt im Text „Knallfluchttourismus“ da:pmod0162.JPG

„Gelegentlich liebe ich es, mich fremder Bestimmung auszuliefern. Normalerweise sagt mir nie einer, was ich tun soll, alles entscheide ich selbst. […] Wunderbar ist es, an einer roten Fußgängerampel auch dann stehen zubleiben, wenn alle anderen Passanten es für nötig halten, wie rebellische Teenager zwischen den fahrenden Autos herumzuhecheln. Mir wird von oben, von einer süßen anonymen Macht, eine Pause angeboten und ich bin so entgegenkommend, dieses Angebot anzunehmen, indem ich friedensreich verharre. Warum soll ich unentwegt um Souveränität und Unabhängigkeit ringen? Ich bin doch kein pubertierender Zwergstaat. Der rote Mann bietet mir eine freie Minute an und ich als freier Mann knabbere den Zeitsnack gern. Sich kurz und freiwillig dem Geheiß des roten Mannes zu unterwerfen erspart einem –nicht zuletzt- den Gang zur Domina. Sich einem harmlosen Diktat ganz selbstverständlich zu fügen ist eine süße und runde Sache. Da denke ich: >>Eine mir unbekannte Autorität verbietet mir etwas und mir regt sich kein Widerstand. Ich beginne zu ahnen, was Frieden sein könnte.<<“

Eine sehr gute Beschreibung, auch wenn sie noch nicht weit genug geht. Denn es handelt sich hier um den letzten revolutionären Akt, den letzten Akt der Selbstvergewisserung. Das muss ich erklären. Wenn man in seiner Persönlichkeit etwas hat, einen Drang nach Freiheit und Lebendigkeit, der sich dadurch definiert, dass man den Gesetzen, Notwendigkeiten und Zuschreibungen dieser Gesellschaft entkommen will, dann hat man es schwer.  Denn, was macht man in einer Gesellschaft ohne Grenzen, ohne Tabus, ohne traditionelle Werte und ohne Entrüstung? Eine Gesellscahft, in der jedes vermeintliche Tabu schon von den Eltern gebrochen wurde, in der jede Grenze auf RTL von sogenannten Comedians in massenkompatiblen Zynismen überschritten wird und in dem die Masse die Aristokratie ist, also diejenigen, die sich dadurch definieren, dass sie sich von der Masse abheben? Wie will man rebellieren, wenn Punk Mainstream ist? Wenn alle Autoritäten auf der Kumpelebene kommunizieren? Wie rebellieren, wenn man dem Dikatat, des Utilitarismus unterworfen ist: Tue, was dir Spass macht! Tue, was dich selbst voran bringt! Handle stets so, dass du „glücklich“, „authentisch“ und effizient dein Leben begehst und lass dich von nichts davon abbringen, es sei denn, es gefährdet den Anderen, das selbe zu tun.

Da saß ich neulich mit einer Bekannten aus Berlin – manch einem mag ihr Text aus meinem Seminar aufm Emergent Forum noch erinerlich sein – die sich nach einer evangelikalen Jugendzeit vom christlichen Glauben abgewendet hat, bei nem Wein an einer Bar und unterhielten uns. „Das Problem ist, früher hatte ich Verbote gegen die ich rebellieren konnte. Jetzt ist alles erlaubt.“

In einer liberaldemokratischen Gesellschaft bleibt nur wenig zum rebellieren: du kannst Ausschwitz leugnen und Nazi werden, Darwin leugnen und Fundamentalist werden oder du kannst den Drang nach Rebellion und Authentizität leugnen und an roten Ampeln stehen bleiben.

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Denn Freiheit bedeutet, freiwillig an roten Ampel stehen zu bleiben.



Exclusion & Embrace – die Umarmung
Thursday January 01st 2009, 20:41
Filed under: Bücher, Emerging Church

Gutes Neues Jahr wünsche ich den Lesern. Fühlt euch umarmt! Nach ein bisschen Pause will ich jetzt mal wieder einsteigen. Ich hab ja ein wenig über Miroslav Volfs Exclusion & Embrace gebloggt und ich komme jetzt zum zentralen Kapitel des Buchs.

