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Eine mögliche Antwort auf die eben gestellte Frage scheint mir doch erstmal in der Bestätigung von der Beobachtung meines Freundes zu liegen. Ja, es ist die große Gefahr gegeben Gott – zumal einen persönlichen – zu einem Objekt zu machen und ihn für eigene Zwecke zu benutzen. Das ist die dreifache Gefahr des Theismus: Objektivierung, Instrumentalisierung, Merkantilisierung. Das bedeutet:
a) ich mache Gott zu einem Konzept, über das ich reden kann statt zu einem Subjekt, welches mich in Anspruch nimmt.
b) ich mache Gott zu einem Instrument im Projekt meiner Selbstsicherung. Gott ist vor allem für mein privates Heil und persönliches Glück da. Ich stehe weiterhin im Mittelpunkt des Universums.
c) ich schließe einen Deal mit Gott: ich mache was er verlangt damit er tut, was ich verlange. Möglicherweise faste ich oder ich befolge eine strikte Moralität. Dieses aber wieder als Mittel zu einem Zweck.
Diese Tendenz wird in der klassischen lutherischen Theologie die Tendenz zur securitas genannt. Der Glaube wird so zu einem Mittel zum Erlangen von Sicherheit. Ich will mich nicht der Beklemmung der Kontingenz aussetzen, also der Erfahrung, dass wenig vorgegeben ist im Leben und ich mich für eine Optionen entscheiden muss ohne wissen zu können, welche die richtige ist. Also gehe ich dieser Beklemmung aus den Weg indem ich im Glauben halt suche. Hört sich gut an, ist für Luther aber zumindest teilweise Götzendienst. Wenn der Glaube zur Erarbeitung von Souveränität dient, ist er ungesunder Theismus. Also wenn ich sage: “hier hab ich die Bibel, damit habe ich feste Regeln zum Leben. Daran kann ich mich halten und ich werde immer zurecht kommen”, dann bin ich gerade durch diese Regeln unabhängig von Gott (Stichwort: Ambivalenz des Gesetzes). Dabei ist die protestantische Grunderfahrung die des Dilettantismus (danke Tobi, dass du mich auf Reichenbach aufmerksam gemacht hast!): die Erfahrung, dass wir nicht souverän im Leben stehen, dass es keine Regeln und es keine Praktiken (wie das Beten) gibt, die uns vor den Wechselfällen des Lebens schützen. Es gibt keine Versicherung und wir wissen alle nicht so recht, was wir tun. Wir stolpern. Bestenfalls vorwärts.
Diese Erfahrung kann man vielleicht untermalen durch zwei Betonungen: eine radikale Subjektivität Gottes und ein offener Theismus. Zum einen muss man vielleicht das Betonen, was man die Heiligkeit Gottes nennen könnte. Gott ist uns auf eine bestimmte Weise entzogen. Er lässt sich nicht vor unseren Karren spannen, sondern ist Person im radikalsten Sinne. Alle unsere Metaphern von Gott sind genau dies: Bilder. Jean-Luc Marion macht den Unterschied zwischen Götze und Ikone. Wenn wir behaupten Gott ist so und genau so, wie unsere Konzepte und Vorstellungen, dann beten wir nicht mehr den lebendigen Gott an. Wenn wir aber Gott als “so aber doch anders” als unsere Vorstellungen bezeichnen, dann wirken unsere Bilder (Vater, König etc.) als Metaphern, die einen Spielraum für verschiedene Deutungen lassen und uns ist bewußt, dass Gott bei all dem doch der ganz andere bleibt. Eine weitere Vorstellung wäre, dass Gott vielleicht gar nicht der allwissende Opa im Himmel ist, sondern selbst mit uns durch die Zeit stolpert und anstatt die Welt souverän zu einem Ziel zu lenken, uns in seine erhoffte Zukunft einlädt (->Prophetie). Hier gäbe es zwar immer noch keine souveräne Autonomie des Menschen aber eine große Verantwortung.
Zu dem ganzen Themenkomplex hab ich ein interessantes und rätselhaft-faszinierendes Bonhoeffer Zitat gefunden. Vielleicht können die Boenhoeffer Kenner unter euch da ein bisschen entschlüsselnd weiterhelfen:
“Und wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, daß wir in der Welt leben müssen. Und eben dies erkennen wir-vor Gott! So führt unser Mündigwerden zu einer wahrhaften Erkenntnis unserer Lage vor Gott. Gott gibt uns zu wissen, daß wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott der mit uns ist, ist der Gott der uns verlässt (Markus 15,34)! Der Gott, der uns in der Welt leben läßt ohne Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.”
6 Comments so far
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Leben wir als Christen in dieser Welt ohne Gott? Mir persönlich ist der ferne Gott viel vertrauter, als der nahe, den wir Freikirchler immerzu in unseren Bildern (Vater, Freund, Liebhaber etc.) beschwören. Es gibt Christen, die sich in ihren alltäglichen Entscheidungen konkret von Gott geführt wissen. Ich halte diese Form der Gottesbegegnung für eine Ausnahme (und oftmals für Projektion). Bonhoeffer offensichtlich nach Deinem Zitat auch.
