Im Hintergrund läuft Element of Crime mit Sven Regeners schwerer Whiskeystimme, den Mexikanerhut-Trompeten und den Altherrentexten zwischen trotzigem Schwermut und verspielt balladesken Liebeshymnen, die es auch nur so beinahe schaffen, nicht peinlich zu sein. Optimale Untermalung für das Thema, welches mir für heut Abend aufgetragen wurde. In unserem Gemeinde Emergenz-Cluster nehmen wir gerade die ersten vier Kapitel von Tom Wrights “simply christian” durch. Er meint dabei 4 Sehnsüchte des Menschen in unserer Zeit zu finden, die wie 4 Echoes einer längst verlorenen Stimme sind, die in uns nachhallt. Der Stimme Gottes.
Und eine dieser Echoes ist, nachdem jetzt schon die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Spiritualität durchdekliniert wurden, die Sehnsucht nach Beziehungen. Wright meint dabei zu beobachten, dass in unserre Kultur das Reden über Beziehungen und Gemeinschaft sprunghaft angestiegen ist. Gerade das Reden über ein Thema, weist ja oft auf ein bestimmtes Defizit einer Kultur in diesem Bereich hin. Hier könnte man jetzt bequem die kommunitaristische Liberalismuskritik eines Charles Taylors eintragen, aber um das jetzt aufzurollen, bin ich eindeutig zu faul. Heut abend gibt es schon genug Theoriecocktail (von Taylor über Stanley Grenz bis Bonhoeffer).
Aber. Ich bin auf ein Buch, einen Klassiker der Sozialpsychologie gestoßen, den ich schon immer mal quer lesen wollte. Nämlich den Beck-Gernsheim: Das ganz normale Chaos der Liebe. In diesem Buch versucht das Authorenpaar(!) die Liebes- und Paarbeziehungen in modernen, individualisierten Gesellschaften zu untersuchen. Und in dem fulminanten ersten Kapitel wird gleich mal ein gleißendes Licht auf die Liebe und ihre Probleme, Aporien, Überhöhung und Verdrehungen geworfen. Eine der Thesen lautet: mit dem Wegfall der Transzendenz (klassisch gedacht als Gott) folgt eine Erhöhung jener Unmittelbarkeit, die wir als Liebe zu bezeichnen gelernt haben. Mit dieser Überhöhung geht dann aber gleich die Enttäuschung, die Heuschreckenexistenz einher.Ich zitiere:
“Der ganz alltägliche Krieg der Geschlechter, laut und leise, innerhalb, vor, nach,neben der Ehe ist vielleicht der eindringlichste Maßsstab für den Hunger nach Liebe, mit dem die Menschen heute übereinander herfallen: paradise now! ist die Devise der Irdischen, deren Himmel und Hölle entweder nirgendwo oder auf der Erde liegen. … Die Menschen heiraten um der Liebe willen und lassen sich um der Liebe willen scheiden. Die Partnerschaft wird ausstauschbar praktiziert, nihct um die die Last der Liebe endlich abzustreifen, sondern weil das Gesetz der erfüllten Liebe dies verlangt. Der späte Turmbau zu Babel, aus Scheidungsurteilen errichtet, ist ein Denkmal der enttäuschten, überhöhten Liebe. … Der irdische Glaube der religionslosen, scheinbar rationalen Gegenwartsmenschen ist das Du, die Suche nach der Liebe im anderen. Oft nicht eingestandenermaßen, da dadurch jeder sich an etwas ausliefert, das den Prinzipien des kalkulierten Lebens wiederspricht. … Die Sucht nach Liebe ist DER Fundamentalismus der Moderne. Liebe ist religion nach der Religion, der Fundamentalismus nach der Überwindung desselben. Der Gott der Privatheit ist die Liebe. Wir leben im Zeitalter des real existierenden Schlagertextes. Die Romantik hat gesiegt, die Therapeuten kassieren.”
Starke Worte, auch wenn man den gleichen Zustand sicher auch weniger im Duktus des Abgesangs und einer prophetischen Gerichtsrede und mit mehr Gespür für die suche nach dem Unbekannten Gott halten könnte. Nur die Szenerie ist richtig. Wir sind – wie jede Generation, die “unter der Sonne” (Prediger) und “auf verfluchten Ackerboden” (Genesis) lebt – in Aporien gerate. Und diese Situation der Zweideutigkeit nötigen uns zuder Frage: “Wie sollen wir heute lieben? Wie KÖNNEN wir heute lieben?”
Mittlerweile bin ich bei der Band Slut angekommen.
Dies ist das Paradox der Christologie. Umso ernster wir die Menschlichkeit Jesu nehmen, desto ferner rückt er in die Vergangenheit, je erstner wir jedoch die Gegenwart Christi betonen, desto fremder wird Jesus uns.