Volf zeigte ja, wie im Konzept von Idenität schon ein Moment der Gewalt steckt: man zieht einen Kreis um sich und entwirft sich als von anderen getrennt. Zusammen mit anderen Mechanismen führt das schnell zu mehr oder weniger subtilen Formen der Gewalt und Ausgrenzung. Auf der anderen Seite sucht Volf auch einen Ausweg aus den radikalen postmodernen Denken alá Derrida und Levinas, in dem von einer radikalen Andersartigkeit gesprochen wird. Man kann den anderen nie wirklich einholen, nie wirklich verstehen, eine Begegnung im Sinne von Buber (Stichwort: Dialog, Ich-werdung am Anderen etc.) wäre in diesem Sinne schon bestenfalls ein Mißverständnis, möglicherweise sogar selbst ein Akt der Gewalt. Lustigerweise wird Buber im ganzen Buch nicht zitiert und dennoch weht ein Hauch von seinem Denken gerade in diesem Kapitel, nur eben dass das Projekt “Begegnung” durch die postmoderne Kritik hindurchgerettet werden soll.

Volf will also unter manch anderem eine Sicht von Identität fördern, die a) Raum in sich hat für den Anderen b)eine echte Begegnung mit dem anderen erlaubt und c) immer noch Momente von Subjektivität zulässt; das Subjekt also nicht völlig auflöst d) die der Kirche nützt und der Welt dient.  Er vollzieht das einmal anhand von Begriffen und einmal anhand von einer Metapher.

Die Begriffe sind: katholische Person/Gemeinschaft; evangelische Persönlichkeit und ökomenische Persönlichkeit.

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[Exclusion & Embrace] Gender Identität 2
Sunday December 21st 2008, 20:07
Filed under: Bücher

Miroslav Volf teilt mit vielen Postmodernen Denkern die Emphase der Unterschiedlichkeit. Gleichheit/Identität führt schnell zur Ausgrenzung und zu Totalitarismus. Deshalb kommt Volf, wie viele Theologen vor ihm, zu der Frage der Dreieinigkeit; besser gesagt zur Trinität. Es gibt verschiedene Metaphern, wie man die Trinität beschreiben kann. Zum einen das der Theatermasken, hinter denen sich ein und dasselbe Gesicht verbirgt. Aber in letzter Zeit kam eine alte griechische Metapher wieder in Mode, die seinerzeit Johannes von Damaskus geprägt hat. Dies ist die Metapher des Tanzes: die 3 Personen der Dreieinigkeit tanzen umeinander und geben sich gegenseitig “die Ehre”; das heißt erst durch die Anderen werden sie, was sie sind. Es ist ein Kreislauf von gegenseitiger Selbst-Hingabe und Offenheit für den Anderen. Der Andere Teil der Trinität ist immer schon Teil von dem Anderen. Volf süpricht von “mutual indwelling” von gegenseitiger Innewohnung/ davon, dass alle Personen gegenseitig Teil von einander sind. Jeder empfängt seine Identität durch die Hingabe des Anderen und jeder gibt sich an den Anderen.

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Nur was kann man mit dieser komplexen Sicht von Identität anfangen? Wie kann der Gedanke von “Selbsthingabe” und “mutual indwelling” vom Himmel auf die Erde gebracht werden? Das – so stellt Volf in genialer Weise fest – ist DIE Frage der Heilsgeschichte. Wie kann das göttliche Leben, die göttliche Gemeinschaft, die göttliche Lebendigkeit und Liebe “hier unten” funktionieren? Welche Auswirkungen hat dies auf die Frage nach den Beziehungen zwischen den Geschlchtern?

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[Exlusion & Embrace] Gender Identität 1
Saturday December 06th 2008, 15:26
Filed under: Bücher, Emerging Church

Ok um jetzt etwas zu der Feminismus Debatte beitragen zu können, verschiebe ich Volfs absolut zentralen Kapitel über Identität und Umarmung und gehe gleich in das Gender Kapitel. Dieses hat eine zentrale Stelle in seinen Buch und erhält somit mehr Raum als die Fragen nach Gewalt und Gewaltlosigkeit, was ja schonmal ein Statement für sich ist.

