Filed under: Emerging Church
In der Schule in Englisch hatten wir sehr oft die Aufträge Gruppenvorträge über bestimmte Regionen wie Wales, Kalifornien etc. vorzubereiten. Irgendwann hatten wir dafür mal eine Vorlage bekommen, die anfing: “Wales is a region of contrasts. On the one hand…” …die schöne Landschaft, die eigene Kultur, Sprache und Geschichte “on the other hand…” …die vielen Arbeitslosen, die stillgelegten Fabriken etc. blabla.
Daraus machten wir uns einen Spass und fingen jetzt jeden Vortrag in diesem Stil; ja meistens auch mit diesem Satz “…is a region of contrats” an. Unsere Lehrerin merkte das nicht und fand das immer alles sehr ausgewogen und war überhaupt begeistert.
Das Ding ist: es hat unser Denken geprägt. Ich kann mich an einen Text von Brecht erinnern, wo er so schön aufzählt, was er am Leben liebt und unter anderem war da die Dialektik.
Ich mag es, verschiedene Seiten einer Sache zu sehen. Ich mag es abzuwägen. Und, da muss ich mich outen: an diesem Punkt liebe ich das Griechische denken: maßvoll, ausgeglichen, unaufgeregt.
Was verstehe ich unter Dialektik? Gleich vorweg: ich habe nicht Hegel und Marx gelesen und ich glaube ich meine auch etwas anderes damit. Für mich hat jeder mit seinen Positionen (das kann seine Meinung über Abtreibung sein aber auch völlig abstrakte Fragen sowie viel lebensnahere Fragen) wichtige Punkte angeprochen aber auch blinde Flecken. Man hat vermutlich, wenn man über ein Thema zuerst nachdenkt, eine gewisse Extremposition, die Wahrheiten erkennt und andere ausblendet. Ein anderer hat die entgegengesetzte Extremposition. Beide prallen aufeinander.
Und jetzt kommt es drauf an, ob man es schafft, wirklich in den Diskurs einzutreten oder ob man nur ein intellektuelles Armdrücken vollzieht.
Für mich geht es weder um Synthese noch um Bekehrung.
Bekehrung wäre: Position a trifft auf Position b und nimmt diese an.
Synthese wäre: Man nimmt einen Zirkel und ein Linieal und misst die Mitte zwischen diesen Positionen aus. Dort trifft man sich dann und ist einer Meinung.
Ich glaube, es geht viel mehr darum einen Bereich der Angemessenheit auszuloten. Wo sind die gefährlichen Extreme? Wo sind berechtigte Anfragen? Auf welche blinden Felcken machen die mich aufmerksam?
So kommt es zur Rekonstruktion. Beide Positionen bleiben eigenständig, aber bewegen sich aufeinander zu in den Bereich der Angemessenheit oder wie man das auch immer nennen will hinein. Dort können sie sich beide besser stehen lassen.
Position a + Position b => Position a´ + Position b´
Das ganze wird vermutlich einen belesenen Philosophiestudenten nur zum Augenrollen bringen aber in der Praxis funktioniert das für mich.
Warum?
Ich lerne, Dissenz schätzen und darauf einzugehen. Viel mehr: ich suche sogar nach Positionen, die von meiner weit weg sind. Zu viel Konsenz und falsche Harmonie dagegen macht mich stutzig.
Ich erwarte von Diskursen keine Wunder. Ich höre auf, Leute bekehren zu wollen und konzentriere mich darauf, was ich lernen kann.
Dieser Ansatz betont die Wichtigkeit von echten Gesprächen. Man kann jahrelang am Schreibtisch sitzen und kluge Theorien spinnen, wenn man sie nicht in die Diskussion gibt (und damit meine ich nicht nur die wissenschaftliche Welt, die vielleicht als ganzes auch wieder blinde Felcken haben könnte!), wird sie völlig einseitig bleiben. Auch dieses “wir treffen uns, um uns auszutauschen” ist zu wenig. Man muss manchmal miteinander -konstruktiv- ringen.
