Was heißt denn hier “Beziehung”?
Sunday July 12th 2009, 17:48
Filed under: Arne erklärt die Welt, Bücher, beobachtet, das Leben und so

Im Hintergrund läuft Element of Crime mit Sven Regeners schwerer Whiskeystimme, den Mexikanerhut-Trompeten und den Altherrentexten zwischen trotzigem Schwermut und verspielt balladesken Liebeshymnen, die es auch nur so beinahe schaffen, nicht peinlich zu sein. Optimale Untermalung für das Thema, welches mir für heut Abend aufgetragen wurde. In unserem Gemeinde Emergenz-Cluster nehmen wir gerade die ersten vier Kapitel von Tom Wrights “simply christian” durch. Er meint dabei 4 Sehnsüchte des Menschen in unserer Zeit zu finden, die wie 4 Echoes einer längst verlorenen Stimme sind, die in uns nachhallt. Der Stimme Gottes.

Und eine dieser Echoes ist, nachdem jetzt schon die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Spiritualität durchdekliniert wurden, die Sehnsucht nach Beziehungen. Wright meint dabei zu beobachten, dass in unserre Kultur das Reden über Beziehungen und Gemeinschaft sprunghaft angestiegen ist. Gerade das Reden über ein Thema, weist ja oft auf ein bestimmtes Defizit einer Kultur in diesem Bereich hin. Hier könnte man jetzt bequem die kommunitaristische Liberalismuskritik eines Charles Taylors eintragen, aber um das jetzt aufzurollen, bin ich eindeutig zu faul. Heut abend gibt es schon genug Theoriecocktail (von Taylor über Stanley Grenz bis Bonhoeffer).
Aber. Ich bin auf ein Buch, einen Klassiker der Sozialpsychologie gestoßen, den ich schon immer mal quer lesen wollte. Nämlich den Beck-Gernsheim: Das ganz normale Chaos der Liebe. In diesem Buch versucht das Authorenpaar(!) die Liebes- und Paarbeziehungen in modernen, individualisierten Gesellschaften zu untersuchen. Und in dem fulminanten ersten Kapitel wird gleich mal ein gleißendes Licht auf die Liebe und ihre Probleme, Aporien, Überhöhung und Verdrehungen geworfen. Eine der Thesen lautet: mit dem Wegfall der Transzendenz (klassisch gedacht als Gott) folgt eine Erhöhung jener Unmittelbarkeit, die wir als Liebe zu bezeichnen gelernt haben. Mit dieser Überhöhung geht dann aber gleich die Enttäuschung, die Heuschreckenexistenz einher.Ich zitiere:

“Der ganz alltägliche Krieg der Geschlechter, laut und leise, innerhalb, vor, nach,neben der Ehe ist vielleicht der eindringlichste Maßsstab für den Hunger nach Liebe, mit dem die Menschen heute übereinander herfallen: paradise now! ist die Devise der Irdischen, deren Himmel und Hölle entweder nirgendwo oder auf der Erde liegen. … Die Menschen heiraten um der Liebe willen und lassen sich um der Liebe willen scheiden. Die Partnerschaft wird ausstauschbar praktiziert, nihct um die die Last der Liebe endlich abzustreifen, sondern weil das Gesetz der erfüllten Liebe dies verlangt. Der späte Turmbau zu Babel, aus Scheidungsurteilen errichtet, ist ein Denkmal der enttäuschten, überhöhten Liebe. … Der irdische Glaube der religionslosen, scheinbar rationalen Gegenwartsmenschen ist das Du, die Suche nach der Liebe im anderen. Oft nicht eingestandenermaßen, da dadurch jeder sich an etwas ausliefert, das den Prinzipien des kalkulierten Lebens wiederspricht. … Die Sucht nach Liebe ist DER Fundamentalismus der Moderne. Liebe ist religion nach der Religion, der Fundamentalismus nach der Überwindung desselben. Der Gott der Privatheit ist die Liebe. Wir leben im Zeitalter des real existierenden Schlagertextes. Die Romantik hat gesiegt, die Therapeuten kassieren.”
Starke Worte, auch wenn man den gleichen Zustand sicher auch weniger im Duktus des Abgesangs und einer prophetischen Gerichtsrede und mit mehr Gespür für die suche nach dem Unbekannten Gott halten könnte. Nur die Szenerie ist richtig. Wir sind – wie jede Generation, die “unter der Sonne” (Prediger) und “auf verfluchten Ackerboden” (Genesis) lebt – in Aporien gerate. Und diese Situation der Zweideutigkeit nötigen uns zuder Frage: “Wie sollen wir heute lieben? Wie KÖNNEN wir heute lieben?”