Bei der Vorbereitung auf meinen Workshop setzte ich mich mit einem Freund, der sehr kritisch dem Christentum gegenübersteht, hin und erklärte ihn, was ich vorhatte. Ich sagte ihm, dass ich sehr gerne von ihm einen Text bekommen möchte, in dem er seine Kritik am Christentum ausdrücken kann. Die Antwort, die ich bekam, war sehr zwiespältig. Zum einen freute er sich darüber, dass er den Raum kriegen sollte, seine Sicht der Dinge zu schildern, zum anderen war er sehr kritisch: “Was soll das bringen? Ist das eine Art Ideologieschulung, wo man lernen soll mit Ungläubigen zu argumentieren?”. Mein Freund stellte da eine sehr wichtige und für mich bisher unbeantwortete Frage: ist es möglich, dass Gläubige Kritik anhören ohne sofort in den Modus der Selbstverteidigung zu verfallen, in dem sie Gegenargumente suchen? Kann auf diesem Gebiet soetwas wie Verständnis entstehen?
Merold Westphal macht dabei eine wichtige Unterscheidung die eventuell helfen könnte, zu entscheiden, wann man von Kritik etwas lernen kann und wann es angebracht ist, zu argumentieren. Ich denke, gibt immer noch das Bedürfnis nach C.S. Lewis mäßiger Apologetik, also den Versuch, die logische Kohärenz des Glaubens gegen Angriffe von außen darzustellen. Gerade erleben wir ja eine neue Welle von Kritik von Naturwissenschaftler (die aber in ihrer Kritik das Gebiet der Naturwissenschaft überschreiten) und jedes Jahr zu Weihnachten kommt auch der Spiegel und der Stern mit ihren sogenannten Experten hervor, die ihre “bahnbrechenden” Entdekcungen der naiven Öffentlichkeit hinschmeißen. Auch gibt es auf dem Straßenlevel ein furchtbares Halbwissen über das Christentum, dass ersteinmal nach fundamentalen Informationen verlangt. Es gibt also eine Art von Kritik am Christentum, die nach einer gewissen Apologetik verlangt, nämlich den Skeptizismus. Der Skeptizismus fragt: “Ist das Christentum wahr? Ist es logisch stimmig? Wie gut kann es unsere Welt erklären?”. Hier treten oftmals naturwissenschaftlich geschulte Leute auf, die fragen: “Wozu Christentum wenn wir doch die Wissenschaften haben? Wir haben euren Glauben widerlegt.” Hier muss man sich nicht alles gefallen lassen, sondern darf auch mal argumentieren. Dies ist eine Kritik auf Basis einer bestimmten Vorstellung von (westlicher!) Rationalität. Westphal versucht diese Anschaung runterzubrechen auf die Formel: “Alles was unser Netz nicht fängt, ist kein Fisch.” oder eben: “alles, was unseren Kategorien entgeht, ist nicht existent.”
Aber um diese Art der Kritik geht es in dieser Serie erstmal nicht. Es geht um eine andere Art, die Westphal Verdacht nennt. Der Verdacht fragt nicht in erster Linie nach der Wahrheit sondern nach der Güte des Christentums, er fragt nicht zuerst nach der Essenz, sondern nach der Funktion. Der Verdacht fragt: “Was für Menschen produziert das Christentum? Welche Leben leben sie? Was passiert mit Menschen durch den Kontakt zum Christentum?”. Gerade wenn Teenager sich dem Christentum zuwenden, wirkt das für das Umfeld oft befremdlich: sie reden plötzlich von einer neuen Heimat, sie kappen sehr leichtefertig alte Verbindungen, sie entfremden sich vom Umfeld. Das ist für manche Leute ein Erlebnis, das eine emotionale Distanz zum Christentum aufbaut, die dann dafür sorgt, noch genauer und kritischer zu beobachten, was im Christentum passiert. Die 3 Denker wiederrum, die Westphal besonders anguckt, haben teilweise eine Affinität zum Christentum gehabt (besonders Nietzsche) und haben gemerkt, dass sie mit ihrer Art Fragen keinen Platz gefunden haben im etablierten Christentum. Diese direkten und indirekten Enttäuschungen vom Christentum sorgen oftmals für eine besondere Art von Kritik, die viel schärfer aus der Beobachtung des Glaubens heraus resultiert. Von dieser Kritik können wir lernen.
