Rebellion und rote Ampeln
Sunday January 11th 2009, 16:09
Filed under: Arne erklärt die Welt, Bücher, Szenekram


Im Werke Max Goldt’s findet sich manches Schmunzelnswertes, manche falsche Prophetie (z.B. prophezeite er in den 90ern das restlose Verschwinden von Messenger Bags sah aber das Verschwinden von Telefaxen keineswegs voraus), aber es gibt nur eine Aussage, die im platonischen Sinne als Wahrheit, als die Wahrheit selbst angesehen werden kann. Und selbst diese ist nur andeutungsweise formuliert.

Es heißt im Text „Knallfluchttourismus“ da:pmod0162.JPG

„Gelegentlich liebe ich es, mich fremder Bestimmung auszuliefern. Normalerweise sagt mir nie einer, was ich tun soll, alles entscheide ich selbst. […] Wunderbar ist es, an einer roten Fußgängerampel auch dann stehen zubleiben, wenn alle anderen Passanten es für nötig halten, wie rebellische Teenager zwischen den fahrenden Autos herumzuhecheln. Mir wird von oben, von einer süßen anonymen Macht, eine Pause angeboten und ich bin so entgegenkommend, dieses Angebot anzunehmen, indem ich friedensreich verharre. Warum soll ich unentwegt um Souveränität und Unabhängigkeit ringen? Ich bin doch kein pubertierender Zwergstaat. Der rote Mann bietet mir eine freie Minute an und ich als freier Mann knabbere den Zeitsnack gern. Sich kurz und freiwillig dem Geheiß des roten Mannes zu unterwerfen erspart einem –nicht zuletzt- den Gang zur Domina. Sich einem harmlosen Diktat ganz selbstverständlich zu fügen ist eine süße und runde Sache. Da denke ich: >>Eine mir unbekannte Autorität verbietet mir etwas und mir regt sich kein Widerstand. Ich beginne zu ahnen, was Frieden sein könnte.<<“

Eine sehr gute Beschreibung, auch wenn sie noch nicht weit genug geht. Denn es handelt sich hier um den letzten revolutionären Akt, den letzten Akt der Selbstvergewisserung. Das muss ich erklären. Wenn man in seiner Persönlichkeit etwas hat, einen Drang nach Freiheit und Lebendigkeit, der sich dadurch definiert, dass man den Gesetzen, Notwendigkeiten und Zuschreibungen dieser Gesellschaft entkommen will, dann hat man es schwer.  Denn, was macht man in einer Gesellschaft ohne Grenzen, ohne Tabus, ohne traditionelle Werte und ohne Entrüstung? Eine Gesellscahft, in der jedes vermeintliche Tabu schon von den Eltern gebrochen wurde, in der jede Grenze auf RTL von sogenannten Comedians in massenkompatiblen Zynismen überschritten wird und in dem die Masse die Aristokratie ist, also diejenigen, die sich dadurch definieren, dass sie sich von der Masse abheben? Wie will man rebellieren, wenn Punk Mainstream ist? Wenn alle Autoritäten auf der Kumpelebene kommunizieren? Wie rebellieren, wenn man dem Dikatat, des Utilitarismus unterworfen ist: Tue, was dir Spass macht! Tue, was dich selbst voran bringt! Handle stets so, dass du „glücklich“, „authentisch“ und effizient dein Leben begehst und lass dich von nichts davon abbringen, es sei denn, es gefährdet den Anderen, das selbe zu tun.

Da saß ich neulich mit einer Bekannten aus Berlin – manch einem mag ihr Text aus meinem Seminar aufm Emergent Forum noch erinerlich sein – die sich nach einer evangelikalen Jugendzeit vom christlichen Glauben abgewendet hat, bei nem Wein an einer Bar und unterhielten uns. „Das Problem ist, früher hatte ich Verbote gegen die ich rebellieren konnte. Jetzt ist alles erlaubt.“

In einer liberaldemokratischen Gesellschaft bleibt nur wenig zum rebellieren: du kannst Ausschwitz leugnen und Nazi werden, Darwin leugnen und Fundamentalist werden oder du kannst den Drang nach Rebellion und Authentizität leugnen und an roten Ampeln stehen bleiben.

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Denn Freiheit bedeutet, freiwillig an roten Ampel stehen zu bleiben.



Verschwörungstheorien
Friday January 02nd 2009, 18:12
Filed under: Szenekram, beobachtet

Weihnachtszeit, Verschwörungszeit.

Ich habe die alte Tradition, dass ich in den Weihnachtsferien mindestens ein neues PC Spiel spiele. Meistens wadollar2.jpgs in Richtung Adventure. Dieses Mal entschied ich mich für Overclocked, einen Psychothriller im Stile von Filmen wie Memento und Butterfly Effect. Doch leider hatte mich nach einem sehr spannenden Start das Ende mehr als enttäuscht. Wieder einmal wurde alles Böse im Leben zurückgeführt auf eine große Verschwörung. Kurz gesagt: der konspirative Mann mit dem langen Mantel und seine fiesen Handlanger sind an allem Schuld. Nun sind ja neben diesen typischen politischen Verschwörungen in den Filmen auch historische Verschwörung in Zusammenhang mit der Kirche sehr im Trend. Gerade zu Weihnachten kommen ganz gerne die sogenannten Experten und erklären uns, wie alles damals wirklich gewesen ist mit Jesus und der Kirche.