Mittlerweile bin ich bei der Band Slut angekommen.



Verschwörungstheorien
Friday January 02nd 2009, 18:12
Filed under: Szenekram, beobachtet

Weihnachtszeit, Verschwörungszeit.

Ich habe die alte Tradition, dass ich in den Weihnachtsferien mindestens ein neues PC Spiel spiele. Meistens wadollar2.jpgs in Richtung Adventure. Dieses Mal entschied ich mich für Overclocked, einen Psychothriller im Stile von Filmen wie Memento und Butterfly Effect. Doch leider hatte mich nach einem sehr spannenden Start das Ende mehr als enttäuscht. Wieder einmal wurde alles Böse im Leben zurückgeführt auf eine große Verschwörung. Kurz gesagt: der konspirative Mann mit dem langen Mantel und seine fiesen Handlanger sind an allem Schuld. Nun sind ja neben diesen typischen politischen Verschwörungen in den Filmen auch historische Verschwörung in Zusammenhang mit der Kirche sehr im Trend. Gerade zu Weihnachten kommen ganz gerne die sogenannten Experten und erklären uns, wie alles damals wirklich gewesen ist mit Jesus und der Kirche.

Jetzt frage ich mich: was hat es mit diesen Theorien auf sich?

Dazu ein paar Beobachtungen.

Ohne eine genaue kulturgeschichtliche Untersuchung durchgefgührt zu haben, rate ich einfach mal, dass die Form der Verschwörungstheorie auf amerikanischem Mist gewachsen ist. Es gibt eine konservative und eine marxistische Version von ihnen. Die konservative Version drückt eine republikanische Skepsis gegenüber der Zentralregierung aus (hier muss nicht erwähnt werden, das bestimmte christliche Theorien über die Endzeit eine große Rolle spielen), die marxistische eine Skepsis gegenüber Großkonzernen und den großen Institutionen.  Soweit so gut.

Weiterhin übernehmen Verschwörungstheorien die Funktion des Mythos: sie erklären, die Welt, wie sie jetzt ist; aber sie erklären sie im Gegensatz zur Wissenschaft nicht analytisch sondern holistisch; ganzheitlich. Der Zustand der Welt ist auf ein großes Geheimnis zurückzuführen. Dieses Geheimnis gilt es zu lüften und – da man ja sonst bedroht ist – einem kleinen eingeweihtem Kreise anzuvertrauen, bevor man es nach und nach veröffentlicht. Eine Verschwörungstheorie ist also gleichzeitig esoterisch, als auch aufklärerisch. Entscheidend ist die geschlossene Argumentationsstruktur, die einer rationalen Prüfung wiedersteht. Der mythologische Diskurs lässt sich nicht in den wissenschaftlichen Diskurs übertragen.

Diese neue Art der Mythen trifft nun auf die postmoderne kulturelle Situation verbunden mit der modernen Kommunikationstechnologie: es wird für den “normalen Menschen auf der Straße” zunehmend unmöglich zwischen konkurrierenden Wahrheitsansprüchen zu entscheidend zusätzlich bedienen Verschwörungstheorien noch ein emotionales Bedürfnis nach einem Informationsvorsprung, einer Überlegenheit gegenüber der uniformierten Masse und das Gefühl, die Welt durchschaut zu haben. Es ist der Wunsch nach der einfachen Antwort, das quasi aristokratische Gefühl der Überlegenheit gegenüber der Masse und eine Politikverdrossenheit und Skepsis gegenüber dem zunehmend komplizierten politischen Apparat.

Um mit C.S. Lewis zu schließen: “Wer alles durchschaut, sieht am Ende nichts mehr.”



Die Hartz-4 Schule
Monday January 21st 2008, 22:47
Filed under: Politik, beobachtet

Viele meckern ob der Gebührenerhöhung der öffentlich-rechtlichen Sendanstalten, aber gerade diese Sender können sich die unwirtschaftlichsten und interessantesten Sendungen leisten. Gerade kommt auf Phönix “Die Hartz-4 Schule”.

bild.pngDas zynische Lächeln des Realisten: der Direktor einer wattenscheider Sonder ähh Förderschule merkte irgendwann, dass in der Regel keiner seiner Schüler einen Ausbildungplatz kriegt. Also sagte er sich: bereiten wir die Jugendlichen auf ein Leben ohne Arbeit dafür aber mit Hartz-4 vor. Ist das zynisch? Vielleicht. Ist es realistisch? Sicher.