Meistens jedoch vermischen sich beide Formen der Kritik in Statements von Personen. Vielleicht ist eine erste, wenn auch an der Oberfläche bleibende, Antwort zu der Frage, ob es überhaupt soetwas wie echtes Zuhören bei diesem Bereich gibt, die Antwort: echtes Zuhören sucht nach diesen Spuren des Verdachts, es sucht nach den dahinter liegenden Geschichten, es lässt einen Raum für Frustrationen, Enttäuschungen und Schicksale, die Menschen mit dem Christentum erlebt haben. Und für unsere Themenreihe kommt noch eines hinzu: es lässt die Fragen und die Kritik des Verdachts auf sich wirken. Auch wenn solche Kritik oft ätzend wirkt (wie eben Zynismus immer ist), so können wir uns gelassen dem aussetzen, weil wir wissen, dass Kritik fnicht das Wesentliche unseres Glaubens zerstören kann, nämlich die radikale Gnade Gottes durch Jesus Christus, die unsere kleinen Versuche der Moral, unsere mickrige Spiritualität und unsere zu engen Konzepte des Glaubens übersteigt. Noch zwei Zitate:
„Ohne Ohren, die die Stimme der Außenstehenden hören, vergessen wir schnell, dass „unsere Erkenntnis Stückwerk ist“, dass wir jetzt wie in einen „dunklen Spiegel nur rätselhafte Umrisse“ erkennen (1.Kor. 13). Unsere Interpretationen können den Eindruck von Endgültigkeit erwecken. Wenn unsere Gemeinschaft Opfer der größten interpretativen Verlockungen werden, ist es oft nur der Außenstehende, der uns zurechtweisen kann. Wenn wir uns nicht die Zeit nehmen, die Fertigkeiten, Gewohnheiten und Anlagen zu entwickeln, um auf den Außenstehenden zu hören, verfallen wir der interpretativen Arroganz. Wir werden denken unser Wort sei Gottes Wort. Konformität wird Treue als Maßstab ersetzen.“
(Jones, Reading in Communion, zitiert in Westphal, Faith & Suspicion, S. 284.)
“Kein Gedanke kann mich von Christus trennen. Solange ich noch irgendeinen Gedanken, der je gedacht wurde, aus Philosophie oder Fremdreligion, aus der Diskussion Glaube und Naturwissenschaft, aus konservativer oder modernistischer Theologie, irgendeinen Gedanken, der mich von außen erreicht oder von in mir aufsteigt, fürchten muss, solange glaube ich nicht: Herr ist Jesus! Das Verdrängen gefährlicher Gedanken macht nicht frei, sondern fanatisch.“
(Kettling, Siegfried, …und ihr sollt auch leben, S. 46 f.)
Peter hat mir grad einen witzigen Anstoß und eine Steilvorlage gegeben um über ein Thema zu bloggen, das mir schon lange “in den Fingern lag”: nämlich nochmal einen halb kritischen Blick auf die Entwicklungen in Web 2.0 zu werfen.
Also bei Peter ging es um Fotos in den Communities wie StudiVZ und Facebook (die ja eben jeweils ein anderes Publikum ansprechen; StudiVZ eher so die breite Studentenschaft und Facebook alle die, die mehr so auf kosmopolitisch machen).
Du hast ja immer zwei Möglichkeiten, körperlich in diesen Communities abgebildet zu werden: a) du lädts selber Bilder hoch; am besten welche die du zielgerichtet dafür gemacht hast (seltene der Fall) und b) du wirst verlinkt (häufig der Fall).
Ich glaube aber beides ist eine Art, Identität zu konstruieren. Gehen wir mal davon aus, dass der Mensch ein geschichtenerzählendes Tier ist. Wenn du eine Erfahrung machst, machst du nie einfach eine Erfahrung. Du musst diese Erfahrung verdoppeln, indem du sie in Sprache und schließlich in eine Geschichte packst. Dabei behält diese Erfahrung nicht die Form: du wählst aus, du schmückst aus. Wenn die Erfahrung eine Zitrone ist, dann ist der Prozess des Geschichtenerzählens das Auspressen und der fertige mit anderen Säften vermischte Saft die fertige Geschichte. (Ach…doofes Beispiel, aber ihr versteht.)
Und so passiert das auf jeder Party, auf jeden Urlaub und wenn anderen peinliche Dinge passieren: wir bleiben mit der Erfahrung nicht gern allein, wir erzählen Geschichten.
