Filed under: Arne erklärt die Welt
Peter hat mir grad einen witzigen Anstoß und eine Steilvorlage gegeben um über ein Thema zu bloggen, das mir schon lange “in den Fingern lag”: nämlich nochmal einen halb kritischen Blick auf die Entwicklungen in Web 2.0 zu werfen.
Also bei Peter ging es um Fotos in den Communities wie StudiVZ und Facebook (die ja eben jeweils ein anderes Publikum ansprechen; StudiVZ eher so die breite Studentenschaft und Facebook alle die, die mehr so auf kosmopolitisch machen).
Du hast ja immer zwei Möglichkeiten, körperlich in diesen Communities abgebildet zu werden: a) du lädts selber Bilder hoch; am besten welche die du zielgerichtet dafür gemacht hast (seltene der Fall) und b) du wirst verlinkt (häufig der Fall).
Ich glaube aber beides ist eine Art, Identität zu konstruieren. Gehen wir mal davon aus, dass der Mensch ein geschichtenerzählendes Tier ist. Wenn du eine Erfahrung machst, machst du nie einfach eine Erfahrung. Du musst diese Erfahrung verdoppeln, indem du sie in Sprache und schließlich in eine Geschichte packst. Dabei behält diese Erfahrung nicht die Form: du wählst aus, du schmückst aus. Wenn die Erfahrung eine Zitrone ist, dann ist der Prozess des Geschichtenerzählens das Auspressen und der fertige mit anderen Säften vermischte Saft die fertige Geschichte. (Ach…doofes Beispiel, aber ihr versteht.)
Und so passiert das auf jeder Party, auf jeden Urlaub und wenn anderen peinliche Dinge passieren: wir bleiben mit der Erfahrung nicht gern allein, wir erzählen Geschichten.
Und diese Fotos kann man eben vielleicht auch als kleine Geschichten begreifen, die etwas darüber erzählen solleb, wie wild die Party und wie wundervoll die Hochzeit war und natürlich was für ein stylischer Typ man selbst ist.Mich irritierte das zunächst, dass seitdem es in jedem Feuerzeug einen eingebauten Fotoapparat gibt, manche Menschen einfach stän-dig fotographieren müssen. Es scheint, als ob sie gar nicht mehr richtig aus erster Hand genießen können (so viel zum Thema: Hedonismus in der Postmoderne) sondern immer die Realität gleich in eine Geschichte, in einen Schnapschuß innerlich verwandeln. Das hat Olli Schulz, der ja selbst gern die ein oder andere Story erzählt, mal auf nem Konzert kommentiert, weil immer alle Leute nur noch mit ihrem Pixelhandy ihn filmen anstatt sich direkt der Erfahrung seiner Musik auszusetzen:
Aber will man die Postmoderne in ihrer Radikalität mitmachen, dann muss man entweder Parkour laufen oder radikaler Konstruktivist werden und wie ihr wisst: ich bin halt irgendwie sowohl faul als auch unsportlich also doch Konstruktivismus? Denn der Konstruktivist fände dieses Gerede davon, dass man mit dem ganzen Fotographieren und der Selbstdarstellung das ganze Leben irgendwie unauthentisch macht, ziemlich naiv. Der würde sagen, dass das alles romatnsicher Käse ist. Was ist denn der Mensch außer der Geschichte, die er erzählt? Gibt es denn das reine Erlebnis, das direkte erleben? Und was soll das sein, wenn es außerhalb der Sprache liegt?
Übertragen auf die Fotos auf den Web 2.0 Plattformen: Ist auch der Körper, der hier in Szene gesetzt, ins rechte Licht gerückt, aus den richtigen Winkel fotographiert wird etwas anderes als dieses Bild? Gibt es denn tatsächlich etwas hinter diesen Bild oder sind wir nicht daran gewöhnt, die Welt in Ausschnitten, aus Perspektiven zu sehen, dass diese Bilder nicht letztlich eine starke Rückwirkung darauf hätten (wenn wir die Person “in echt” kennen würden) wie wir den Körper sehen? Gibt es etwas außerhalb dieser Geschichten, dieser Bilder und dieser Konstruktionen? Oder ist es wie Nietzsche sagt: nimm die Perspektiven weg und du nimmst die Welt weg? Oder trifft die erste Sicht zu: durch diese Art, die Welt ständig konstruieren zu müssen, stirbt das unmittelbare Erleben, stirbt das authentische, stirbt die Wahrheit hinter den Konstrukten?
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