Gastfreundschaft
Nachdem ich am Sonntag eine Art Predigt über Gastfreundschaft in unserer emergenten Untergruppe der Vineyard Heidelberg, die auf den Namen Eos hört, gehalten habe, wurde ich gebeten, darüber etwas auf den Eos Blog zu schreiben. Als Freund von Synergieeffekten poste ich den Bericht zunächst hier und schicke ihn dann auf den Eos Blog.
Also für mich ist Gastfreundschaft ein zentrales Konzept des christlichen Glaubens; man kann weite Teile des christlichen Glaubens mit dieser Tugend erklären, je nachdem wie man sie definiert.
Für mich bildeten zwei Texte die Leitmarkierung um zu verstehen, was Gastfreundschaft ist. Zum einen: Jesus Weinwunder bei der Hochzeit von Kanaa und zum anderen die Geschichte um Maria und Martha.
Ausgehend von diesen definierte ich Gastfreundschaft als eine Haltung, die Raum für den anderen eröffnet und gestaltet in einer Weise, dass
a) man sich am Wohlergehen des Anderen erfreut
b) man selbst nicht völlig in der Rolle des Gastgebers aufgeht und sich nicht völlig aufopfert
c) durch den Anderen bereichert wird.
Also geht es nicht nur darum, zu bewirten, sondern im Optimalfall soll man aus der Rolle des Gastgebers in die Rolle des Freundes kommen. Ich liebe es, Leute bei mir zu haben und versuche auch mich gut um ihr Wohl zu kümmern, wenn sie mich besuchen. Aber ich finde es nicht notwendig, die Leute “zu betüddeln”. Also ständig penetrant danach zu fragen, ob alles ok ist, stänig rumzuspringen und nicht mehr Zeit für die Gäste zu haben. Denn dann fühlt man sich als Gast auch nicht mehr wohl, sondern man fühlt sich reduziert auf die Rolle eines “Bedürfnisse-habers”. Stattdessen fühlt man sich wohl, wenn man in der Rolle des Freundes gesehen wird, dessen Anwesenheit eine Bereicherung ist.
(more…)
Ehre sei Gott in der…Tiefe
Thursday July 17th 2008, 15:38
Filed under:
Gottkram
Eines der erste Begriffe, die Tillich quasi dekonstruiert (damals war das Wort noch nicht in Mode), ist der Begriff Gott. Er problematisiert, was mit dem Begriff Gott so oft verbunden ist: ein Wesen, dass in einer anderen Sphäre schwebt. Ein Wesen, über das man in Superlativen spricht. Ein Gott, der in der höchsten Schicht der Wirklichkeit lebt, der ein “unbesiegbarer Tyrann” ist, der alles nach seinem festen Plan regiert.Die ganze Sicht drückt sich in dem Wort “übernatürlich” aus.Gott ist ein übernatürlicher Herrscher, er ist das höchste Seiende Wesen. Wenn man sich Gott so denkt, wird entweder der Mensch zum Spielball eines allwissenden Wesens oder Gott zum Objekt menschliches Denkens, das bewiesen werden muss. Genau dies ist der Eckstein von charismatischer Theologie: Gott ist da oben und er muss sich erweisen; dies führt dann zu jenem Interventionismus, der so dringend auf das Wunder als Erweis des übernatürlichen Gottes angewiesen ist. Ob es nun das einzelne Heilungswunder oder die große Erweckung ist: ohne dies kann der Charismatiker nicht leben. Neopfingstliche Theologie wird getrieben davon, dass Ausbleiben von Heilung und Erweckung zu erklären bzw. sogenannte Schlüssel (“biblische Prinzipien”) zu finden um diese herbeizuführen. Denn würden Machterweise des übernatürlichen Gottes ausbleiben, müsste der Chariksmatiker seinen Glauben verlieren oder ihn fanatisieren; also beim Ausbleiben der Gefühle einfach etwas lauter beten, etwas stärker singen, die Augen fest zusammenkneifen und sich ganz einer emotionalen Trotzreaktion, der “Glauben” genannten Autosuggestion hingeben.
(more…)
Der vergessene Tillich
So die letzten Klausuren geschrieben. Wie kann man sich die Wartezeit, bis die nächste 24 Folge vollständig geladen ist besser vertreiben als mit nem bisschen bloggen? Alles was sie hier lesen ist übrigens in Echtzeit geschrieben ;-D So here we go:

Patrick sagte mir “Es geht heutzutage nur noch um Barth. Barth hier, Barth da. Barthkonferenzen. Barthblogs. Dabei werden andere Theologen total vernachlässigt.” Ich glaub, auch in der Emerging Szene kann es passieren, dass man vielleicht sich zu stark auf ein paar wenige Namen, sagen wir Moltmann und Wright konzentriert. Doch ähnlich wie Patrick von “God in a Shrinking Universe” merke ich langsam, dass Paul Tillich uns heute viel zu sagen hat.
(more…)
Theologie oder: darf man “rein theoretisch” sein?
