der Imperativ der Lust
Es begab sich dareinst vor ca. 1,5 Jahren, da verbrachte ich doch einen nett zu nennenden Abend mit einem hübsch zu nennenden Mädchen in einer Tanzlokalität. Der Abend mündete tanzerderweise in den Morgen und so stand man plötzlich in der Nähe meines Studentenwohnheimes.
Übrigens: das ist natürlich eine Szene die oft verfilmt, parodiert und persiflagiert worden ist. Am besten gefällt mir folgender fiktiver Dialog: Er: “Willst du noch mit rauf kommen auf nen Kaffee?” Sie:”Ich trink gar keinen Kaffee.” Er:”Ich hab auch keinen da.”
Aber an diesem Abend fielen keinerlei dieser Floskeln. Man umarmte sich, verabschiedete sich und ging – wie man das tatsächlich nur noch aus Filmen der 50er Jahre kennt – getrennte Wege. Wer denkt, dass nun ein Plädoyer für irgendeine Form von Sexualmoral oder so folgt, der hat geirrt, und zwar: gründlich geirrt. (Sorry, dass ich heute ein wenig dumm rumschwalle. Ich steh noch unter dem Eindruck dert gestrigen Heinz Strunk Lesung). Mein Punkt ist folgender: diese Szene wurde nämlich beobachtet von einem offensichtlich schlaflosen Menschen, der am Fenster stand und rauchte. Als die Begleiterin außer hörreichweite war sprach er mit dem Sound moralischer Entrüstung: “Du Idiot, warum hast du die nicht klar gemacht?”. Mir wird sicher noch irgendne flotte Antwort eingefallen sein, aber was passierte, als später die Frage in mir nachhallte, war doch irgendwie komisch.
Ich fühlte….
Schuld.
Ich habe gegen ein Gebot verstoßen. Ich habe gesündigt und meine Schuld lag schwer, denn ich stand einem grauenhaften, gnadenlosen, unerbittlichen Richter gegenüber: der internalisierten Stimme der Gesellschaft bzw. jenes Teiles der Gesellschaft, den ich als signifikant einstufe. Es ist doch ironisch: da entkommt die Menschheit in Europa all jenen offensichtlichen fremden Autoritäten: Gott, der gesellschaftlichen Hierarchie etc. und schwingt sich nicht wie erhofft in einem neuen Zustand der Selbstbestimmung, sondern sie unterwirft sich selbst aufs Neue unter die brutale Herrschaft diffuser Prinzipien. Eigentlich ist ist das ganze schon im Prinzip der Autonomie angelegt, wie man es bei Kant sehen kann: denn indem man die alten Autoritäten stürzt, soll man nicht etwa völlig prinzipienlos leben, sondern durch einen freien Entschluß erlegt man sich selbst Gesetze auf, die man als vernünftig anerkannt hat. Diese Gesetze treten einen in Konfliktsituationen als ein fremdes und zugleich eigenes Gegenüber entgegen (Über-Ich?). Nun war dieses dieses Gesetz bei uns im Westen lange Zeit etwas, das mit bestimmten Vorstellungen von Sittlichkeit, Moralität, Gehorsam, Pflichtempfinden, ja Askese verknüft war.
Doch dies hat sich geändert. Anstelle dieser Pflichtmoral trat ein anderer Imperativ.Der utilitaristisch-pragmatische Imperativ. Ich weiß nicht, ob das wirklich für die ganze Gesellschaft gilt, aber in meinen Bekanntenkreis kann ich das manchmal beobachten: unter den scheinbaren Diskursen, unter der scheinbaren Toleranz für verschiedene Lebenskonzepte, unter all der scheinbaren Offenheit, schwingt eine rigide, strenge, keinerlei Diskussion tolerierende moralische Grundentscheidung: der Mensch hat seinen Impulsen nachzugeben, so es anderen nicht schadet (alles andere, so die Vulgärpsychologie auf Street Level, führt zu seelischen Verkrümmungen). Weiter: der Mensch muss Lust vermehren, wenn es ihm möglich ist (ich rede hier von Lust, nicht von Freude oder sonstigem). Das ist kein Ratschlag, das ist keine Lebenstipp, keine therapeutische Erwägung, sondern ein unverhandelbarer moralischer Imperativ. Wer gegen ihn verstößt, stellt sofort auch das eigene Lebenskonzept in Frage. Die Folge ist eine Art moralische Entrüstung, die nicht größer gewesen wäre, wenn man im Deutschland der Kaiserzeit nackig Kaiser Wilhelm II. gegenübergetreten wäre, ihm mit seiner Pickelhaube das Auge ausgedrückt hätte und danach auf die Gebeine von Karl den Großen gekotzt hätte. Der Ausdruck: “Viel Spass!” ist kein ermutigender Wunsch, kein Optativ, sondern ein im Kasernenton geknarztes Kommando eines preußischen Offiziers. Jemand, der seinen männlichen Pflichten nicht nachkommt, wie mir in der obigen Situation, ist ein Sünder, jemand, der sich moralisch vergangen hat. Diesen begegnet man am besten mit aggressivem Unverständnis.