Er beginnt mit einem Nietzsche Zitat: “Der Mann erschuf die Frau – woraus? – Aus der Rippe seines Gottes, seines Ideals.”.

Das ist eine clevere Umkehrung der Genesis Geschichte und enthält viel Wahres: Frausein ist ein kulturelles Konstrukt, das nicht selten als Gegenstück zum Mannsein konstruiert ist: “Hinter jedem großen Mann steht eine treusorgende Hausfrau”. Die Frau wird zur Antithese des Mannes. Gerade in christlichen Kreisen hat man ja solche Klischees: der Mann ist auf Sex aus, die Frau auf Beziehung; die Frau verkraftet eine Trennung schlechter als der Mann; deshalb ist die chrstl. Sexualmoral vor allem zum Schutz der Frau da blablabla.

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Was macht jetzt Volf. Zuerst untersucht er Ansätze, (klassiche und feministische) wahres Mann- und Frausein aus der Natur Gottes herzuleiten. Dann utnersucht er den Körper und die Bibel auf verschiedene Ansätze zur Genderfrage und kommt schließlich auf ein Konzept, dass die Diskussion weiterbringen kann als ein bloßes: “Die Frau muss aus den Ketten der Unterdrückung befreit werden” oder “Wir brauchen ein biblisches Verständnis von Mann- und Frausein”.  Ok, ich versuchs so weit wie möglich herunterzubrechen. Here we go.

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[Exlusion & Embrace] eine zweischneidige Befreiung
Tuesday December 02nd 2008, 01:27
Filed under: Bücher, Emerging Church

Ich überspringe mal fluchs wichtige Kapitel in Miroslav Volfs Buch “Exclusion & Embrace”, um an das Emergent Forum in Erlangen letztes Wochenende anzuknüpfen. Besonders weil ich glaube, dass Miroslav Volf uns DIE Metapher an die Hand gibt, um aus einer neuen Sicht über “Gleichberechtigung” etc. zu sprechen.

[EDIT:]Das krieg ich auch kürzer hin: Miroslav Volf hat ein Problem mit der Metapher der Befreieung, die die Hauptkategorie ist, in der die letzten Jahre explizit oder bei konservativen eher implizit Sozialtheologie betrieben wurde.

Befreiung ist die Negation von Unterdrückung; das Sprengen der Fesseln sozusagen. Alles, was gegen Unterdrückung gerichtet ist, zählt als Befreieung. Zustände, die die Unterdrückung beenden zählen als “Freiheit”. Dabei wird aber auch ein Täter-Opfer Schema produziert, welches in echten Konfliktfällen nur selten Berechtigung hat. Ja, meistens hat “irgendwer angefangen”. Aber umso länger der Konflikt geht, umso schwieriger ist es, von unschuldigen Opfern und grausamen Tätern zu sprechen. Selbst wenn es Konflikte gab, in denen man eindeutig Täter und Opfer ausmachen konnte, ändern sich, nachdem die Täter besiegt werden oft die Rollen. Volf unterscheidet zwischen Täter und Opfer als Kategorie, diese müssen weiterhin verwendet werden und zwischen Täter und Opfer als Schema, dieses ist meist wenig hilfreich.

Dieses Schema führt zu ideologischer Verblendung, da man ja einen gerechten Kampf kämpft ist man nicht mehr fäihg, sich in die andere Partei hineinzuversetzen. Zum Anderen wird die Opfer Seite entmündigt; sie wird sehr passiv gedacht.

Deshalb plädiert Volf dafür, Befreieung als Schema zu ersetzen mit der Metapher der Umarmung. Außerdem soll Freiheit als finales Ziel von sozialer Theologie ersetzt werden durch das Ziel “Liebe”.
[Es folgt die längere, ursprüngliche Variante]
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