[Atheism for lent - Freud]
Thursday March 26th 2009, 16:51
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Allgemein
Nach einiger Pause nun weiter in meiner Beschäftigung mit Merold Westphals Buch “Faith & Suspicion” in dem er eine konstruktive Auseinandersetzung mit den großen Religionskritikern Marx, Freud und Nietzsche sucht.
Fahren wir mit Freud fort.
Sigmund Freud war zunächst einmal ein Naturwissenschaftler und Arzt. Aus dieser Grundorientierung seines Lebens leitet sich ein damals stark verbreiteter positivistischer Glauben an die Erklärbarkeit der Welt ohne Gott und damit an die Rückständigkeit des monotheistischen Glaubens.

Doch er beschäftigte sich auch mit Philosophie. Für ihn wurde insbesondere Schopenhauer interresant, der ihm eine grundsätzlich pessimistische Sicht der Welt vermittelte. Die Welt ist für den Menschen ein unwirtlicher Ort. Die Natur wirkt sehr bedrohend auf den Menschen, der sich zum Schutz gegen die Natur dann zu einer Gemeinscahft zusammenfindet. Mit dieser Gemeinschaftsbildung einher geht dann die Unterdrückung von gewissen Aspekten des menschlichen Seelenlebens, den Trieben. Diese abgründige Urgewalt des Menschen muss umgelenkt werden. Um diese aufgestauten Energien abzubauen bedient sich der Mensch in modernen Zivilisationen verschiedener Mittel, die alle eines gemein haben: sie verschleiern und verdunkeln die Abgründe des Menschen, die hoffnungslose Lage des Menschen und der Welt. Freud nennt hier: Chemische Substanzen, die eigene Arbeit (das war nach Eigenauskunft Freuds auch seine Mittel der Wahl), die Illusion der Kunst, sexuelle Zügellosigkeit und die Verneinung der Welt in Paranoia und Religion.
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Die Industrie der Betroffenheit und Adorno
Es wird einen schlecht. Denn da läuft sie wieder an: die reflexhafte Pseudobetroffenheit kitschig-humanistischer Couleur, die nach einem schrecklichen Blutbad wie dem Heutigen von Medienmenschen eingeübt ist. Da werden Angehörige von Opfern des Erfurtmassakers vor die Kameras gezerrt und ihnen Talkshow-mäßige Geständnisse über ihre Befindlichkeit an einem Tag wie diesem heraußgepresst. Opfer von Littleton werden befragt daraufhin was diese Tragödie doch alles positives bewirkt hat. Auf ekelhafte Weise wird versucht, dem Schrecken ein menschliches Gesicht zu geben; aus dem Schrecknis wird humanistischer Postkartenkitsch für das tragikgeile Publikum. Und dann die hilflosen Reflexe der Ursachenbefragung. Forensische Psychologen erklären uns, was an diesen Freaks da anders ist als bei uns normalen Menschen, nämlich Einsamkeit, Waffenbesitz und Ballerspiele. Doch vielleicht ist es nicht genug -um die Phrase zu wiederholen- genauer hinzugucken (das meint: noch stärken Normalisierungsdruck, Überwachung, Bericht von Abweichungen wie schwarze Kleidung); vielleicht müssen wir uns die Frage stellen, ob Aggression nicht eine der normalsten Folgen aus einer hocheffizienten, funktional differenzierten und abstrakten Gesellschaft ist. Zumindest dann, wenn man merkt, dass man nicht mehr mitkommt. Ich habe ein interessantes Zitat von Adorno gefunden, indem es zunächst um Ausschwitz, dann aber auch um die Pathologien unserer Gesellschaft geht:
“Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. Das ist das ganze Grauen. Der gesellschaftliche Druck lastet weiter, trotz aller Unsichtbarkeit der Not heute. Er treibt die Menschen zu dem Unsäglichen, das in Auschwitz nach weltgeschichtlichem Maß kulminierte. Unter den Einsichten von Freud, die wahrhaft auch in Kultur und Soziologie hineinreichen, scheint mir eine der tiefsten die, dass die Zivilisation ihrerseits das Antizivilisatorische hervorbringt und es zunehmend verstärkt. Seine Schriften “Das Unbehagen in der Kultur” und “Massenpsychologie und Ich-Analyse” verdienten die allerweiteste Verbreitung gerade im Zusammenhang mit Auschwitz. Wenn im Zivilisationsprinzip selbst die Barbarei angelegt ist, dann hat es etwas Desperates, dagegen aufzubegehren.
Die Besinnung darauf, wie die Wiederkehr von Auschwitz zu verhindern sei, wird verdüstert davon, dass man dieses Desperaten sich bewusst sein muss, wenn man nicht der idealistischen Phrase verfallen will. Trotzdem ist es zu versuchen, auch angesichts dessen, dass die Grundstruktur der Gesellschaft und damit ihre Angehörigen, die es dahin gebracht haben, heute die gleichen sind wie vor 25 Jahren. Millionen schuldloser Menschen – die Zahlen zu nennen oder gar darüber zu feilschen, ist bereits menschenunwürdig – wurden planvoll ermordet. Das ist von keinem Lebendigen als Oberflächenphänomen, als Abirrung vom Lauf der Geschichte abzutun, die gegenüber der großen Tendenz des Fortschritts, der Aufklärung, der vermeintlich zunehmenden Humanität nicht in Betracht käme. Dass es sich ereignete, ist selbst Ausdruck einer überaus mächtigen gesellschaftlichen Tendenz. [...]