Und diese Fotos kann man eben vielleicht auch als kleine Geschichten begreifen, die etwas darüber erzählen solleb, wie wild die Party und wie wundervoll die Hochzeit war und natürlich was für ein stylischer Typ man selbst ist.Mich irritierte das zunächst, dass seitdem es in jedem Feuerzeug einen eingebauten Fotoapparat gibt, manche Menschen einfach stän-dig fotographieren müssen. Es scheint, als ob sie gar nicht mehr richtig aus erster Hand genießen können (so viel zum Thema: Hedonismus in der Postmoderne) sondern immer die Realität gleich in eine Geschichte, in einen Schnapschuß innerlich verwandeln. Das hat Olli Schulz, der ja selbst gern die ein oder andere Story erzählt, mal auf nem Konzert kommentiert, weil immer alle Leute nur noch mit ihrem Pixelhandy ihn filmen anstatt sich direkt der Erfahrung seiner Musik auszusetzen:
Aber will man die Postmoderne in ihrer Radikalität mitmachen, dann muss man entweder Parkour laufen oder radikaler Konstruktivist werden und wie ihr wisst: ich bin halt irgendwie sowohl faul als auch unsportlich also doch Konstruktivismus? Denn der Konstruktivist fände dieses Gerede davon, dass man mit dem ganzen Fotographieren und der Selbstdarstellung das ganze Leben irgendwie unauthentisch macht, ziemlich naiv. Der würde sagen, dass das alles romatnsicher Käse ist. Was ist denn der Mensch außer der Geschichte, die er erzählt? Gibt es denn das reine Erlebnis, das direkte erleben? Und was soll das sein, wenn es außerhalb der Sprache liegt?
Übertragen auf die Fotos auf den Web 2.0 Plattformen: Ist auch der Körper, der hier in Szene gesetzt, ins rechte Licht gerückt, aus den richtigen Winkel fotographiert wird etwas anderes als dieses Bild? Gibt es denn tatsächlich etwas hinter diesen Bild oder sind wir nicht daran gewöhnt, die Welt in Ausschnitten, aus Perspektiven zu sehen, dass diese Bilder nicht letztlich eine starke Rückwirkung darauf hätten (wenn wir die Person “in echt” kennen würden) wie wir den Körper sehen? Gibt es etwas außerhalb dieser Geschichten, dieser Bilder und dieser Konstruktionen? Oder ist es wie Nietzsche sagt: nimm die Perspektiven weg und du nimmst die Welt weg? Oder trifft die erste Sicht zu: durch diese Art, die Welt ständig konstruieren zu müssen, stirbt das unmittelbare Erleben, stirbt das authentische, stirbt die Wahrheit hinter den Konstrukten?
*oh wie bitter. Ich hab den halben Text fertig getippt, als der dann durch ein time-out verloren ging. Weiß irgendjemand ein Browser plugin, welches eingegebene Texte für den Fall eines Absturzes zwischenspeichert?*
Ich habe mich lange gefragt, wie das Verhältnis vom Glaube zu dem, was man “Realität, echtes Leben, die Welt da draußen” nennt, ist. Meine Geschichte fängt an mit dem Kontakt zur sogenannten Glaubensbewegung, die im evangelikal-charismatischen Umfeld ihre Lehren verbreitet. Diese zitiert gerne Hebräer 11:1: “Es ist aber im Glauben eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichttzweifeln an dem, was man nicht sieht”. Nun wird der Glaube der empirischen Realität entgegengesetzt. Der Glaube bezieht sich auf Tatsachen, die die nicht-sichtbare Welt übersteigen. In einem Move, der Kierkegaard “Sprung” nicht unnähnlich ist, soll man sich entscheiden nicht seiner Erfahrung und nicht seiner rationalen Beobachtung der Welt zu vertrauen, sondern der Bibel und ihren Tatsachen. So bin ich “in Christus” bereits ein neuer Mensch auch wenn ich wenig davon spüre. Das Resultat dieses Sprungs ist oft ein schwindeleregendes Hinauswachsen über sich selbst. Eine (Selbst-)transzendenz. Dieses theologisch-existentielle Konstrukt wurde später mit anderen Inhalten verbunden. So zum Beispiel mit der charismatischen Sehnsucht nach Wundern und Erweckung und mit den amerikanischen Werten von Erfolg und Wohlergehen. So wurde das alles ein bisschen “weird”. Ganz schnell verliert man so auch die Bodenhaftung, wertet die empirische Realität ab, flieht vor dem harten Alltagsgeschäft, das wir Leben nennen, in andere Sphären. Man droht sich völlig im ekstatischen Drogenglück der Gnosis zu verlieren.
Im Werke Max Goldt’s findet sich manches Schmunzelnswertes, manche falsche Prophetie (z.B. prophezeite er in den 90ern das restlose Verschwinden von Messenger Bags sah aber das Verschwinden von Telefaxen keineswegs voraus), aber es gibt nur eine Aussage, die im platonischen Sinne als Wahrheit, als die Wahrheit selbst angesehen werden kann. Und selbst diese ist nur andeutungsweise formuliert.
