[Exclusion & Embrace] Gender Identität 2
Sunday December 21st 2008, 20:07
Filed under: Bücher

Miroslav Volf teilt mit vielen Postmodernen Denkern die Emphase der Unterschiedlichkeit. Gleichheit/Identität führt schnell zur Ausgrenzung und zu Totalitarismus. Deshalb kommt Volf, wie viele Theologen vor ihm, zu der Frage der Dreieinigkeit; besser gesagt zur Trinität. Es gibt verschiedene Metaphern, wie man die Trinität beschreiben kann. Zum einen das der Theatermasken, hinter denen sich ein und dasselbe Gesicht verbirgt. Aber in letzter Zeit kam eine alte griechische Metapher wieder in Mode, die seinerzeit Johannes von Damaskus geprägt hat. Dies ist die Metapher des Tanzes: die 3 Personen der Dreieinigkeit tanzen umeinander und geben sich gegenseitig “die Ehre”; das heißt erst durch die Anderen werden sie, was sie sind. Es ist ein Kreislauf von gegenseitiger Selbst-Hingabe und Offenheit für den Anderen. Der Andere Teil der Trinität ist immer schon Teil von dem Anderen. Volf süpricht von “mutual indwelling” von gegenseitiger Innewohnung/ davon, dass alle Personen gegenseitig Teil von einander sind. Jeder empfängt seine Identität durch die Hingabe des Anderen und jeder gibt sich an den Anderen.

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Nur was kann man mit dieser komplexen Sicht von Identität anfangen? Wie kann der Gedanke von “Selbsthingabe” und “mutual indwelling” vom Himmel auf die Erde gebracht werden? Das – so stellt Volf in genialer Weise fest – ist DIE Frage der Heilsgeschichte. Wie kann das göttliche Leben, die göttliche Gemeinschaft, die göttliche Lebendigkeit und Liebe “hier unten” funktionieren? Welche Auswirkungen hat dies auf die Frage nach den Beziehungen zwischen den Geschlchtern?

Einsicht 1: Identität in Beziehungen

Volf redet von einer Fremdheit, die Frauen oft in der Männerdomäne des öffentlichen Lebens spüren; als ob sie dort nicht hingehören und höchstens geduldete Gäste sind. Männer hingegen fühlen sich tief verunsichert in Beziehungen und Familien, weil alle feststehenden Fixpunkte jetzt problembehaftet sind. In dieser Situation ist es leicht, dass sich beide Geschlechter in irgendeiner Form zurückziehen und “ihr eigenes Süppchen kochen”. Meistens in dem man in sich geht und dort sich seines Frauseins/Mannseins vergewisert. Oder wie ich hinzufügen würde indem man in Enklaven der sogenannten Männlichkeit und Weiblichkeit flieht: Ein Mädelsabend bei Wein und Dr. House und hysterischen Witzeleien über die jweiligen Partner oder ein Mänerabend bei Bier und Fußball mit Fleisch, das man am besten fellbehangen selbst im Wald erlegt hat. Soetwas mag therapeutischen Wert haben aber fördert oft kleine Ideologien der Überlegenheit. Ohne in Beziehung zu stehen lässt sich also die Geschlechtlichkeit nicht aushandeln. Wir sind nur insofern männlich und weiblich insofern es einen Anderen gibt, der jeweils nicht-männlich und nicht-weiblich ist.

Erkenntnis 2: Nicht-ohne-den Anderen:

1.Korinther 11:11: “Denn weder ist die Frau ohne den Mann noch der Mann ohne die Frau, denn so wie die Frau von dem Mann kam, so kam der Mann durch die Frau”. Diese Formulierung durchbricht die rein feministischen oder sexistischen Formulierungen, in dem a) die Beziehung außer Acht gelassen wird und b) in irgendeiner Form eines der Geschlechter bevorzugt wird. Außerdem schließt die Formulierung sehr nett an das an, was wir über die Trinität glauben; das nämlich der Sohn “nichts ist ohne den Vater” und der Vater erst zum Vater wird, weil er einen Sohn hat. Die Identiät des einen ist undenkbar  ohne die Anwesenheit des Anderen. Man findet hier eine Möglichkeit, Differenzen stehen zu lassen und dennoch diese nicht statisch zu Klischees oder versteckten Dominanzmechanismen verkommen zu lassen. “Der eine nicht ohne den Anderen” ist etwas anderes als “weder der eine, noch der Andere” was eine Geschlechtslosigkeit konstruieren würde oder “sowohl der eine als auch der andere” was eine Synthese alá “best of both worlds” schaffen will. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern lassen sich nicht aufheben, aber ein Geschlecht ist jeweils im anderen Geschlecht anwesend.