Ich nannte Ihnen Freuds These vom Unbehagen in der Kultur. Sie ist aber umfassender noch, als er sie verstand; vor allem, weil unterdessen der zivilisatorische Druck, den er beobachtet hat, sich bis zum Unerträglichen vervielfachte. Damit haben auch die Tendenzen zur Explosion, auf die er aufmerksam machte, eine Gewalt angenommen, die er kaum absehen konnte. Das Unbehagen in der Kultur hat jedoch – was Freud nicht verkannte, wenn er dem auch nicht konkret nachging – seine soziale Seite. Man kann von der Klaustrophobie der Menschheit in der verwalteten Welt reden, einem Gefühl des Eingesperrtseins in einem durch und durch vergesellschafteten, netzhaft dicht gesponnenen Zusammenhang. Je dichter das Netz, desto mehr will man heraus, während gerade seine Dichte verwehrt, dass man heraus kann. Das verstärkt die Wut gegen die Zivilisation. Gewalttätig und irrational wird gegen sie aufbegehrt.”
Das hieße: solange wir Gesellschaft leben wie wir sie leben (denn Gesellschaft ist ja nichts anderes als die Summe der Praktiken und Institutionen der Menschen) müssen wir uns damit abfinden, dass passieren wird was passiert ist.
[Atheism for lent - Marx 2]
Weiter geht mit meine Auseinandersetzung mit den “masters of suspicion”. Im letzten Post zeigte ich auf, wie allergisch Marx auf das Staatschristentum reagierte. “Der Gott der Christen ist ihre Nation” (was in der hegelianischen Atmosphäre seiner Zeit durchaus ein denkbarer Gedanke war). Er kritsierte die Verbindung zwischen Protestantismus und repressiv-autoriäten preußischem Staat. Und hier würde jetzt der normale Freikirchler mit einer Formel kommen, die ihm eingeprügelt wurde: “Ja genau DAS ist die Realitätder Staatskirche. Da geht es um Macht und Einfluss und nicht um echten Glauben. Das ist “RELIGION” (ein Haßwort bei Freikirchlern), das sind starre Strukturen, das ist Pharisäertum. Wir geisterfüllten Freikirchler würden das nicht tun. Bei uns geht es um Jesus, um Spiritualität, um Spontanität, um Liebe und nicht um Macht. Wir üben Barmherzigkeit und sind für die Leute da.”
Ok ein valider Punkt. Aber gucken wir uns ein historisches Beispiel an, das für viele immer noch als DAS Beispiel für genuines Geistwirken gilt: die Entstehung der Pfingstbewegung. Bei der Azusa-Street-Erweckung, die viele als ein authentisches Wirken des Heiligen Geistes und als Geburtsstunde der mitlerweile dynamischten Bewegung des Christentums ansehen, gab es dieses Moment, wo in dieser Ekstase und in dieser Unmittelbarkeit ein Riß in der sozialen Ordnung entstand. Denn zunächst war die gesetzlich geregelte Rassentrennung aufgehoben. Doch wie lange hielt das? Einige Wochen. Dann kam jemand auf die Idee: nein nein wir müssen uns an die gesellschfatlichen Konventionen halten damit alles hier ordentlich abläuft.
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[Atheism for lent - Marx]
Monday March 02nd 2009, 16:48
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Gottkram
Ich möchte in der nächsten Zeit ein paar große Kritiker des Glaubens kurz betrachten um zu sehen, was sie uns zu sagen haben. Keiner dieser großen “masters of suspicion” ist in irgendeiner Weise unproblematisch oder unumstritten: Nietzsche als eine sehr reaktionäre Persönlichkeit hat hochproblematische Ideen geäußert und auch Schlagworte geliefert, die später von den nazis zweckentfremdet wurden (Übermensch, Wille zur Macht), Freud und mit ihm das Projekt der Psychoanalyse ist spätestens durch das aufkommen einer sich naturwissenschaftlich und empirisch gebenden Psychologie stark in Verruf gekommen und wäre nicht die Wirtschaftskrise so würden heut die meisten über Marx nur lächeln.
Aber Marx hat uns einen kritischen Blick beigebracht für die Ungerechtigkeiten, die eine Gesellschaft produziert, für die Ambivalenz unserer Martkswirtschaft, für die Verbindung zwischen Wissen und Macht und für Mechanismen, sich nicht mit dieser Ungerechtigkeit beschäftigen zu müssen. Ich muss etwas anmerken bevor ich weiter versuche in die Details der Denker zu gehen: ich habe Merold Westphals Buch vor ca. 4-5 Monaten gelesen und habe gerade keinen Zugriff auf das Buch. Also werde ich bei der Zusammenfassung der Denker ziemlich vage und ungenau bleiben müssen.
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