Es heißt im Text „Knallfluchttourismus“ da:
„Gelegentlich liebe ich es, mich fremder Bestimmung auszuliefern. Normalerweise sagt mir nie einer, was ich tun soll, alles entscheide ich selbst. […] Wunderbar ist es, an einer roten Fußgängerampel auch dann stehen zubleiben, wenn alle anderen Passanten es für nötig halten, wie rebellische Teenager zwischen den fahrenden Autos herumzuhecheln. Mir wird von oben, von einer süßen anonymen Macht, eine Pause angeboten und ich bin so entgegenkommend, dieses Angebot anzunehmen, indem ich friedensreich verharre. Warum soll ich unentwegt um Souveränität und Unabhängigkeit ringen? Ich bin doch kein pubertierender Zwergstaat. Der rote Mann bietet mir eine freie Minute an und ich als freier Mann knabbere den Zeitsnack gern. Sich kurz und freiwillig dem Geheiß des roten Mannes zu unterwerfen erspart einem –nicht zuletzt- den Gang zur Domina. Sich einem harmlosen Diktat ganz selbstverständlich zu fügen ist eine süße und runde Sache. Da denke ich: >>Eine mir unbekannte Autorität verbietet mir etwas und mir regt sich kein Widerstand. Ich beginne zu ahnen, was Frieden sein könnte.<<“
Eine sehr gute Beschreibung, auch wenn sie noch nicht weit genug geht. Denn es handelt sich hier um den letzten revolutionären Akt, den letzten Akt der Selbstvergewisserung. Das muss ich erklären. Wenn man in seiner Persönlichkeit etwas hat, einen Drang nach Freiheit und Lebendigkeit, der sich dadurch definiert, dass man den Gesetzen, Notwendigkeiten und Zuschreibungen dieser Gesellschaft entkommen will, dann hat man es schwer. Denn, was macht man in einer Gesellschaft ohne Grenzen, ohne Tabus, ohne traditionelle Werte und ohne Entrüstung? Eine Gesellscahft, in der jedes vermeintliche Tabu schon von den Eltern gebrochen wurde, in der jede Grenze auf RTL von sogenannten Comedians in massenkompatiblen Zynismen überschritten wird und in dem die Masse die Aristokratie ist, also diejenigen, die sich dadurch definieren, dass sie sich von der Masse abheben? Wie will man rebellieren, wenn Punk Mainstream ist? Wenn alle Autoritäten auf der Kumpelebene kommunizieren? Wie rebellieren, wenn man dem Dikatat, des Utilitarismus unterworfen ist: Tue, was dir Spass macht! Tue, was dich selbst voran bringt! Handle stets so, dass du „glücklich“, „authentisch“ und effizient dein Leben begehst und lass dich von nichts davon abbringen, es sei denn, es gefährdet den Anderen, das selbe zu tun.
Da saß ich neulich mit einer Bekannten aus Berlin – manch einem mag ihr Text aus meinem Seminar aufm Emergent Forum noch erinerlich sein – die sich nach einer evangelikalen Jugendzeit vom christlichen Glauben abgewendet hat, bei nem Wein an einer Bar und unterhielten uns. „Das Problem ist, früher hatte ich Verbote gegen die ich rebellieren konnte. Jetzt ist alles erlaubt.“
In einer liberaldemokratischen Gesellschaft bleibt nur wenig zum rebellieren: du kannst Ausschwitz leugnen und Nazi werden, Darwin leugnen und Fundamentalist werden oder du kannst den Drang nach Rebellion und Authentizität leugnen und an roten Ampeln stehen bleiben.
Denn Freiheit bedeutet, freiwillig an roten Ampel stehen zu bleiben.
Dies ist nur eine schnelle Skizze. Seit einiger Zeit verfolgen mich die Flüche in Genesis 3. Ja die nach der Sache mit dem Sündenfall: “Feindschaft setze ich zwischen…”, “Verflucht sei der Acker um deinetwillen…”,”Unter Schmerzen sollst du…”, “Du hast verlangen nach deinem Mann…”, “Dornen und Disteln wird er dir wachsen”.
Nun ist es zur Zeit mächtig “in” sich gar nicht zu viel aus der Sündenfallgeschichte zu machen. Zu viel Schindluder wurde damit getrieben. Leute wurde in eine passive Selbstzerfleischung, in Abhängigkeit gegenüber einer Priesterkaste, in einen Zustand permanenter Unmündigkeit getrieben. Sündenfall, Ursünde, radikale Gnade: raus, raus, raus!
Da ich mich gern auch mal mit der Aura des Altmodischen umgebe, gehe ich da nicht ganz mit. Zu viel Sinn macht in meiner Erfahrung diese Geschichte, wiewohl mir nicht immer die herrschende Lesart dieser Geschichten sinnvoll erscheint.
