Filed under: Arne erklärt die Welt, Bücher, beobachtet, das Leben und so
Im Hintergrund läuft Element of Crime mit Sven Regeners schwerer Whiskeystimme, den Mexikanerhut-Trompeten und den Altherrentexten zwischen trotzigem Schwermut und verspielt balladesken Liebeshymnen, die es auch nur so beinahe schaffen, nicht peinlich zu sein. Optimale Untermalung für das Thema, welches mir für heut Abend aufgetragen wurde. In unserem Gemeinde Emergenz-Cluster nehmen wir gerade die ersten vier Kapitel von Tom Wrights “simply christian” durch. Er meint dabei 4 Sehnsüchte des Menschen in unserer Zeit zu finden, die wie 4 Echoes einer längst verlorenen Stimme sind, die in uns nachhallt. Der Stimme Gottes.
Und eine dieser Echoes ist, nachdem jetzt schon die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Spiritualität durchdekliniert wurden, die Sehnsucht nach Beziehungen. Wright meint dabei zu beobachten, dass in unserre Kultur das Reden über Beziehungen und Gemeinschaft sprunghaft angestiegen ist. Gerade das Reden über ein Thema, weist ja oft auf ein bestimmtes Defizit einer Kultur in diesem Bereich hin. Hier könnte man jetzt bequem die kommunitaristische Liberalismuskritik eines Charles Taylors eintragen, aber um das jetzt aufzurollen, bin ich eindeutig zu faul. Heut abend gibt es schon genug Theoriecocktail (von Taylor über Stanley Grenz bis Bonhoeffer).
Aber. Ich bin auf ein Buch, einen Klassiker der Sozialpsychologie gestoßen, den ich schon immer mal quer lesen wollte. Nämlich den Beck-Gernsheim: Das ganz normale Chaos der Liebe. In diesem Buch versucht das Authorenpaar(!) die Liebes- und Paarbeziehungen in modernen, individualisierten Gesellschaften zu untersuchen. Und in dem fulminanten ersten Kapitel wird gleich mal ein gleißendes Licht auf die Liebe und ihre Probleme, Aporien, Überhöhung und Verdrehungen geworfen. Eine der Thesen lautet: mit dem Wegfall der Transzendenz (klassisch gedacht als Gott) folgt eine Erhöhung jener Unmittelbarkeit, die wir als Liebe zu bezeichnen gelernt haben. Mit dieser Überhöhung geht dann aber gleich die Enttäuschung, die Heuschreckenexistenz einher.Ich zitiere:
“Der ganz alltägliche Krieg der Geschlechter, laut und leise, innerhalb, vor, nach,neben der Ehe ist vielleicht der eindringlichste Maßsstab für den Hunger nach Liebe, mit dem die Menschen heute übereinander herfallen: paradise now! ist die Devise der Irdischen, deren Himmel und Hölle entweder nirgendwo oder auf der Erde liegen. … Die Menschen heiraten um der Liebe willen und lassen sich um der Liebe willen scheiden. Die Partnerschaft wird ausstauschbar praktiziert, nihct um die die Last der Liebe endlich abzustreifen, sondern weil das Gesetz der erfüllten Liebe dies verlangt. Der späte Turmbau zu Babel, aus Scheidungsurteilen errichtet, ist ein Denkmal der enttäuschten, überhöhten Liebe. … Der irdische Glaube der religionslosen, scheinbar rationalen Gegenwartsmenschen ist das Du, die Suche nach der Liebe im anderen. Oft nicht eingestandenermaßen, da dadurch jeder sich an etwas ausliefert, das den Prinzipien des kalkulierten Lebens wiederspricht. … Die Sucht nach Liebe ist DER Fundamentalismus der Moderne. Liebe ist religion nach der Religion, der Fundamentalismus nach der Überwindung desselben. Der Gott der Privatheit ist die Liebe. Wir leben im Zeitalter des real existierenden Schlagertextes. Die Romantik hat gesiegt, die Therapeuten kassieren.”
Starke Worte, auch wenn man den gleichen Zustand sicher auch weniger im Duktus des Abgesangs und einer prophetischen Gerichtsrede und mit mehr Gespür für die suche nach dem Unbekannten Gott halten könnte. Nur die Szenerie ist richtig. Wir sind – wie jede Generation, die “unter der Sonne” (Prediger) und “auf verfluchten Ackerboden” (Genesis) lebt – in Aporien gerate. Und diese Situation der Zweideutigkeit nötigen uns zuder Frage: “Wie sollen wir heute lieben? Wie KÖNNEN wir heute lieben?”
Mittlerweile bin ich bei der Band Slut angekommen.
2 Comments so far
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“Der irdische Glaube der religionslosen, scheinbar rationalen Gegenwartsmenschen ist das Du…” Ich glaube ja, dass eine ähnliche Struktur, wenn auch anders akzentuiert, auch bei Lévinas vorliegt, weshalb ich in, ganz unmodisch, nicht für die Lösung des evangelikalen Narzissmus halte. Reine Immanenz geht in die Hose, sei sie erotisch oder karitativ gefüllt, is mal meine These.
Comment by Alex 07.12.09 @ 21:52wow sehr gut, hatte jetzt gar nicht an Levinas gedacht, aber stimmt: da ist ne Parallele. Wobei ich nicht weiß, ob man bei Levinas von reiner Immanenz sprechen kann und nicht eher davon reden muss, dass im Nächsten die Transzendenz durchschimmert und mich zur Selsbttranszendenz ruft.
Comment by Arnachie 07.12.09 @ 21:59Leave a comment
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