Im Werke Max Goldt’s findet sich manches Schmunzelnswertes, manche falsche Prophetie (z.B. prophezeite er in den 90ern das restlose Verschwinden von Messenger Bags sah aber das Verschwinden von Telefaxen keineswegs voraus), aber es gibt nur eine Aussage, die im platonischen Sinne als Wahrheit, als die Wahrheit selbst angesehen werden kann. Und selbst diese ist nur andeutungsweise formuliert.
Es heißt im Text „Knallfluchttourismus“ da:
„Gelegentlich liebe ich es, mich fremder Bestimmung auszuliefern. Normalerweise sagt mir nie einer, was ich tun soll, alles entscheide ich selbst. […] Wunderbar ist es, an einer roten Fußgängerampel auch dann stehen zubleiben, wenn alle anderen Passanten es für nötig halten, wie rebellische Teenager zwischen den fahrenden Autos herumzuhecheln. Mir wird von oben, von einer süßen anonymen Macht, eine Pause angeboten und ich bin so entgegenkommend, dieses Angebot anzunehmen, indem ich friedensreich verharre. Warum soll ich unentwegt um Souveränität und Unabhängigkeit ringen? Ich bin doch kein pubertierender Zwergstaat. Der rote Mann bietet mir eine freie Minute an und ich als freier Mann knabbere den Zeitsnack gern. Sich kurz und freiwillig dem Geheiß des roten Mannes zu unterwerfen erspart einem –nicht zuletzt- den Gang zur Domina. Sich einem harmlosen Diktat ganz selbstverständlich zu fügen ist eine süße und runde Sache. Da denke ich: >>Eine mir unbekannte Autorität verbietet mir etwas und mir regt sich kein Widerstand. Ich beginne zu ahnen, was Frieden sein könnte.<<“
Eine sehr gute Beschreibung, auch wenn sie noch nicht weit genug geht. Denn es handelt sich hier um den letzten revolutionären Akt, den letzten Akt der Selbstvergewisserung. Das muss ich erklären. Wenn man in seiner Persönlichkeit etwas hat, einen Drang nach Freiheit und Lebendigkeit, der sich dadurch definiert, dass man den Gesetzen, Notwendigkeiten und Zuschreibungen dieser Gesellschaft entkommen will, dann hat man es schwer. Denn, was macht man in einer Gesellschaft ohne Grenzen, ohne Tabus, ohne traditionelle Werte und ohne Entrüstung? Eine Gesellscahft, in der jedes vermeintliche Tabu schon von den Eltern gebrochen wurde, in der jede Grenze auf RTL von sogenannten Comedians in massenkompatiblen Zynismen überschritten wird und in dem die Masse die Aristokratie ist, also diejenigen, die sich dadurch definieren, dass sie sich von der Masse abheben? Wie will man rebellieren, wenn Punk Mainstream ist? Wenn alle Autoritäten auf der Kumpelebene kommunizieren? Wie rebellieren, wenn man dem Dikatat, des Utilitarismus unterworfen ist: Tue, was dir Spass macht! Tue, was dich selbst voran bringt! Handle stets so, dass du „glücklich“, „authentisch“ und effizient dein Leben begehst und lass dich von nichts davon abbringen, es sei denn, es gefährdet den Anderen, das selbe zu tun.
Da saß ich neulich mit einer Bekannten aus Berlin – manch einem mag ihr Text aus meinem Seminar aufm Emergent Forum noch erinerlich sein – die sich nach einer evangelikalen Jugendzeit vom christlichen Glauben abgewendet hat, bei nem Wein an einer Bar und unterhielten uns. „Das Problem ist, früher hatte ich Verbote gegen die ich rebellieren konnte. Jetzt ist alles erlaubt.“
In einer liberaldemokratischen Gesellschaft bleibt nur wenig zum rebellieren: du kannst Ausschwitz leugnen und Nazi werden, Darwin leugnen und Fundamentalist werden oder du kannst den Drang nach Rebellion und Authentizität leugnen und an roten Ampeln stehen bleiben.
Denn Freiheit bedeutet, freiwillig an roten Ampel stehen zu bleiben.
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