Dis-kurs: Gott im Werden?
Thursday February 11th 2010, 20:37
Filed under: Allgemein

Gut, dann bin ich heute eben mal im “Flow” und wenn man gerade Schwung hat, soll man auch weitermachen.

Jansalleine hat in seinem Kommentar zum letzten Post eine Frage aufgeworfen, die ich nicht unbedingt in den kleinen Kommentarfeld oder innerhalb der Blogserie beantworten wollte.  Also mache ich einen kleinen Umweg um darauf einzugehen.

Die Frage war, wenn ich sie richtig verstanden hab:  Will ich von Gott nicht in “objektivierter”, technischer Sprache reden, müsste ich dann nicht auch von Gott als jemanden reden, der sich verändert?Jemand, der wir, eine Biographie hat? Ist das nicht Blasphemie?`Machen wir damit nicht Gott zu einem launischen, menschenähnlichen Gott wie die der Griechen? Ich denke, zwei Überlegungen erlauben es mir tatsächlich von Gott als im Werden zu sprechen.

Aber fangen wir ersteinmal weiter vorne an. Wie kommen wir eigentlich darauf, dass wir Gott vor mit einer statischen Sprache beschreiben: Gott sitzt auf dem Thron; er ist der Selbe gestern, heute und in Ewigkeit etc.? Er ist all-mächtig, all-gegenwärtig etc.?

Ich glaube, dass es durchaus Stimmen in der Bibel gibt, die so klingen. Aber selbst wenn diese Sprache im alten Testament auftaucht: es handelt sich um relationale Begriffe. Es beschreibt Gottes Beziehung zu uns, unsere Erfahrung von ihm, unsere Geschichte mit ihm. Wenn in den Psalmen steht: er ist allmächtig, worüber wird dann geredet? Über dieu Frage, ob er einen Stein erschaffen kann, den er selbst nicht hochheben kann? Nein. Es geht dort um den Exodus: Gott ist mächtiger als unsere Feinde (Komparativ nicht Superlativ! Relational nicht ontologisch!). Ich glaube dieses Denken in statischen Begriffen von Gott kommt aus dem Zusammenprall von christlicher Theologie mit griechischer Philosophie.

Hier wäre Aristoteles ein gutes Beispiel. Aristoteles sprach von Gott, aber er benutzte ihn um Probleme zu klären, die in seiner Philosophie auftraten. “Alles muss eine erste Ursache haben. In der Welt kann man Dynamik feststellen. Also hat diese Dynamik ihre Ursache in Gott. Den unbewegten Beweger, den statischen Erschaffer von Dynamik. Den mit sich selbst identischen.” Und hier hätte Heidegger recht: dies ist Onto-Theologie. Dies ist ein Gott “zu dem keiner opfern oder beten könnte”.
Das bringt mich zu dem ersten Punkt: bewirkt die Erfahrung des Gebets nicht genau das? Eine Veränderung in Gott? Redet die Bibel nicht von der ersten Seite an von einem leidenschaftlichen, involvierten Gott, der in der Abendhitze nochmal spazieren geht, den es manchmal reut, was er getan hat, der herabkommt um den Turm zu Babel zu betrachen, der sich von dem Schrei der Unterdrückten verändern lässt, der mit seinem Volk unterwegs ist als Feuersäule und der sich letztlich ganz riskiert indem er seinen Sohn schickt? Ist nicht sowohl die christliche Geschichte als auch die christliche Erfahrung voll von Beispielen, in denen Gott sich wagt, sich riskiert, sich ändert? Wenn nicht, warum beten?

Der zweite Punkt: wenn man den Gedanken der Dreieinigkeit ernst nimmt, muss dann nicht sogar innerhalb von Gott eine große Dynamik sein? Die östlich-orthodoxen umschreiben die Trinität als einen ewigen Tanz, in denen sich die 3 Personen bereichern und sie in einer liebenden Dynamik leben. Mehr noch: dieser Tanz wird geöffnet. Das ist was in Jesus Christus passiert: Gott öffnet sich und macht Raum in sich, um uns einzuladen an diesen göttlichen Leben teilzuhaben. Ist nicht eine Umschreibung des Geschehens: Gott riskiert sich um mehr zu werden, als er jetzt ist: nämlich “alles in allem”.

Ist jetzt alles etwas hastig und vielleicht unausgegoren formuliert, aber vielleicht reicht das um mal ein erster Anstoß zu sein.


2 Comments so far
Leave a comment

Ah. Genial, dass Du sofort verstanden hast, worauf ich hinaus wollte, obwohl ich ja wirklich nicht immer gut darin bin, mich verständlich auszudrücken. Vieles habe ich genau so bereits durchdacht bezüglich des Werdenden Gottes. Was ich bezweifle ist Veränderung “in” Gott durch Gebet. Das “Wozu noch beten?” hab ich für mich bislang immer anders beantwortet. Wobei ich mich auch seit Jahren bei der Fürbitte auf Varianten des “Dein Wille geschehe” und beim persönlichen Gebet auf 1.) Dank und 2.) die Frage “Was soll ich heute tun? Was hast Du heute für mich bereitet?” beschränke.

Comment by jansalleine 02.11.10 @ 22:11

kann deinen ausführungen nur zustimmen.

ich würde, wie jansalleine ja schon in seinem kommentar zum letzten eintrag geschrieben hat, den begriff »relativ« hier auch noch hinzufügen. alle unsere aussagen über gott sind »relativ«. relativ will ich hier bewusst positiv füllen – sie stehen in relation zu dem wie gott wahrgenommen wird, wie er sich offenbart hat, und wie diese offenbarung dann wieder von menschen interpretiert wird. den begriff »relativ« würden wir dann von seiner negativen konnotation befreien und ihn stärker relational füllen. da gefällt mir deine ausführung zum thema »allmacht« gut. leron shults hat da gute kapitel in »reforming the doctrine of god«, muss ich mir mal bei gelegenheit nochmals ansehen…

aus meiner sicht ist es nur schlüssig von dynamik in der gottesgemeinschaft zu sprechen, bzw. diese und damit veränderung anzunehmen, wenn wir tatsächlich von einer gottesgemeinschaft aus interpretieren, und nicht von einer substanz. in diesem sinne gehe ich auch, wie du, von veränderung in gott durch gebet aus. im bild gesprochen würde für mich die einladung in die gottesgemeinschaft dazu führen, dass menschen, die in der gottesgemeinschaft leben im dialog mit gott auch zu gewissen veränderungen kommen – manche würden dafür worte wie transformativer dialog verwenden ;)

Comment by Depone 02.13.10 @ 22:09



Leave a comment
Line and paragraph breaks automatic, e-mail address never displayed, HTML allowed: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

(required)

(required)