Tuesday July 15th 2008, 00:22
Filed under:
Gottkram
Ich glaube, ich hab mal wieder Bock auf theologisches und konzeptionelles Bloggen. Ich glaub, langsam hab ich den Widerstand in mir überwunden, dass ich mir und anderen beweisen müsste, dass ich a) kein nickelbrillener Theorienerd bin und b) alle meine Gedanken praktisch sind und unmittelbar für die Gemeinde nutzbar zu machen sind.
Ich glaub, so funktioniert das alles nicht. Das religiöse Leben ist wie -um doch noch eine Nerdmetapher zu nutzen- wie ein Computer, auf dem ein Programm läuft. Das Programm ist die explizite und implizite Theologie, die man hat, die auf einer bestimmten Lektüre bestimmter religiöser Texte beruht und sich in a) einer Liturgie; b)einer kirchlichen Praxis, c)einer bestimmten Ethik und d)einer bestimmten Sprache ausdrückt. Manchmal funktioniert das Programm nicht mehr. Oft reicht es einfach, den PC neuzustarten und ein paar Einstellungen im BIOS zu ändern. Doch manchmal muss man eben den PC ganz herunterfahren und an der Hardware rumbasteln. In der Zeit findet das Programm nicht statt, aber dennoch ist es notwendig, so zu handeln. Nicht jeder muss zum Hardwareschrauber werden, aber man ist doch irgendwie froh, wenn man jemanden kennt, der am PC rumschrauben kann, wenn mal was klemmt.
So würde ich theologisches Arbeiten, mag es vielleicht nicht immer das erbaulichste sein, doch niemals als rein theoretisch betrachten. Stattdessen ist der Theologe jener, der im innersten spürt, wo Kirche, wo “Praxis” klemmt, selbst wenn sie flüssig zu laufen scheint und er geht jener Intuition nach und verwendet Teile seiner Lebenszeit dafür, den hinter den Problemen stehenden Fragen nachzugehen.
Deshalb habe ich keine Angst mehr vor den Vorwurf, theoretisches Gelaber zu produzieren, da ich weiß, dass ich hier einer Intuition nachgehe, die viele nicht verstehen können, weil sie mit dem Programm, so wie es läuft zufrieden sind. Vielleicht macht dass ja auch den guten Techniker aus: er sieht Probleme, bevor sie akut werden und behebt sie schleunigst.
Ach ich weiß nicht, ob die ganze Metapher Sinn ergibt; ist schon spät und richtig durchdacht ist sie auch nicht; sollte auch nur ne Einleitung sein, für die Dinge, die ich demnächst so bloggen will.
hinter der nächsten Ecke
liegt immer das Glück. Zumindest kriegen wir das so eingeprügelt. Und es ist unsere verdammte Pflicht, diesem nachzujagen. Das steht sogar in manchen Verfassungsdokumenten. Und so rennen wir wie im Hamsterrad, wie im Rattenrennen; immer Bewegung, Action. Um nichts zu verpassen; um am Ende nichts bereuen zu müssen.

Doch laufen wir auf etwas zu oder vor etwas weg? Wenn ich die Zeit finde, werde ich ein zweites Mal Henry Nouwens “Reaching Out” lesen. Ein Buch, in dem jeder Absatz voller Substanz ist; nicht akademische Substanz, sondern existentielle. Da schreibt jemand der das Leben kennt. Er schreibt, dass Einsamkeit eine Grundzustand des Menschen ist. Sie bleibt und sie entfaltet sich besonders stark in Beziehungen, die man für besonders intim hält. Und deshalb sind wir ständig in Bewegung; deshalb haben wir ständig Musik an; suchen uns ständig Ablenkung, weil uns die Wucht dieser Erkenntnis zu hart scheint. Nouwen schreibt:
“Es ist diese grundlegenste menschliche Einsamkeit, die uns bedroht. Sich ihr zu stellen, scheint uns fast unmöglich. Viel zu oft tun wie alles mögliche, um die Konfrontation mit der Erfahrung, alleine zu sein zu vermeiden. … Unsere Kultur wird immer ausgeklügelter in der Vermeidung des Schmerzes. Wir sind es so gewohnt, betäubt zu sein, dass wir Panik kriegen, wenn es nichts und niemanden gibt, die uns ablenken könnten. Wenn wir kein Projekt zu beenden, keinen Freund zu besuchen, kein Buch zu lesen, kein Fernsehprogramm zu gucken oder keine Platte zu spielen haben; und wenn wir ganz alleine gelassen sind mit uns und wir nahe an die Offenbahrung über unser grundlegendes alleine-dastehen gebracht werden, dann tun wir alles, um wieder geschäftig zu werden und das Spiel fortzusetzen, dass uns glauben macht, dass alles in Ordnung sei.
(Henry Nouwen – Reaching out, S.6)
Ich merk immer mehr, dass es einen Unterschied macht, ob wir auf der Suche sind oder auf der Flucht.
Auf der Suche nach Gott, nach intensiven Momenten, nach Glück, nach einem Partner. All das kann Flucht sein, wenn wir uns nicht trauen, uns umzudrehen und uns dem Abgrund hinter unseren Fersen zu stellen.