Da kommt der 1-Euro Jobber vorbei und erzählt den Jugendlichen, dass sie bei der Wohnungssuche nie sagen sollten, dass sie Hartz-4 Empfänger sind, da werden in Mathe Discount-Prospekte durchgeguckt um einen billigen Einkauf zu planen und lernen, wie man mit viel Freizeit und wenig Geld umgeht.
Lebensgeschichten, wo sich einen die Zehennägel umbiegen:

eine Achtklässlerin, bekam in den Sommerferien ein Kind, eine Schülerin kümmert sich um ihre Mutter, die Lungenkrebs im Endstadion hat und ein Mädchen wandert in den Jugendarrest.

Der Direktor wurde gefragt: “Ist es nicht brutal, den Kindern so die Hoffnung zu rauben?”.
Die Antwort: “Welche Hoffnung?”.



Maxim Biller
Monday October 29th 2007, 01:49
Filed under: beobachtet

Gucke gerade das philosophische Quartett. Darin die Frage nach Integration von Ausländern im Gespräch uA Maxim Biller.

Ich muss sagen, mir ist selten jemand unsympathischer gewesen; Ostdeutsche seien wegen ihrer anderen Sozialisation der “rostige Nagel” in der viel besser entnazifizierten Westdeutschen Gesellschaft und ähnlicher Blödsinn. Er spricht die ganze Zeit nur von sich und wie schlimm diese Gesellschaft ist, weil sie ihn nicht verstehen will. Self-fulfilling prophecy sage ich dazu: man hat die Vorannahme, das keiner mit einem reden will (weil man vermutlich besser als alle anderen ist), zeigt sich diskursunfähig und wundert sich darüber, dass nun tatsächlich keiner mit einen reden will.

Kindergarten.



Fundamentalismus
Wednesday June 20th 2007, 22:51
Filed under: Arne erklärt die Welt, beobachtet

Heute haben wir in Religionssoziologie eine interessante Sitzung zum Begriff Fundamentalismus gehabt.

Es ist interessant: von einer Selbstbezeichnung einer relativ kleinen christlichen Gruppe wurde er seit der Iranischen Revolution plötzlich für verschiedene Zusammenhänge als polemischer Kampfbegriff gebraucht.

Fundamentalismus kann dabei alles sein, was dem Paradigma der Aufklärung widerspricht oder nicht in es hineinpasst.

Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass der Begriff selbst wenig wert hat (außer für die wenigen Fälle, wo sich Bewegungen selbst so bezeichnen). Er wird von der Wissenschaft dankbar verwendet aus einem bestimmten Grund: die Sozialwissenschaften gingen lange von einem Verschwinden von Religion aus (Säkularisierungsthese), da man aber beobachtete, das es verschiedene Erneuerungsbewegungen gab, musste man diese für illegitim erklären. “Das ist alles Realitätsflucht; siedende Unvernunft etc.”. Das lustige ist, dass die liberale Gesellschaft selbst eine irationale Angst vor Fundamentalismus hat und selbst eine Art Kulturkampfrhetorik anwendet: “Zuerst kommen sie in unsere Schulen und machen Gehirnwäsche, dann führen sie die Gebote der Tora wieder ein und zuletzt werden sie uns alle in einen Krieg gegen den Islam stürzen.”. Vielleicht braucht ja die westliche Gesellschaft nach dem Fall der Mauer auch einfach nur ein Feindbild; vielleicht aber- und das wäre die löblichere Variante- entstammt der Boom dieses Wortes aus postkolonialen Überlegungen: Wir wollen zeigen, dass nicht nur der Islam schlimme Ausprägungen hat sondern auch wir.

Jedenfalls sollte man vielleicht stat Fundamentalismus sagen was man wirklich meint: unkritischer Fanatismus, gewaltbereiter Militantismus, Diskursunfähigkeit, bestimmte konservative Vorstellungen, die einen fremd sind, Elitebewußtsein etc. (btw. bin ich durchaus der Meinung, dass sich die Evangelikale Bewegung stärker abgrenzen sollte von diskursunfähigen Gruppierungen wie Teile der Darbyisten).



Die Nacht der Erkenntnis
Saturday May 12th 2007, 19:47
Filed under: Arne erklärt die Welt, beobachtet, das Leben und so

Ich muss zugeben, dass ich heimlich von der Schwere des Existentialismus’ angezogen bin. Ich muss dabei oft an den Tonfall des Buches Kohelet denken. Als ein entfernter Bekannter sich von seiner Freundin trennte schrieb ich das Folgende:

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Ostern hat ein Imageproblem
Friday April 06th 2007, 19:52
Filed under: beobachtet

Hm was stimmt heute nicht? Natürlich das Wetter! Heute ist Karfreitag. Da hat es zu stürmen oder zu schneien. Aber bei solch einem Wetter fährt man lieber Fahrad; man geht lieber nach draußen anstatt in sich.

