Filed under: Arne erklärt die Welt
Nach ner längeren Blogpause will ich mich mal kurz wieder melden. In einem Nebensatz, den ich bei Tobi fallen ließ, kritisierte ich, dass viele Postmoderne Philosophen oder Theologen zwar sehr pathetisch von Liebe reden, aber wenig problembewußt mit dem Thema Liebe umgehen. Ich glaube, es ist problematisch heute von Liebe zu reden; vor allem positivistisch von Liebe zu reden, so als wäre klar, was damit gemeint sei.
Vielleicht sollte man das Wort Liebe nur mit einer Apposition benutzen, die genau beschreibt, was man denn eigentlich meint mit Liebe. Ich habe nichts dagegen, dass man der Liebe eine poetische Unschärfe lässt, da ja die Liebe mit Grund jeder zu scharfen Eingrenzung entgeht, aber man sollte nicht aus der Liebe einen Platzhalter machen, in den jeder seine Erfahrungen, und Vorstellungen hineinprojezieren kann.
Die Frage ist, inwiefern Liebe gleich Altruismus ist. Altruismus hat ja den Sound der Selbstlosigkeit. Aber vom Wort her (lat. alter: der Andere) bezeichnet es ja erstmal nur eine gebende Bezogenheit auf Andere. Ich glaube schon, dass es dem sehr nahe kommt.
Und vielleicht ist das auch eine sinnvolle Annäherung. Denn lässt man Liebe einfach so stehen, dann weckt es zwei mögliche Assoziationen: einen seichten Zugang zur Liebe und einen strengen. Der seichte Zugang zur Liebe bedeutet Kitsch, Sentimentalität und Romantik. Der strengen Zugang heißt: Askese und völlige Selbstaufgabe.
Und es gibt eine Stelle bei Pete Rollins, die in die Richtung geht. Er erzählt eine erfundene Geschichte von Jüngern, die nach dem Kreuz in die Wüste gehen und ohne die Auferstehung mitzubekommen in einer kleinen Gemeinschaft leben. Als ein Mann ihnen die Botschaft der Auferstehung brachte, waren sie niedergeschlagen. Weil: vorher glaubten sie ohne die Aussicht auf ewiges Leben oder sonstige Vorteile. Es war ein reiner, durch eigennützige Motive ungetrübter Glauben, das Vorbild echter Liebe.
Ich möchte dem 2 Fragen stellen: ist dieser Gleichsetzung von Liebe mit Selbstlosigkeit in den Texten des NTs zu finden und: kann und sollte man so über Liebe sprechen?
Erstens: Interessanterweise spricht Paulus von einem Glauben ohne die Auferstehung von vergeblich, von leerem Geschwätz (1. Kor. 15). Er stellt ihn nicht als Vorbild herraus, sondern bezeichnet ihn als elendig. Jesus verlangt nicht Selbstlosigkeit, sondern, sich selbst zu verlieren um sich selbst zu finden. Das ist komplizierter als Selbstlosigkeit, da es über den “Umweg” der Selbstvergessenheit, das Selbst wieder zum legitimen Ziel erklärt. Und Jesus selbst wird chrakterisiert als jemand, der die Leiden des Kreuzes auf sich nahm “um der vor ihm liegenden Freude willen” (Hebr. 12). Jesus war auch nicht selbstlos, sondern er hatte seine Freude- wenn nicht als oberstes Ziel, dann schon zumindest im Blickfeld. Wenn wir jetzt noch Stellen wie Philipper 2, den Christushymnus, dazunehmen entsteht ein Bild, dass uns beim Thema Liebe in NT am besten von Selbstzurücknahme nicht von Selbstlosigkeit reden lässt.
Zweitens: sollte man heute von Liebe als Selbstlosigkeit reden? Ich denke: nein. Denn die Psychologie zeigt uns, dass es etwas wie Selbstlosigkeit nicht gibt. Hier werden selbstbezogene Impulse nur in das Unterbewußte verdrängt. Natürlich nehmen manche Leute um Anderen zu helfen Nachteile in Kauf, aber das heißt nicht, dass sie nicht innerlich dabei eine Befriedigung empfinden: das Gefühl, gebraucht zu werden, wichtig zu sein, etwas bewegt zu haben (alles Eros-Impulse!). Aber auch Problematischeres als das: die Sucht und der Zwang allen zu helfen, die Unfähigkeit “nein” zu sagen, das Gefühl der moralischen Überlegenheit (die Figuren in Rollins Geschichte strahlen gerade durch ihre Aussage zum Thema “reiner Glaube” eine Arroganz aus, die den Glauben der anderen Leute degradiert). Warum sollte man Leute zu etwas anregen, was a) nicht gefordert b) nicht möglich ist.
