Im Anschluß an den letzten kurzen Gedanken noch ein weiterer Nachklapp:
Wer beim ersten Emergent Forum in Erlangen dabei war, kann sich vielleicht an einen Vortrag errinern, in dem Brian McLaren folgendes Bild benutzt hat: die EC ist nicht wie das oft gedacht wird, ein “Stück vom Kuchen”: es gibt den Kuchen, den wir Denominationen nennen, ein Teil ist charismatisch, ein Teil ist katholisch, ein Teil evangelisch. Nun ist die EC exakt KEIN Teil vom Kuchen im Sinne einer neuen Denomination. So weit so gut. Nun hat McLaren das problematische Bild durch ein anderes Bild ersetzt: die EC ist wie ein Jahresring im Baumstamm. Der äußerste Ring umfasst quasi “alle Stücke des Kuchens” aka alle Denominationen und er bezeichnet den progressiven Teil der verschiedenen Kirchen, die sich jüngst mit ihrer Umwelt auseinandergesetzt haben. Warum ist dieses Bild nicht gut?
a) es hört sich unmittelbar nach Avantgarde Denken an: ok, wir, die wir an der EC teilhaben, sind Teil des neuesten Trends, sind Teil der Progressive im Gegensatz zu all den reaktionären, alten Baumelementen.
b) Es verkürzt stark die Unterschiede zwischen den Kontexten: ich glaube tatsächlich nicht, dass die in der EC bisher diskutierten Erklärungsmuster und selbst die Fragen, die aufgeworfen werden in jeden Kontext relevant sind. Ein progressiver südamerikanische Katholik diskutiert mit Sicherheit andere Themen als ein progressiver indonesischer Pfingstler. Und umgekehrt: nicht alles, was in der EC stattfindet soll unbedingt neu und progressiv sein.
c) es ist ein zu harmonisches, rundes Bild: ein Baum der wächst, ist ein Bild, dass ja geradezu für Stabilität, Zentralisierung, ja sogar Harmonie steht. Ich glaube, dieses Bild unterschätzt den dynamischen, nicht so leicht faßbaren Charakter des Reiches Gottes.
Schon andere vor mir haben ein besseres Bild verwendet, ein Bild, dass ganz nahe an den Begriff der Emergenz rückt: das Bild des Rhizomes. Ein Rhizom ist ein Wurzelgewächs wie der Ingwer. Durch Gilles Deleuze wurde dieser Begriff in die Philosophie und Kulturwissenschaft eingeführt. Deleuze schreibt besonders gegen die Baumlogik in den Wissenschaften an: zB in der Musik: es gibt Wurzeln einer bestimmten Musikrichtung, dann gibt es einen stabilisierenden Stamm und dann verschiedene sich immer weiter verzweigende Äste (aus Gospel zweigt sich Soul ab und darauf mit anderen Einflüssen R’n'B etc.).
Dagegen funktioniert ein Rhizom anders: ein Pflanze, die rhizomorph ist ist durch ein unterirdisches, hoch-vernetztes Netzwerk verknüpft. In diesen Netzwerk ist kein wahres Zentrum auszumachen. Die Pflanze bricht “chaotisch” an einer vorher nicht zu bestimmenden Stelle an die Oberfläche. Je nach Situation kann sich die Pfalnze wie ein isoliertes, unabhängiges Lebewesen verhalten oder im Verbund mit allen vernetzten Teilen agieren. Ein rhizom ist hochdynamisch, ist auf Vielheit und Vernetzung angelegt, chaotisch, komplex, nicht steuerbar, hochsensibel gegenüber der Umwelt, flexibel und kann selbst weiter wachsen, wenn einige Verbindungen zerstört werden.
Dieses Bild scheint mir in mehrfahcer Hinsicht für die EC interessant zu sein: a) das was bei den Treffen stattfinden soll, lässt sich vielleicht mit dieser Logik erklären: recht wenig zentraler Steuerung, recht viel Raum für etwas Entstehendes
b) es gibt Verusche aus England so die Dynamik von emergenten Kirchen zu fassen (vA bei Kester Brewin und Christian Raschke)
und der wesentliche Punkt: c) vielleicht ist das Reich Gottes und Gottes Handeln in der Welt gut so zu beschreiben (wie ja einige Gleichnisse anzudeuten scheinen): es ist wenig berechenbar, wenig steuerbar und oft unscheinbar; es ist schweirig ein festes Zentrum auszumachen und ist zugleich regional und global. Das, was uns isoliert und voneinander getrennt erscheint, ist unter der Oberfläche verbunden. In dieser Sicht wäre die Emerging Conversation zugleich ein Ort von Gottes Wirken (hoffentlich); aber mehr noch ein Ort, an dem, was unthematisch und chaotisch passiert, thematisiert wird und ein Ort, wo das, was nebeneinander und scheinbar getrennt voneinander passiert, verknüpft werden kann. Ein Ort, wo Fäden zusammenlaufe nur um sofort wieder auseinanderzulaufen.
Es ist nicht der neueste Schrei. “Denn wenn die Leute sagen werden: hier ist das Reich Gottes oder da ist das Reich Gottes, so glaubt ihenen nicht!”. Deutschland hatte zu viele “apostolische” Erweckungsbewegungen, die sich für das neue große Ding hielten. Die Logik der EC ist eine völlig andere. Es ist die Logik, in der Zentralisierung nur den Zweck hat, dezentrales und heterogenes zu verknüpfen. Es ist die Logik des Mosaiks oder der Collage, in der das, was eigentlich nicht zusammengehört in einen Zusammenhang gebracht wird. Deshalb ist es so schwierig zu sagen, was die EC eigentlich gebracht hat. Wenn man sieht, dass sich an den Bibelschulen zB die Lehrpläne etwas zu ändern scheinen, das Fragen wie nach Sozialer Gerechtigkeit usw. auf die Tagesordnung kommen, wenn man sieht, dass sich das Bild von Gemeinde in verschiedenen Kontexten total zu ändern scheint hin zu einem Verständnis von Gemeinde, die grob gesagt für andere da ist, wenn man sieht, dass nach neuen Ausdrucksformen und nach neuen Formulierungen des Glaubens gerungen wird, dann wäre es vermessen zu sagen, das hätte die EC ausgelöst. Vielleicht ist die EC Teil von Veränderungen, die unter der Oberflächte passieren; vielleicht ist sie auch schon eine Folge dieser Veränderungen, vielleicht ist sie aber auch für manche ein Motor dieser Veränderungen. Das einzige, dass die EC auszeichnet, ist, dass sie manche dieser Veränderungen (denn nie wäre es möglich, alles was passiert, und alle Arten wie Gott in der Welt handelt konkret zu thematisieren) thematisiert, anspricht, und verknüpft.