“Wieso hast du – die Alte – nicht klar gemacht?” “Wieso erfüllst du nicht deine Pflicht und tust, wonach dir ist? Und wenn dir nicht danach ist, dann solltest du dich eben zwingen, denn Verlangen ist eine ernste Sache!”
Sicher ist die moralische Landschaft bunter und es gibt verschiedene kleine Kulturen, die vielleicht ihre eigenen Imperative haben. Mir geht es auch gar nicht darum, die utilitaristische Einstellung völlig zu verteufeln, denn ein Zurück zum Asketetntum ist aus verschiedenen Erwägungen nur schwer möglich und nicht wirklich erstrebenswert. Ich will nur aufzeigen, wie unter der Oberfläche von einer scheinbar offenen, toleranten Moral oft konservativ, gar fundamentalistisch-fanatische Grundüberezugungen stecken können (nicht vom Inhalt aber von der Art wie diese Überzeugngen gehalten werden sind sie fundamentalistisch, denn sie werden dem Diskurs entzogen).
Berufung und die Heiligung des Alltäglichen
Monday October 06th 2008, 18:49
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Gottkram
Charles Taylor beschreibt in seinem Buch “Quellen des Selbsts” die Genese der westlichen Zivilisation. Ein Punkt dabei ist, dass das gewöhnliche Leben an Bedeutung gewinnt.
Was ist das gewöhnliche Leben? Aristoteles unterscheidet zwischen “zen” und “euzen“, zwischen dem gewöhnlichen und dem guten Leben. Das gewöhnliche Leben umfasst Produktion und Reproduktion. Arbeiten- für den Lebensunterhalt sorgen- und Fortpflanzung- das eheliche Zusammenleben. Das war für die Griechen ein notwendiges Übel; wir sind halt Wesen, die arbeiten müssen, aber das kann nicht alles sein.Auch Tiere und Sklaven kümmern sich um das Leben, aber um richtig Mensch zu sein muss man mehr als dies tun. Das gute Leben bestand in höheren Tätigkeiten. Was genau diese Tätigkeiten waren, darüber war man uneins. Für Aristoteles war dies die theoria und die praxis, das philosophische Betrachten der Welt, das Diskutieren darüber, was gut und richtig ist und das politisch aktive Leben als Bürger einer polis.
Im Mittelalter herrschte eine Vorstellung von einer stark hierarchisierten Gesellschaft vor: jeder kannte seinen Platz. Es gab in der Regel nur eine Möglichkeit, seinen Platz zu Verlassen, es gab eine Option der upward mobility: die Berufung ins Mönchtum hinein. Für die Reformatoren stellte sich das Mönchstum und die katholische Kirche zu ihrer Zeit so dar, dass die Mönche eine Klasse von besonders berufenen, besonders hingebungsvollen Christen war, die dem Rest der Christenheit (jene also, die sich aus praktischen Gründen nur um ihr normales Leben kümmern konnten) durch ihr gehorsames Leben und ihre Gebete Erlösung erwarben. Diese besondere Kaste von Christen musste von den Reformatoren abgelehnt werden. Sie verabschiedeten sich vom Mönchstum als solchem und begannen eine neue Theologie zu formen, die das Alltägliche, das gewöhnliche Leben, mit Bedeutung füllen sollte. So entstand die Vokabel des Berufs.