Jetzt frage ich mich: was hat es mit diesen Theorien auf sich?

Dazu ein paar Beobachtungen.

Ohne eine genaue kulturgeschichtliche Untersuchung durchgefgührt zu haben, rate ich einfach mal, dass die Form der Verschwörungstheorie auf amerikanischem Mist gewachsen ist. Es gibt eine konservative und eine marxistische Version von ihnen. Die konservative Version drückt eine republikanische Skepsis gegenüber der Zentralregierung aus (hier muss nicht erwähnt werden, das bestimmte christliche Theorien über die Endzeit eine große Rolle spielen), die marxistische eine Skepsis gegenüber Großkonzernen und den großen Institutionen.  Soweit so gut.

Weiterhin übernehmen Verschwörungstheorien die Funktion des Mythos: sie erklären, die Welt, wie sie jetzt ist; aber sie erklären sie im Gegensatz zur Wissenschaft nicht analytisch sondern holistisch; ganzheitlich. Der Zustand der Welt ist auf ein großes Geheimnis zurückzuführen. Dieses Geheimnis gilt es zu lüften und – da man ja sonst bedroht ist – einem kleinen eingeweihtem Kreise anzuvertrauen, bevor man es nach und nach veröffentlicht. Eine Verschwörungstheorie ist also gleichzeitig esoterisch, als auch aufklärerisch. Entscheidend ist die geschlossene Argumentationsstruktur, die einer rationalen Prüfung wiedersteht. Der mythologische Diskurs lässt sich nicht in den wissenschaftlichen Diskurs übertragen.

Diese neue Art der Mythen trifft nun auf die postmoderne kulturelle Situation verbunden mit der modernen Kommunikationstechnologie: es wird für den “normalen Menschen auf der Straße” zunehmend unmöglich zwischen konkurrierenden Wahrheitsansprüchen zu entscheidend zusätzlich bedienen Verschwörungstheorien noch ein emotionales Bedürfnis nach einem Informationsvorsprung, einer Überlegenheit gegenüber der uniformierten Masse und das Gefühl, die Welt durchschaut zu haben. Es ist der Wunsch nach der einfachen Antwort, das quasi aristokratische Gefühl der Überlegenheit gegenüber der Masse und eine Politikverdrossenheit und Skepsis gegenüber dem zunehmend komplizierten politischen Apparat.

Um mit C.S. Lewis zu schließen: “Wer alles durchschaut, sieht am Ende nichts mehr.”



Exclusion & Embrace – die Umarmung
Thursday January 01st 2009, 20:41
Filed under: Bücher, Emerging Church

Gutes Neues Jahr wünsche ich den Lesern. Fühlt euch umarmt! Nach ein bisschen Pause will ich jetzt mal wieder einsteigen. Ich hab ja ein wenig über Miroslav Volfs Exclusion & Embrace gebloggt und ich komme jetzt zum zentralen Kapitel des Buchs.

Volf zeigte ja, wie im Konzept von Idenität schon ein Moment der Gewalt steckt: man zieht einen Kreis um sich und entwirft sich als von anderen getrennt. Zusammen mit anderen Mechanismen führt das schnell zu mehr oder weniger subtilen Formen der Gewalt und Ausgrenzung. Auf der anderen Seite sucht Volf auch einen Ausweg aus den radikalen postmodernen Denken alá Derrida und Levinas, in dem von einer radikalen Andersartigkeit gesprochen wird. Man kann den anderen nie wirklich einholen, nie wirklich verstehen, eine Begegnung im Sinne von Buber (Stichwort: Dialog, Ich-werdung am Anderen etc.) wäre in diesem Sinne schon bestenfalls ein Mißverständnis, möglicherweise sogar selbst ein Akt der Gewalt. Lustigerweise wird Buber im ganzen Buch nicht zitiert und dennoch weht ein Hauch von seinem Denken gerade in diesem Kapitel, nur eben dass das Projekt “Begegnung” durch die postmoderne Kritik hindurchgerettet werden soll.

Volf will also unter manch anderem eine Sicht von Identität fördern, die a) Raum in sich hat für den Anderen b)eine echte Begegnung mit dem anderen erlaubt und c) immer noch Momente von Subjektivität zulässt; das Subjekt also nicht völlig auflöst d) die der Kirche nützt und der Welt dient.  Er vollzieht das einmal anhand von Begriffen und einmal anhand von einer Metapher.

Die Begriffe sind: katholische Person/Gemeinschaft; evangelische Persönlichkeit und ökomenische Persönlichkeit.

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