Schade, dass wir Freikirchler sowieso nicht so groß darin sind, in die Geschichte einzusteigen. Abendmahl und Kirchenjahr sitzen bei uns in der zweiten Reihe und werden von Praise&Worship und “40 Tage mit Vision” ersetzt.
Überhaupt hat Ostern hierzulande eh ein PR Problem. Es ist nicht so, das Ostern unbeliebt wäre. Nein Ostern ist unbekannt. Ostern ist wie ein zweitrangiger Abgeordneter einer zweitrangigen Partei wie der FDP. Und daran haben die Kirchen schuld insofern sie es nicht geschafft haben Ostern überhaupt zu feiern.

Ostern muss sich ja eigentlich gar nicht gegen Weihnachten profilieren; Ostersonntag muss sich gegen Silvester durchsetzen. Es geht darum, dass Ostern eigentlich die größte Party des Jahres sein müsste.

Zu Silvester bringen sich ja regelmässig Leute um; weil da besonders offensichtlich wird, wie wenig Freunde sie haben oder wie scheisse ihr Leben eigentlich ist oder wie auch immer. Bei Ostern könnte das streng genommen nicht passieren. Ostern ist ein Fest, dass mit dem Schrei “Warum hast du mich verlassen?” anfängt.

Und dann dieser geniale Ostersamstag. Ostersamstag = Emo. Ostersamstag ist der Tag, wo nichts passiert. Keine Antworten; keine Hoffnung. Ostersamstag ist der Tag, an dem man sich überlegt, ob man sich noch dem Selbstmitleid hingibt oder weitermacht, als sei nichts gewesen.
Und dann zwischen 23:59 und 24:00 wird der Spannungsbogen ins Lächerliche überdehnt und Verzweiflung wird einfach zu Hoffnung und Freude.

Oder eben nicht.

Ihr seht: ich mag Ostern (jenseits von Milka und RTL Blockbuster) und such noch nach einer angemessenen Ostersamstag auf Ostersonntag Feier(-möglichkeit).



Kommunität in Adelshofen
Sunday March 18th 2007, 20:33
Filed under: Emerging Church, Freunde und Bekannte, Politik, beobachtet

Ich komme gerade wieder von meiner alten FSJ Stelle, dem Lebenszentrum Adelshofen. Das ist eine christliche Kommunität bei Heilbronn. Ich war seit Mittwoch bis heute dort und hab es echt bereut, heute schon wieder gehen zu müssen. Ich glaube mir liegt prinzipiell so ein Leben in Gemeinschaft (auch wenn nicht gerade zölibatär). Es waren einfach sehr geile Tage; (Manni berichtete)- vormittags in Ruhe im Garten Griechisch gelernt, später dann: Pokern, Futurama gucken, was trinken gehen oder Scheisse bauen. Und man ist ständig umgeben von Leuten; ständig nette Gespräche und am Ende ist es mehr als die Summe der Begegnungen (man gewöhnt sich wenn man dort lebt recht schnell an das hohe Niveau der Gemeinschaft, aber wenn man ein halbes Jahr weg ist kann man das wieder anders wertschätzen). Und dann heute wieder zurück ins Privatleben. Und Privatleben ist ein komisches post-Industrielle-Revolution Produkt, von dem man heute merkt, dass es wenig taugt.

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Finden sie den Fehler
Friday March 02nd 2007, 00:45
Filed under: belanglos wie die Neon, beobachtet

Eben gesehen auf N24 (oder war es NTV? ne glaub nicht, da läuft bestimmt gerade ne Dokumentation über ne Ubootkatastrophe oder so):

“Haben RAF Terroristen Gnade verdient?”

Finden sie den Fehler; unsere Leitungen sind noch bis 23:46 besetzt. Viel Erfolg.



Individualität 4- “I don’t care what you think of me”
Friday February 09th 2007, 15:55
Filed under: Arne erklärt die Welt, beobachtet

(die anderen Posts dieser Blogreihe kannst du unter dieser Übersicht finden)

Da sieht man mal wieder, wie interwoven dieser Blog ist. Eben noch an einer Blogreihe über Arbeit dran gewesen, jetzt nehm ich schon wieder ein Comment auf, dass mich wieder aufs Thema Individualität/Identität bringt. Ich bin halt ein reiner Fuchs….

Also Kumpel Patrick meinte: “beziehst du deine Identität aus der Meinung von anderen Menschen oder aus dem was Gott über dich denkt?”

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