Eine weitere Anfrage an die Liebe kommt derzeit von der evolutionären Biologie. Hier ist das Buch Liebesgebot und Altruismusforschung von Hubert Meisinger zu empfehlen, das den Dialog zwischen Biologie und Theologie versucht. Leider hab ich es nur überflogen und nicht durchgearbeitet, deshalb bleibt der Teil jetzt etwas knapp. Auf jedenfall wird deutlich, dass der christliche Glaube in nächster Zeit verstärkt von Biologen mit Angriffen zu rechnen habe. Denn die Logik der Evolution verträgt sich nicht mit zu starkem Altruismus. Der Drive der Gene führt immer zu unbewusstem Egoismus, da ja gerade die bestangepasstesten Erbanlagen sich durchsetzen müssen und Altruismus zur eigenen Schwächung führt. Nun ist aber Altruismus auch im Tierreich zu beobachten. Es gibt dazu verschiedene Konzepte, die ich zumeist wieder vergessen habe. Aber nur so viel: auch altruistisches Verhalten kann, solange es die Ausnahme bleibt, zu einem Evolutionsvorteil einer Gruppe führen. So wäre Altruismus auch von der evolutionären Ebene aus der Frontstellung gegen Egoismus “befreit”. Stattdessen ist ein beschränkter Altruismus durchaus dem Ego zuträglich.
Wie kann man dann nun von Liebe reden? Man sollte von vornherein die Möglichkeit ausschließen, dass man mit Liebe die Art von völliger Selbstlosigkeit meint, die heute eigentlich höchst fragwürdig scheint. Auf der anderen Seite darf Liebe auch nicht überdefiniert werden. Ein paar Antwortmöglichkeiten kann ich später aus meiner exegetischen Hausarbeit zum Thema “der barmherzige Samariter” liefern.
4 Comments so far
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»Muß denn immer gleich von Liebe die Rede sein?« – Ja. Kurt Tucholsky
Comment by Br. Manfred 05.12.08 @ 16:43Eine Schande, dass ich weder von ihm noch von Brecht irgendwas nennenswertes gelesen hab. Eine Schande, dass -wenn ichs denn mal schaffe, was zu lesen- es allerhöchstens Sachbücher sind.
Comment by Arne 05.12.08 @ 16:55Kann Dir nur zustimmen. Die besagte Stelle bei Rollins hat mich auch gestört. Ich denke aber, dass die meisten diese Art von Selbstlosigkeit überhaupt nicht meinen, wenn sie von Liebe reden.
Genauso wie die Überbetonung der Selbstlosigkeit (die äußerst lieb-los werden kann) bin ich aber auch skeptisch gegenüber allzu simplen Dekonstruktionen von altruistischem Verhalten als (über Umwegen die meist mitten durch das Unbewußte führen) eigentlich doch egoistischem Verhalten – wie beispielsweise bei Nietzsche in der ‘Genealogie der Moral’. Denn eine solche Kritik kann ja auch wieder nur vor dem (unausgesprochenen) Hintergrund eines überzogenen Selbstlosigkeitsideals erfolgen.
Auf jeden Fall spannendes Thema – war heute endlich soweit, den gesamten Artikel zu lesen, beim letzten Mal als ich hier war schien er mir zu lang
Ich fände es mal spannend, herauszuarbeiten, was Leute so jeweils unter “Liebe” verstehen.
Ich hielt es bisher ehrlichgesagt immer für ziemlich eindeutig, weil ich davon ausgehe, dass jeder sich der Weitläufigkeit des Begriffes bewusst ist, von den verschiedenen Seiten und Aspekten weiß etc. Aber vielleicht ist das gar nicht so? Vielleicht verwechseln wir alle da ziemlich häufig ziemlich viel. Vielleicht sollten wir einen tollen Fragebogen entwickeln, der das alles mal erörtert.
Naja, auf jeden Fall bin ich auf Deine Samariter-Ausführung gespannt, Arne! Und toll wär auch sonst mehr zu dem Thema!
Comment by warnschild 06.19.08 @ 11:33Leave a comment
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