Die alltägliche Arbeit und das eheliche Zusammenleben gewann plötzlich an Bedeutung. Der Mensch sollte nicht nur aus purer Notwendigkeit seiner Arbeit nachgehen und sich um die Familie kümmern, er sollte dies zur Ehre Gottes tun. Später kam dann auch noch das Gefül hinzu, das der Mensch in diesen Tätigkeiten Erfüllung erlebt oder erleben soll. Dennoch war auch die Gesellschaft nach der Reformation im Wesentlichen recht statisch und hierarchisiert. Man hatte seinen Platz inne und ging oftmals der Tätigkeit nach, die sein Vater schon ausübte. Der Unterschied war die Einstellung, mit der man von der Welt Gebrauch macht und sich ihr mit seiner Arbeitskraft zur Verfügung stellt. Es ging nicht mehr um’s was, sondern um’s wie. Ein puritanischer Prediger formuliert das recht pointiert:
“Der einfachste Dienst, den wir in einem ehrlichen Beruf verrichten, sei’s auch nur Pflügen oder Graben, wird, wenn er gehorsam und eingedenk der Gebote Gottes getan war, mit reichlicher Belohnung gekrönt, während die ihrer Art nach besten Arbeiten (das Predigen, das Beten, das Darbringen evangelikaler Opfer) von Flüchen beladen sind, wenn sie ohne Achtung vor Gottes Gebot und Ehre ausgeführt werden. Gott liebet Adverbien.”
Auf diese Weise wurden in protestantischen Ländern ungeheure Energien frei, die -man kennt ja Webers These- zur Genese des Kapitalismus`beigetragen haben. Doch mit der industriellen Revolution kam langsam eine weitere Veränderung: nach und nach konnten die Menschen wählen, welchen Beruf sie nachgehen wollten (die Wahl des Ehepartners fand besonders in den unteren Gesellschaftsschichten schon vorher statt).
In dieser neuen Situation lautete von der evangelikalen Bewegung die zentrale Botschaft: “Jesus liebt dich und hat einen Plan für dich”. Diesen Plan galt es nun herauszufinden. Da ja spätestens mit der romantischen Bewegung der Gedanke in breite Gesellschaftsschichten getragen wurde, das das gewöhnliche Leben nicht nur eine Möglichkeit der Heiligung, sondern auch der Erfüllung ist, wurde hier besonders bei evangelikalen Jugendlichen die Angst und der Druck sehr erhöht, den Plan Gottes, seine persönliche Berufung herauszufinden. Denn umso wichtiger die einzelnen Entscheidungen über den lebensweg werden, umso größer wird der Druck, diese besonders sorgfältig zu treffen und die Angst, einen falschen Weg zu wählen. Doch diese manchmal krampfhafte Suche nach einer persönlichen Berufung brachte auch ein Gutes: sie verhalf jungen Menschen dazu, sich zu fokussieren, ihr Leben mit einem Gefühl der Bedeutsamkeit zu leben und über die Unmittelbarkeit der eigenen Bedürfnisse hinauszuwachsen. Es führte manche dazu, in fremde Länder zu gehen und gegen Armut zu kämpfen. Meistens jedoch landeten die, die sich besonders um dieses Thema bemühten auf irgendeiner Bibelschule. Das mag auch daran liegen, dass die evangelikale Bewegung nicht mehr die Ressourcen zur Verfügung stellte, das gewöhnliche Leben wertzuschätzen.
Doch heute ist die Welt wieder dabei sich zu ändern. Das Stichwort lautet Flexibilität. Der Arbeitsmarkt verlangt, dass man in der Lage ist, Brücken abzureißen, ständig offen für Neues und Immerneues zu sein. Der Job fürs Leben gehört für viele zur Vergangenheit. Die Institution Ehe wird verdrängt vom Konstrukt “Beziehung”, die mit mehr und mehr Erwartungen überlagert wird, je brüchiger und fragiler die Lebenswirklichkeit wird.
Macht es Sinn, in diesem Kontext noch von Berufung zu reden (diese scheint ja eine relativ stabile und berechenbare Welt vorrauszusetzen)? Führt der kleine Ausblick über die Geschichte dieses Begriffes vielleicht dazu, die biblischen Texte zum Thema Berufung neu zu sehen? Wie kann man heute zu einem fokussierten, engagierten, auf Andere bedachten Lebensstil “zur Ehre Gottes” gelangen? Wie kann man das gewöhnliche Leben wieder schätzen lernen? Oder ist es vielleicht ein Fehler, das gewöhliche Leben so mit Erwartungen zu überfrachten?
siehe: Charles Taylor, Die Quellen des Selbsts, 1994, S.373-413.