Seit einiger Zeit geistert mir eine unausgegorene Lesart dieser Geschichten (und in einen bedeutendem Sinne ist der Rest von der Urgeschichte nur eine Auslegung dieser “Flüche”) im Kopfe herum. Freilich weder innovativ noch wissenschaftlich gestützt will ich diese Auslegung mal in den Raum werfen.
Was wäre, wenn die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen nicht an einem abstrakten, ontologisch-moralischen Makel läge, der mit durch den Geschlechtsakt weitergegeben wird (die verfehlte Anschauung einer “Erb”sünde), sondern sie -wie Tillich und andere vorher behaupteten- darin bestünde, das wir Menschen in “bösen” Strukturen und im Zustand der Entfremung lebten? Um daran zu kommen, müsste man Genesis durch die Augen des Buch Kohelets/Prediger lesen.
Zweideutigkeit, Ambivalenz, Fernabstehen vom Leben, Frustration, der Abgrund oder wie man das auch immer ausdrücken will.
Nehmen wir ein Beispiel: “Dein Begehren wird nach dem Manne sein, doch er wird über dich herrschen.”
Wenn wir den Text einmal anachronistisch lesen und die Umschreibung eines Patriarchats hinaussubtrahieren, dann haben wir vielleicht den Kern der Tragik jenes Konzeptes, das wir heute “Beziehung” nennen. Neulich las ich, dass die Tragik des (Zwischen-)menschlichen darin bestünde, dass wir ein Bewußtsein haben, dass sich nahezu unendlich viele Leben ausmalen kann aber das wir uns mit unserem Körper an ein konkretes Leben zu binden haben. Zu diesem Grundproblem kommt eine kulturelle Konstellation, in der es nicht üblich ist, sich zu binden. Mobilität, Flexibilität, die Existenz eines Nomaden. Abraham als Archetyp einer Generation, die das “Haus ihres Vater verlässt um in ein Land zu ziehen, dass sich da zeigen wird”. Diese beiden Konstellationen werden in eine intime Beziehung mitgenommen und treffen hier auf ein weiteres Problem: die Ungleichverteilung des Begehrens. Nicht selten hat man einen Teil, der voll des Begehrens, des Exzesses und des Überschwanges ist und einen Teil der mit einem größeren Maß an Kalkül eine Beziehung beginnt. In diesem Klima des ungleichen Begehrens entsteht nun Macht. Wechselseitige Manipulation, Ausreizen der Grenzen, Drohungen, Ausnutzung der Verletzlichkeit (gerade letzteres spielt ja oft beim Flirten eine gewisse Rolle). Dies alles ist heutzutage nicht mehr so allgemein auf Männer (als der starke Part) und Frauen (als der emotionale Part) anzuwenden; aber es deutet vielleicht eine Grundstruktur an, die wir heute oft wiederfinden und die das Prekäre des Konzepts “Beziehung” ausmacht.
Dies ist jetzt nur eine Skizze, die noch jegliche Absicherung am Text vermissen lässt (ich meine mich aber zu erinnern, dass die Worte “begehren” und “herrschen” an prominenten Stellen von Genesis wieder vielsagend auftauchen). Es geht ja auch nicht nur um den Gegenstand selbst, sondern um die Frage: macht es Sinn, wenn wir Sünde als diesen prekären, entfremdeten, zweideutigen, tragischen Zustand und die daraus entstehenden Taten beschreiben? Ist diese Lesart zu gewagt? Oder ist sie vielleicht nicht radikal genug (der postmoderne Denker würde ja grundstäzlich gegen den Begriff Entfremdung sein, da dieser ja so etwas wie die Möglichkeit eines “Wiederfindens” beinhaltet)?
Karlsruhe: Ich sitze in der Bahn als gerade eine Horde Ghettotürken einsteigt: furchtbare Vokuhilas, Parfümwolken, Pseudogangsteroutfit und sonstige peinliche Accesoirs wie Gürtelschnallen etc. Laut und primtiv wird durch die halbe Bahn gebrüllt. Aus den Boxen ihrer geilen Handys kommt billiger Gangsterrap, dabei haben die Handys nicht mal Bass. “Ey Alter, guck ma hier, die Alte!” Und es werden dumme Pornobilder rumgezeigt. Ich rolle die Augen: “solche Affen” denke ich mir. Was würde ich geben, wenn die da von irgendnem Schaffner entfernt werden. Wär die Welt wirklich ein so furchtbarer Ort, wenn diese Leute gar nicht existieren würden?
