Der Tod von Jesus und Sokrates
Sunday September 14th 2008, 16:35
Filed under: Gottkram, das Leben und so

Draußen ist es kalt und ungemütlich. Den Gedanken eines langen Sommers muss man wohl trotz Klimaerwärmung aufgeben. Stattdessen sitze ich in meinem Zimmer, höre the Weakerthans und lese vergnügt Charles Taylor (“Die Quellen des Selbst”).

In einer vielsagenden, unglaublich inspirierenden Passage schreibt Taylor darüber, wie die Reformation dazu beigetragen hat, das gewöhnliche Leben als solches wertzuschätzen. Er betrachtet dabei die Lehre von der Aufopferung Christi und den daran anknüpfenden Märtyrerkult und stellt fest, warum der christliche Märtyrer, Jesus selbst vorran, eigentlich eine starke lebensbejahende Komponente enthält.

Er vergleicht dabei die Erzählung vom (quasi Märtyrer-)Tod des Sokrates mit der Erzählung von der Passion Christi (Charley Taylor, Quellen des Selbst, 1994, S.386-389). Sokrates ist gelassen und humorvoll bei seiner Hinrichtung. Jesus hingegen ist unruhig , erleidet im Garten Gethsemane schwere Qualen und ruft verzweifelt “mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?”. Sokrates bittet kurz vor seiner Hinrichtung seinen Freund Kriton, dass er Asklepios den schuldigen Hahn opfert. Asklepios war der Gott der Heilkunst, den man nachdem sein Zustand sich verbessert, ein Tier opferte. Sokrates deutet also durch diese Bitte an, dass nach dem Tod sein Zustand besser wird. Er war der Meinung durch seinen Tod verlor er nichts Wesentliches, sondern gewinnt nur dazu. Letzlich verachtet er das Leben in seiner jetzigen Form. Er steht über den Dingen, dem Leben distanziert gegenüber.

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Tillich, schwarze Steine und die DNA
Wednesday September 10th 2008, 15:17
Filed under: Arne erklärt die Welt, Bücher, Gottkram

Mitten in Mekka befindet sich das muslimische Zentralheiligtum, die Kaaba; ein großer schwarzer Kubus im Innenhof der großen Moschee. An der Ostseite ist auf Augenhöhe ein schwarzer Stein angebracht. Dieser Stein wird verehrt, weil der Legende nach Abraham ihn direkt vom Erzengel Gabriel erhielt und er deshalb ein Artefakt einer fremden Welt ist. Wissenschaftler vermuten, dass dies in gewisser Weise stimmt. Möglicherweise ist dieser Stein ein Meteorit. Ich hoffe ich lehne mich nicht allzuweit aus den Fenster, wenn ich behaupte, dass diese Haltung für den Islam bezeichnend ist: Man verehrt einen Splitter einer fremden Welt.meteorit_250_250.jpg Man unterwirft sich einer fremden Autorität (Islam bedeutet ja Ergebung/Unterwefung), einer völlig erhabenen Gottheit und seinen Geboten. Dabei ist es unbedeutend, ob man die Gebote dieser Gottheit nachvollziehen kann oder nicht; man muss sogar wegen der Andersartigkeit und Erhabenheit dieser Gottheit damit rechnen, dass man sie als einfacher Mensch nicht nachvollziehen kann. Auch die Heilige Schrift des Islams ist wie ein Dokument von einer anderen Welt. Sie wird in der Orginalsprache gelesen unabhängig davon, ob man diese gut versteht oder nicht.
Paul Tillich (und nicht nur er) nennt diese Art der Theologie und Ethik heteronom. Man unterwirft sich einem fremden, unverständlichen Anderen (das kann ein Gott oder eine andere Autorität sein) und muss dieser bedingungslos folgen. Auch im Christentum gibt es Elemente, die stark heteronom sind; beispielsweise den Calvinismus. Doch während der Aufklärung, eigentlich schon durch die Reformation, wurde diese Sichtweise des Menschen, der sich fremdbestimmen lässt, immer mehr verdrängt durch ein neues Ideal vom Menschen als selbstbestimmtes, freies Wesen, dass sich im Einklang mit der universellen Vernunft selbst Gesetze gibt, sich durch sich selbst definiert und einer vernünftigen Religon nachfolgt.

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