Wann ist der Song ein Song? Die Pathosfalle
Monday November 12th 2007, 01:31
Filed under: Lieder, die mir wichtig sind

Es ist wichtig zu wissen, dass wir popkulturell nicht mehr in den 60ern bzw. den 80ern sind, sondern das wir durch das Säurebad des Zynismusses durchgegangen sind und jetzt uns nur sehr vorsichtig an Betroffenheit und Hoffnung herantasten können.

Sätze wie “We are a world” und “All you need is love” gehen einfach nicht mehr. Die Leute sind abgeklärt geworden und verspüren das Bedürfnis alles ironisch zu brechen. Plumper Pathos ist ein Produkt von Hollywood: Filme werden andauernd orchestral unterlegt um ja auch die richtigen Emotionen wachzurütteln. Man fühlt sich dabei oft emotional vergewaltigt und stellt sich die Frage, ob hier nicht ein Mangel an Plot und Bedeutsamkeit durch Bombast und Manipulation wettgemacht werden soll.

Plumper Pathos ist uneuropäisch und peinlich.
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Das ist übrigens auch mein Issue mit sowohl der Contemporary Worship Szene als auch mit Brian McLaren.

Es sind wieder zwei Gefahren: auf der einen Seite Spracharmut, auf der anderen Überschwang. Beides findet man nicht selten innerhalb eines Liedes. Beides sind Zeichen von Belanglosigkeit. Zu nennen wären hier Silbermond und Xavier Naidoo, denen Plattentest.de zu Recht das Label “Pseudo-Tiefgang” gibt.

Aber ich will eigentlich nicht mit Negativbeispielen aufhören. Man muss ja nicht aufhören über Liebe, Hoffnung und diese Dinge zu singen. Man muss nur wissen wie.

Ich hab ja die Frage nach unpeinlichen Liebesliedern aufgeworfen und will nun Kettcars Nacht als Beispiel nehmen:

NACHT

die stufen, die haustür, der flur
mein herz schlägt im dunkeln
und ich
lass hinter mir
die letzten paar meter gerannt
gerannt, um zu sehen wo du bist
gerannt, um zu fühlen wie es ist
hier bei dir

meine welt aufgehoben und ich
kann die welt in 3 wörtern erklären
wenn ich denn müsste
dort hinten wird’s hell

und schwarz wird zu grau wird zu rot wird zu licht
und benommen, verschwommen erkennen was man will
meine welt aufgehoben, meine welt in 3 wörtern erklärt

und alles was ich brauche heut nacht
eigentlich nicht viel
nur einen platz
von dem aus ich
deinen schlaf beobachten kann
das ist eigentlich nicht viel
alles

Auch kein unpathethischer Song. “Deinen Schlaf beobachten” klingt erstmal vertraut. Hat man schonmal gehört. Doch alles passt. Vor allem: Wiebusch drückt sich hier sehr geschickt um DIE Worte, die Liebeserklärung, die schon durch so viele Songs trivialisiert wurden. Das ist wichtig für Songs: zu sehen, wo man bestimmte Phrasen nicht mehr benutzen kann, weil sie so inflationär gebraucht werden, dass sie nichts mehr bedeuten. Statt “Ich liebe dich” sagt Wiebusch hier: “Ich könnte meine Welt mit diesen 3 Worten erklären. Alles, was in mir vorgeht wäre darin festgehalten.” Und dann ironisch gebrochen: “Wenn ich denn müsste”.

Die Farbmetapher ist auch ein gutes Beispiel, wie Metaphern an sich funktionieren. Das Bild der sich verändernden Farben (Wetter?) soll darstellen, wie sich das Lebensgefühl verändert; graduell und doch radikal.

Dann der entscheidende Satz: “Dort hinten wird’s hell”. Das sollte Motto eines jeden Songs sein: nicht in Selbstmitleid versinken, aber auch nicht die Dunkelheit leugnen, sondern Perspektiven andeuten (nicht aufzeigen! Songs sind keine Predigten oder Bücher oder sowas…).

Das geile an guten Songs ist: man kann sie nicht auf eine Erklärung herunterbrechen und deshalb höre ich damit auf und hier noch ein Video dazu:

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Stilvoller, gebrochener Pathos ist die Essenz guter Songs.


6 Comments so far
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wow! deine serie über songs gefällt mir echt sehr gut.
gruß fred.

Comment by fred-b 11.15.07 @ 14:24

He danke Fred.
Gut zu wissen, dass jemand mitliest.

Comment by Arnachie 11.19.07 @ 13:05

Ich les auch mit! Hat Brian Mc Laren Lieder geschrieben? Ich meine außer dem ‘I am an atheist’???
Gruß
Tommes

Comment by Tommes 11.23.07 @ 18:33

Also ich mag einen gewissen Pathos. So in diversen Hollywoodstreifen …
Der held zückt das Schwert, kämpft gegen eine Übermacht, ein Choral erschallt … die Sonne sinkt.
Geht ab Arne! Nicht jeder Europäer ist so kognitiv veranlagt, dass die Emotionalität eines Pathos nicht mehr gefragt sei.

Gruß

Matthias

Comment by Matthias 11.24.07 @ 19:30

It’s all about money an’ makin’ it.

Comment by HiddenTrack 12.01.07 @ 12:38

Die Kasi, meine Frau, singt herz- und trommelfellzerreisend “we are the world” mit … vielleicht ist pathos ja was für frauen … dann erklär mir aber mal einer die gänsehaut an meinem nacken! Sind es möglicherweise michael jacksons lackschuhe, die mich frösteln lassen? Bezüglich Kettcar u.a. hast du vermutlich recht: klischeeloses gefühl und unvorhersehbare Romantik wird wohl jeden Menschen auf eine Art berühren, denn … irgendwie sind wir doch alle ein wenig emo!!

Comment by Herzton 12.03.07 @ 17:38



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