Ausgrenzung. Ausgrenzung hat etwas mit Identität zu tun. Wenn ich meine/unsere Identität konstruiere, ziehe ich einen Kreis um mich. Ich hebe mich von anderen ab. Dieser Vorgang ist noch nicht Ausgrenzung, es ist erstmal Differenzierung. Ich sage: “das ist nicht mein Weg.” “Vokuhilas wären jetzt nicht un-be-dingt mein Stil.”. Aber aus Differnzierung wird schnell Ausgrenzung, wenn die Kategorie “Reinheit” dazugenommen wird. Wenn in Frankreich nach einer reinen französischen Sprache gesucht wird, die von allen Anglizismen be-reinigt wird, geht es vielleicht um eine kulturelle Aussage aber gleichzeitig wird vielleicht der Andere nicht mehr als Bereicherung sondern als Verschmutzung unserer reinen Welt betrachtet. Der Andere wird schnell reduziert, ausgestoßen und abgetrennt. Die Suche nach einer reinen Sprache, nach einer reinen Rasse, nach einem reinen Territorialstaat, nach der einen reinen Vernunft; all das sind strukturell (! nicht inhaltlich) verwandte Ziele.
Es begab sich dareinst vor ca. 1,5 Jahren, da verbrachte ich doch einen nett zu nennenden Abend mit einem hübsch zu nennenden Mädchen in einer Tanzlokalität. Der Abend mündete tanzerderweise in den Morgen und so stand man plötzlich in der Nähe meines Studentenwohnheimes.
Übrigens: das ist natürlich eine Szene die oft verfilmt, parodiert und persiflagiert worden ist. Am besten gefällt mir folgender fiktiver Dialog: Er: “Willst du noch mit rauf kommen auf nen Kaffee?” Sie:”Ich trink gar keinen Kaffee.” Er:”Ich hab auch keinen da.”
Aber an diesem Abend fielen keinerlei dieser Floskeln. Man umarmte sich, verabschiedete sich und ging – wie man das tatsächlich nur noch aus Filmen der 50er Jahre kennt – getrennte Wege. Wer denkt, dass nun ein Plädoyer für irgendeine Form von Sexualmoral oder so folgt, der hat geirrt, und zwar: gründlich geirrt. (Sorry, dass ich heute ein wenig dumm rumschwalle. Ich steh noch unter dem Eindruck dert gestrigen Heinz Strunk Lesung). Mein Punkt ist folgender: diese Szene wurde nämlich beobachtet von einem offensichtlich schlaflosen Menschen, der am Fenster stand und rauchte. Als die Begleiterin außer hörreichweite war sprach er mit dem Sound moralischer Entrüstung: “Du Idiot, warum hast du die nicht klar gemacht?”. Mir wird sicher noch irgendne flotte Antwort eingefallen sein, aber was passierte, als später die Frage in mir nachhallte, war doch irgendwie komisch.
Ich fühlte….
Schuld.
Ich habe gegen ein Gebot verstoßen. Ich habe gesündigt und meine Schuld lag schwer, denn ich stand einem grauenhaften, gnadenlosen, unerbittlichen Richter gegenüber: der internalisierten Stimme der Gesellschaft bzw. jenes Teiles der Gesellschaft, den ich als signifikant einstufe. Es ist doch ironisch: da entkommt die Menschheit in Europa all jenen offensichtlichen fremden Autoritäten: Gott, der gesellschaftlichen Hierarchie etc. und schwingt sich nicht wie erhofft in einem neuen Zustand der Selbstbestimmung, sondern sie unterwirft sich selbst aufs Neue unter die brutale Herrschaft diffuser Prinzipien. Eigentlich ist ist das ganze schon im Prinzip der Autonomie angelegt, wie man es bei Kant sehen kann: denn indem man die alten Autoritäten stürzt, soll man nicht etwa völlig prinzipienlos leben, sondern durch einen freien Entschluß erlegt man sich selbst Gesetze auf, die man als vernünftig anerkannt hat. Diese Gesetze treten einen in Konfliktsituationen als ein fremdes und zugleich eigenes Gegenüber entgegen (Über-Ich?). Nun war dieses dieses Gesetz bei uns im Westen lange Zeit etwas, das mit bestimmten Vorstellungen von Sittlichkeit, Moralität, Gehorsam, Pflichtempfinden, ja Askese verknüft war.