Natürlich muss einen bewusst sein, dass dies alles Konstruktionen sind. “Ausgeglichen” und “angemessen” ist sicher sehr subjektiv und es kommt natürlich auf meine Gesprächspartner an. Eine Frage ist auch, wie sich Dekonstruktion und meine Sicht von Dialektik zueinander verhalten. Ich würde sagen, dass, wenn jemals diese Dialektik einen falschen Konsenz hervorbringt, dass er sofort angreifbar wird durch die Dekonstruktion. Auf der anderen Seite: wenn man durch die Dekonstruktion “durch ist” und irgendetwas Neues hervorgebracht hat, muss das wieder in die Diskussion gegeben werden mit der Frage, wie es sich dort bewährt.
Macht das Sinn?
4 Comments so far
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find ich gut. und macht irgendwo sinn. wobei ich denke, dass auch ein reines “miteinander austausch-treffen” neuen erkenntnissen nicht unbedingt schädlich ist. also ich mein, auch wenn man nicht wahnsinnig angestrengt konstruktiv ringt.. whatsoever. der ansatz deiner gedanken ist wichtig und beschäftigt mich auch sehr häufig.
gegensätze, die unser leben ausmachen. von extrem zu extrem, und die frage ob man den mittelweg wählt und dabei auf gewisse dinge verzichtet, oder radikalität beweist und dadurch auf andere sachen verzichtet aber sich mehr mit einer sache identifizieren kann.. bla..
ich dachte, du benutzt das Wort “Dekonstruktion” normalerweise nicht
……. Wie geht es dir denn dialektisch verbalisiert?
Mich fasziniert und frustriert dieser Aspekt von Doppel- oder Vielseitigkeit des Lebens auch immer wieder. Vielleicht wäre aber der Gedanke von Inter- Polarität weniger statisch als “Dialektik” … würde ich zumindest so sehen. Denn manche Extreme (im Sinne von Hingezogensein zu einem Pol) wollte ich nicht missen. Was denkst du?
Grüße.
Comment by Herzton 12.10.07 @ 08:23Wie geasgt: so richtig sicher bin ich mir nicht, ob das Wort “Dialektik” so gut passt. Vielleicht ist es schon zu sehr aufgeladen. Wobei mir die sokratischen Anfänge ganz gut gefallen: einfach Fragen stellen.
InterPolarität müsstest du vielleicht kurz erklären.
Was ich mit dem Post eigentlich bezwecke: ich finde, das, was ich jetzt mal Dialektik genannt habe, ist ein gutes Instrument um das Andere und den Anderen wertschätzen zu lernen und mit ihm erstnhafte Gespräche zu kommen.
Denk an konservative Reformierte, an Zeugen Jehovahs, an Eso Leute. Oder Leute, die vom Typ her anders als man ist: knallharte, zielorientierte, erfolgsverwöhnte Pragmatiker sind für mich oft herausfordernd.
Das kam auch rüber – aber gut, dass du es nochmal betonst.
Ich persönlich dachte eher an eine peronale (im Sinne von Überzeugungen eines Einzelnen) oder gemeinschaftliche (bezogen auf Gruppenprozesse) Dialektik oder Inter-Polarität und weniger an die Auseinandersetzung mit Diskussionspartner (wobei sich das Eine mit dem Anderen natürlich nicht ausschließt).
Was ich mit Inter-Polarität zu beschreiben versucht habe, ist das Erleben von Spannung, die nicht ausschließelich von zwei Polen ausgehen muss. Wie ich es erlebe sind es nicht generell zwei Gegensätze, die Spannung erzeugen, sondern auch ein dritter oder vierter Referenzpunkt – z.B. ein Konsens – kann diese bedingen. Wird das damit klarer?
Comment by Herzton 12.11.07 @ 21:38Leave a comment
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