Erkenntnis 3: Selbsthingabe nicht Selbstauflösung:

Wenn man über Beziehung, Hingabe und Liebe redet, ist es leicht in einen radikalen Altruismus zu fallen (man denke an Levinas), in dem das Selbst sich völlig für den Anderen verzehrt. Dies ist oft eine Konzeption, die dem Patriarchat in die Hände spielt, da es nun oft die Frau ist, die sich da verzehrt und die sich selbst bereitwillig zurückstellt. Und zurecht insinstiert man darauf, dass der Einzelne aus der Beschäftigung mit sich selbst hinauskommen muss (diese Bewegung nennt Stanley Grenz schon Sexualität) und sich um den Anderen kümmern muss. Außerdem macht man Raum für den Anderen, der dann in dem eigenen Selbst seinen Platz finden kann. Aber der andere bleibt immer der Andere und wird nicht völlig in das Selbst hineingezogen; er entzieht sich meinen Kategorien, meinen Begriffen und meinen Urteilen. Aber dennoch verschwinde ich nicht völlig im Anderen. Diese Liebe des Anderen kommt auf mich zurück und stärkt mich in meiner Identität und diese Liebe lässt mir Raum.  Volf zitiert hier Luce Irigary, die schreibt: “Wenn du dich zurückziehst, offenbahrt das meine Existenz und mein Zurückweichen ist dir gewidmet.”

Zusammenfasung:

Volf beginnt und endet mit einem Nietzsche Zitat. Wir sehen darin die traditionelle Anschauung von den Geschlechterbeziehungen wonach der Mann die Fülle ist und die Frau der Mangel. Der Mann ist der Schöpfer, Erlöser und der Befehlshaber. Die Frau ist das Chaos, das nach einer ordnenden Hand schreit, sie ist die Sündhaftigkeit, die nach Erlösung schreit, sie ist die Irrationalität, die sich nach Befehlen sehnt. Doch Volf zeichnet einen Rahmen, der verspricht, dass die Geschlechter hier anders gefüllt werden:

1. Der Mensch existiert in einer nicht zu reduzierenden Dualität der Geschlechter, die beide die selbe Würde haben. Beide Geschlechter sind sowohl Fülle als auch Mangel, beide verfügen und beide fügen sich.

2. Die Konstruktion der Geschlechter auf der Basis der Körper geht beidseitig vonstatten. Beide sind Schöpfer und Erlöser des Anderen.

3. Die Identität des Einen ist nie ohne des Anderen. Der eine ist immer schon Teil des Anderen.

4. All dies wird am Leben gehalten durch die sich selbst gebende Liebe. Das Ziel dieser ist immer die Gegenseitigkeit der Liebe aber in dieser unperfekten Welt braucht es oft einen einseitigen Akt der Selbsthingabe.

5. Das Model des Zieles der menschlichen Gemeinschaft ist der ewige Tanz, der Kreislauf der Trinität. Das Model für den schweirigen Weg dorthin ist Jesu Umarmung der sündigen Menschheit am Kreuz (dazu später mehr).

Nietzsche behauptete, dass die Frau aus der Rippe des Mannes stammte dass der Mann aus der Rippe seines Gottes erschuf. Volf versuchte auszuloten, was es heißt, wenn die gegenseitige “Erschaffung” von Mann und Frau aussähe, wenn wir glauben, dass wir aus der “Rippe” des Dreieinigen Gottes und aus der “verwundeten Seite des Gekreuzigten” stammten.


3 Comments so far
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Fleisch, das man am besten fellbehangen selbst im Wald erlegt hat – lol!
Aber im Ernst: ich verstehe langsam, wieso du das Buch so gut fandest. Bin gespannt auf die Fortsetzung.

Comment by Walter 12.21.08 @ 22:09

“Nietzsche behauptete, dass die Frau aus der Rippe des Mannes stammte.” Dieser Nietzsche, ts ts ts… :) Vom Schöpfungsbericht her ließe sich aber eben vielleicht auch fragen, ob die “Herstellung aus der Rippe” den überhaupt eine Minderwertigkeit/Nachgeordnetheit der Frau begründet oder nicht vielmehr ihre Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit – nur so findet der adam ja eine wirkliche “ezer, die ihm entspricht”, Bein von seinem Bein. (Janowski hier in Tübingen behauptet auch die Androgynität des Menschen vor der Erschaffung der Eva, da scheint mir dann aber doch eher der Wunsch Vater des Gedankens zu sein…)

Comment by Alex 12.22.08 @ 09:31

Ohh gegen Ende hin schien meine Konzentration eh ein wenig abgeflaut zu sein. Ich meinte natürlich: “Nietzsche behauptet, dass der Mann die Frau aus der Rippe seines Gottes schuf.”
Die Stelle mit der Rippe wird auch in dem Buch etwas genauer untersucht. Es ist schon die Frage, inwieweit man VOR der Rippen-OP überhaupt von “dem Mann” sprechen kann. Volf sieht sicher in der Rippengeschichte keine Nachgeordnetheit der Frau.

Comment by Arnachie 12.22.08 @ 15:09



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