Doch dies hat sich geändert. Anstelle dieser Pflichtmoral trat ein anderer Imperativ.Der utilitaristisch-pragmatische Imperativ. Ich weiß nicht, ob das wirklich für die ganze Gesellschaft gilt, aber in meinen Bekanntenkreis kann ich das manchmal beobachten: unter den scheinbaren Diskursen, unter der scheinbaren Toleranz für verschiedene Lebenskonzepte, unter all der scheinbaren Offenheit, schwingt eine rigide, strenge, keinerlei Diskussion tolerierende moralische Grundentscheidung: der Mensch hat seinen Impulsen nachzugeben, so es anderen nicht schadet (alles andere, so die Vulgärpsychologie auf Street Level, führt zu seelischen Verkrümmungen). Weiter: der Mensch muss Lust vermehren, wenn es ihm möglich ist (ich rede hier von Lust, nicht von Freude oder sonstigem). Das ist kein Ratschlag, das ist keine Lebenstipp, keine therapeutische Erwägung, sondern ein unverhandelbarer moralischer Imperativ. Wer gegen ihn verstößt, stellt sofort auch das eigene Lebenskonzept in Frage. Die Folge ist eine Art moralische Entrüstung, die nicht größer gewesen wäre, wenn man im Deutschland der Kaiserzeit nackig Kaiser Wilhelm II. gegenübergetreten wäre, ihm mit seiner Pickelhaube das Auge ausgedrückt hätte und danach auf die Gebeine von Karl den Großen gekotzt hätte. Der Ausdruck: “Viel Spass!” ist kein ermutigender Wunsch, kein Optativ, sondern ein im Kasernenton geknarztes Kommando eines preußischen Offiziers. Jemand, der seinen männlichen Pflichten nicht nachkommt, wie mir in der obigen Situation, ist ein Sünder, jemand, der sich moralisch vergangen hat. Diesen begegnet man am besten mit aggressivem Unverständnis.
“Wieso hast du – die Alte – nicht klar gemacht?” “Wieso erfüllst du nicht deine Pflicht und tust, wonach dir ist? Und wenn dir nicht danach ist, dann solltest du dich eben zwingen, denn Verlangen ist eine ernste Sache!”
Sicher ist die moralische Landschaft bunter und es gibt verschiedene kleine Kulturen, die vielleicht ihre eigenen Imperative haben. Mir geht es auch gar nicht darum, die utilitaristische Einstellung völlig zu verteufeln, denn ein Zurück zum Asketetntum ist aus verschiedenen Erwägungen nur schwer möglich und nicht wirklich erstrebenswert. Ich will nur aufzeigen, wie unter der Oberfläche von einer scheinbar offenen, toleranten Moral oft konservativ, gar fundamentalistisch-fanatische Grundüberezugungen stecken können (nicht vom Inhalt aber von der Art wie diese Überzeugngen gehalten werden sind sie fundamentalistisch, denn sie werden dem Diskurs entzogen).
Mitten in Mekka befindet sich das muslimische Zentralheiligtum, die Kaaba; ein großer schwarzer Kubus im Innenhof der großen Moschee. An der Ostseite ist auf Augenhöhe ein schwarzer Stein angebracht. Dieser Stein wird verehrt, weil der Legende nach Abraham ihn direkt vom Erzengel Gabriel erhielt und er deshalb ein Artefakt einer fremden Welt ist. Wissenschaftler vermuten, dass dies in gewisser Weise stimmt. Möglicherweise ist dieser Stein ein Meteorit. Ich hoffe ich lehne mich nicht allzuweit aus den Fenster, wenn ich behaupte, dass diese Haltung für den Islam bezeichnend ist: Man verehrt einen Splitter einer fremden Welt. Man unterwirft sich einer fremden Autorität (Islam bedeutet ja Ergebung/Unterwefung), einer völlig erhabenen Gottheit und seinen Geboten. Dabei ist es unbedeutend, ob man die Gebote dieser Gottheit nachvollziehen kann oder nicht; man muss sogar wegen der Andersartigkeit und Erhabenheit dieser Gottheit damit rechnen, dass man sie als einfacher Mensch nicht nachvollziehen kann. Auch die Heilige Schrift des Islams ist wie ein Dokument von einer anderen Welt. Sie wird in der Orginalsprache gelesen unabhängig davon, ob man diese gut versteht oder nicht.
Paul Tillich (und nicht nur er) nennt diese Art der Theologie und Ethik heteronom. Man unterwirft sich einem fremden, unverständlichen Anderen (das kann ein Gott oder eine andere Autorität sein) und muss dieser bedingungslos folgen. Auch im Christentum gibt es Elemente, die stark heteronom sind; beispielsweise den Calvinismus. Doch während der Aufklärung, eigentlich schon durch die Reformation, wurde diese Sichtweise des Menschen, der sich fremdbestimmen lässt, immer mehr verdrängt durch ein neues Ideal vom Menschen als selbstbestimmtes, freies Wesen, dass sich im Einklang mit der universellen Vernunft selbst Gesetze gibt, sich durch sich selbst definiert und einer vernünftigen Religon nachfolgt.