Worship oder der nackte Gott
Friday October 03rd 2008, 14:54
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Allgemein
Ich hatte ja schon länger meine Probleme mit contemporary worship, besonders mit der Wende zur Innerlichtkeit, von der Pfingstbewegung (die noch stark die Kraft, die Lebendigkeit und die “Vollmacht” Gottes betonte) hin zur charismatischen “Dritten Welle des Geistes” (in der plötzlich der Fokus auf die Intimität mit Gott legte). Es ist komisch: privat kann ich manchmal doch recht viel mit den Liedern und dem Drumherum anfangen, aber im gemeinsamen Gottesdienst ist es wohl Jahre(!) her, dass ich mal mit den liturgischen Teil eines charismatischen Gottesdienstes connecten konnte. Es gibt viele Gründe dafür: zum einen wurde die flache, eindimensionale Ästhetik der “Jesus, lover of my soul” Songs überlagert, von den volleren, tieferen, wortgewaltigeren, Lebenserfahrung reflektierenden, Weisheit spendenden Songs “weltlicher” Indiebands , dann kommen die Songs theologisch nicht mit (um Gott zu begegnen fülle ich eher meinen Kopf als das ich ihn leeren will), dann hat das Ritual des Liedersingens einen Stellenwert bekommen, den es biblisch nicht hat (konkret: das was heute Lieder singen ist, war eigentlich Abeendmahl feiern) zuletzt: der Akt des Liedersingens krankt am SWR3 Syndrom: man spielt Hitradio, also die Kunst, des kleinsten gemeinsamen Nenners: die Lieder müssen eingängig sein, Dudelpotenzial haben, simpel (weil ja: umso simpler der Song ist umso mehr können sich damit identifizieren)und ohne Ecken und Kanten. Nur hört ja in meiner Generation keiner SWR 3 aus dem Grund, weil es zu glatt, zu zugänglich, zu perfekte Musik ohne Ecken und Kanten, ohne Seele, ohne Eigenheiten ist. Musik, die jedem schnell gefallen soll, gefällt niemandem.

Jetzt kommt noch ein interessanter Gedanke dazu: Immer mehr Leuten fällt bei dieser Wende zur Innerlichkeit auf, das hier das Liedgut überschwemmt wird mit sublimen erotischen Bildern. Wird hier vielleicht ein Ventil geschaffen, um sexuelle Energien herauszulassen? Jesus als der milde Liebhaber, der sanft meine Seele massiert? Ist es dann verwunderlich, warum dieser Worshipstil eher Frauen anspricht?
Weiter: ich habe einen Artikel gefunden, der etwas interessantes festzustellen meint: die Abwanderung, die in Amerika von den Protestanten hin zur katholischen und östlich-orthodoxen Kirche zu beobachten ist, hat etwas mit diesem Stil des Worships zu tun.
Er beginnt mit der Frage: wovon träumt eigentlich ein Pornogucker? Wovon träumt jemand, der jederzeit jede Ecke des menschlichen Körpers beobachten kann?
Er träumt von Verhüllung! Er träumt von einem verdeckten Körper.
Das Problem mit Pornographie ist nicht das sie erotisch ist, sondern das sie Erotik zerstört.
“In seeking to reveal everything, to fulfil every fantasy, it destroys the very possibility of fantasy and eroticism. And so the use of pornography ultimately results not in erotic ecstasy or euphoria, but in mere boredom.”
Unter dem gleichen Symptom krankt die moderne Vorstellung von Worship.
“Where every church service becomes the opportunity for a life-changing experience of the divine presence; where every song and sermon and prayer is designed to produce immediate emotional impact; where the whole Christian life is transformed into the pursuit of a “naked” experience of the divine – here, the final outcome can only be a profound and paralysing boredom. And for those subjected to such boredom, the only remaining spiritual desire is for a mysterious God, a God not merely naked and exposed, but clothed in ritual, sacrament, tradition. [...] Perhaps they’re dreaming of a God who is not always promiscuously available to immediate experience, but is instead “hidden in veils, covered in silk” – a more modest, and therefore more sexy God.”
Ist doch einen Gedanken wert oder?