Nach meiner Interpretation meint Bonhoeffer mit der Formel “ohne Gott” die Einsicht, dass wir als Christen nicht in dauerndem direkten Austausch mit ihm leben: sein Feedback und seine Anweisungen an uns sind gering, falls überhaupt vorhanden. Diese Einsicht hat nach Bonhoeffer mit “Mündigkeit zu einer wahrhaften Erkenntnis unserer Lage” zu tun. Gleichzeitig leben wir aber im vollen Bewusstsein der Gegenwart Gottes (“der Gott der mit uns ist” – also “mit Gott”), aber eben nicht greifbar (“der uns verlässt” – “ohne Gott”) und wir glauben an sein Gewahrwerden von uns – bei Bonhoeffer “vor Gott”.
– Na, ich bin bestimmt keine Bonhoeffer-Spezialistin – auch keine Theologin – also kein Recht auf Deutungshoheit
Danke jedenfalls für diesen und den letzten Artikel!!. Hab’ selbst auch ein paar Freunde mit ähnlichem „Spirit“-Glauben an irgendein Gottähnliches Wesen…
…noch was zum spirit-gott:
kant erklärt in seiner “kritik der reinen vernunft”, dass man gott (als existierendes subjekt) nicht beweisen kann. und damit sind auch die wesenszüge und eigenschaften gottes (=prädikate bei kant) nicht logisch erklärbar. für mich heißt das: jeder mensch glaubt an das transzendente (zum beispiel gott) nach eigenen erklärungsmustern, die ihm persönlich schlüssig erscheinen und die in der regel gesellschaftlich legitimiert sind. der persönliche gott ist, wie mir scheint, in unserer gesellschaft außer mode gekommen.
in der diskussion mit spirit-glaubenden komme ich nach anfänglichem einvernehmen: „ja, ich finde, das ist tatsächlich auch gott“ immer zu dem „aber nicht nur“-punkt. wenn ich dann erkläre, dass ich glaube, dass sich gott jedem menschen konkreter offenbaren will, sofern wunsch danach vorhanden, gibt das meistens ein recht offenes ende – hoffentlich mit veränderungspotential. aber das liegt dann ja eh nicht mehr an mir…
jetzt hoffe ich nur, ich hab hier dein blog nicht unangenehm vollgemüllt. lese immer wieder gerne, was du dir so für gedanken machst, auch wenn ich dich gar nicht kenne.
schöne unbekannte grüße, karola
hey Karola,
sorry, dass es ein wenig gedauert hat. Du hast den Blog überhauopt nicht vollgemüllt sondern bereichert. Ja das mit dem fernen Gott kann ich nachvollziehen. Vor allem fühlt man sich schnell als sei irgendetwas falsch mit einem wenn man Gott nicht immer (oder nciht mehr?) so intensiv spürt wie andere. Ich glaube Gott mutet uns vielleicht solche Zeiten zu damit wir eben nicht in die Falle der “Objektivierung” treten. Das was die Mystik die dunkle Nacht der Seele nannte. Und vielleicht ist das was Bonhoeffer meinte eine Art kollektive dunkle Nacht der Seele für ganz Europa.
Ja, diese Strategie scheint mir eine gute für Gespräche zu sein. Nur ganz polemisch gesagt: Hegels Geist wehte auch in Goebbels Sportpalast. Oder anders: wie kann man “gute” kollektive Transzendenz von “böser” (Naziaufmärsche, etc) unterscheiden? Und da kommt man irgendwann dahin dass man entweder das Problem des Bösen nciht ernst nimmt oder doch wieder weitere Kriterien dazunehmen muss als nur so eine schwammige Transzendenz. Es bleibt dabei, wir müssen darauf bestehen, dass Jesus der zur Sprache gekommene Gott ist und das wir in seiner Gestalt Gott am klarsten erblicken.
Comment by Arnachie 06.02.09 @ 12:20Danke für die Rückmeldung! Dein letzter Satz ist sehr schön ![]()
Und der Einwurf ist berechtigt. Ich hatte (zum Glück erst einmal) eine deutliche Gänsehaut-Begegnung mit einem Dämon, und konnte tatsächlich keinen greifbaren Unterschied zum manchmal spürbaren Wirken des Heiligen Geistes feststellen. Doch diese sind ja auch gefallene göttliche Wesen, von daher eigentlich nicht überraschend… Tipp von Jesus: Früchte (Mk. 7,20) – das gäbe dann auch bei Goebbels eine eindeutige Antwort.
Jesus als der göttliche Offenbarer ist leider kein Urteil a priori nach Kant’schen Kriterien. Ich finde das sehr schade.
hallo arne
du wolltest tolle musike haben, wenn ich was hab
hier hab ich n tip: http://gottistmituns.blogspot.com/2009/06/der-herr-zaschke-is-ein-alter.html
grüße
dj
Hallo,
habe dein Bonhoefferzitat gerade gesehen.
Es stammt es ‘Widerstand und Ergebung’, den Gefängnisbriefen. Bonhoeffer beschäftigt sich in dieser Zeit, wie Glaube an Gott in der modernen Welt aussehen kann. Ein Gott als Lückenbüßer, für das was wir noch nicht wissen, ist ihm zu wenig.
Es lohnt sich mehr in dem Buch zu lesen.
Comment by Guenter 08.06.09 @ 21:40Leave a comment
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