[Gastpost zur Lent-Serie: Glaube und Naturwissenschaft]
Wednesday April 08th 2009, 23:46
Filed under: Allgemein

Michael ist ein wirklich außergewöhnlich kluger und belesener Mensch, der mit seinen 22 Jahren doch schon ein beachtliches Wissen erworben hat. Seine Themen sind Sprachevolution, kognitive Biologie und Mettbrötchen. Sein Blog ist eine gute Anlaufstelle für Leute wie mich um überhaupt in die Neurobiologische Fragestellung hineinzukommen. Ihn fragte ich, ob er nicht etwas zum Thema Atheism for Lent beizutragen habe und ob er nicht aus seiner Perspektiven einige Herausforderungen an das christliche Denken formulieren kann. Das Resultat darauf hier:

In Gesprächen mit meinen christlichen Freunden, bekomme ich oft den Eindruck dass viele Gläubige sich häufig anderen Perspektiven auf den Menschen und die Welt nicht stellen. Ich denke da besonders an die Naturwissenschaften, wenn sie sich auf den Menschen, seine Stellung in der Welt und seine evolutionären Entwicklungsgeschichte beziehen. Natürlich ist das nicht alles, was es interessantes und bedeutsames über das Wesen und die Natur des Menschen zu sagen gibt – aber es ist wichtig.

Es ist eine Sache, einen bestimmten Sichtpunkt auf die Welt einem anderen vorzuziehen, aber ich habe ein großes Problem damit, wenn wichtige Fragen aus anderen Richtungen einfach abgetan oder fortgeschoben werden, ohne dass man sich wirklich damit beschäftig hat.

Arne hat richtig gesagt, das man sich immer fragen muss (und das gilt für mich und andere Nichtgläubige natürlich genauso wie für Christen): „Wo ist mein Glaube eine Flucht vor der Realität?“: Denn wie die Realität aussieht, die der Glauben ausdeutet, hier hat die Wissenschaft wichtiges zu sagen. Ich finde nicht, dass das, was wir unter diesem Blickwinkel vorfinden, sich einfach in das Schema eines gerechten und liebenden Gottes einfügen lässt, aber das ist meine Sache. Viel wichtiger finde ich es, sich mit diesem Blickwinkel auseinanderzusetzen.

Der Theologe Karl Rahner z.B. hat die fruchtbaren kritischen Fragen, die durch eine solche Auseinandersetzung aufgeworfen werden können, sehr bewegend beschrieben:

„Ich sage: die Welt ist von Gott geschaffen. Aber was Welt ist, davon weiß ich fast nichts und darum bleibt auch der Begriff der Schöpfung seltsam leer. Ich sage als Theologe: Jesus ist auch als Mensch der Herr der gesamten Schöpfung. Und dann lese ich, dass der Kosmos Milliarden von Lichtjahren sich ausdehnt, und frage mich dann erschreckt, was eigentlich der eben gesagte Satz bedeute. [...] Ich frage mich erschreckt, ob denn das ewige Reich Gottes so ungefähr zur Hälfte mindestens mit Seelen erfüllt sei, die nie zu einer personalen Lebensgeschichte gelangt sind, weil nach normaler kirchlicher Lehre die personal-geistige und unsterbliche Seele schon bei der ersten Befruchtung des Eies durch das Sperma gegeben sei und andererseits nicht vorstellbar sei, wie die unzähligen natürlichen Aborte mit einer auch noch so anfänglichen personalen Freiheitsgeschichte vereinbar seien. Ich frage mich, wie man sich genauer die Urmenschheit vor zwei Millionen Jahren als die ersten Subjekte einer Heils- und Offenbarungsgeschichte denken könne, und weiß keine sehr deutliche Antwort. Ich lasse mich von der profanen Anthropologie belehren, dass die Unterscheidung von Leib und Seele vorsichtiger gemacht und problematisch bleibe, und kann darum die Lehre von „Humani generis“, dass der menschliche Leib aus dem Tierreich stamme, aber die Seele von Gott geschaffen sei, nicht mehr so dualistisch interpretieren, wie sie doch zunächst klingt.“ (Karl Rahner: Von der Unbegreiflichkkeit Gottes, S. 53f.).

Drei (wissenschaftliche) Perspektiven auf den Menschen finde ich persönlich besonders wichtig wenn wir die (philosophische) Frage stellen: Was ist der Mensch? Wie können wir uns den Menschen– uns – als etwas besonderes und gewolltes im Ganzen der Schöpfung denken?

Die psychologische Perspektive:
Wie wenig wir tatsächlich über uns selbst und über unsere mentalen Prozesse wissen, ist eines der robustesten und stärksten Befunde der Kognitionswissenschaften und der Psychologie. Es gibt so viele Beispiele wie unsere Wahrnehmung uns täuscht und unser Denken unbewusst von äußeren Umständen beeinflusst wird, dass wir immer sehr demütig sein sollten, wenn wir den „Wahrheitsgehalt“ unseren eigene Gefühle und unsere Gedanken bewerten.

Die biologische Perspektive:
Der Mensch ist in der Welt verankert und zu einem wichtigen Teil durch die Interaktion mit seiner Umwelt beeinflusst. Das, was wir unser Bewusstsein, unseren Geist nennen, wird von dem komplexen System der einhundert Milliarden in Mustern feuernden Nervenzellen unseres Gehirns hervorgerufen. Wenn wir über den Menschen reden, hört es sich oft so an, als würden wir über seinen reinen „Geist“ reden, aber wir sollten immer daran Denken, dass der Mensch ist ein biologischer, „verkörperter“ Organismus ist.

Die evolutionäre Perspektive:
Der Mensch ist mit allem Leben auf der Erde durch gemeinsame Vorfahren verbunden. Er ist nur ein Ast eines großartigen Baums des Lebens, nicht die Krone einer scala naturae. Dies soll den Menschen nicht einfach auf einen Primaten mit besonders großem Gehirn, und besonders komplexes Sozial- und Geistesleben reduzieren. Die Tatsache, dass all unser Denken und Handeln Vorläufer und simple Entsprechungen bei anderen Tieren und unseren evolutionären Vorfahren hat, sollte uns aber doch vielleicht demütiger und selbst-kritischer machen.

Wir alle sind voreingenommen, wenn wir uns mit einer Sache auseinandersetzen. Trotzdem sollten wir vielleicht versuchen, uns die Dinge einfach einmal genauer anzusehen und uns kritisch zu fragen, ob sie wirklich so nahtlos in unsere Deutungsmuster hineinpassen, wie wir es häufig denken. Was immer auch geschieht, ich bin überzeugt, dass man dadurch ein tieferes Verständnis von der Welt bekommt, in der wir leben, und auch davon, wer wir sind.


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