Title: What Would Jesus Deconstruct?: The Good News of Postmodernism for the Church (Church and Postmodern Culture, The)
Author: John D. Caputo

Wann ist der Song ein Song? Unschärfe und Bildhaftigkeit
Tuesday November 06th 2007, 02:17
Filed under: Lieder, die mir wichtig sind, das Leben und so

Bei Liedern ist es wie mit Essen; es gibt Fast Food, das einem so vorgesetzt wird; Tiefkühlkost, die man aufwärmen muss, um sie zu genießen und eine
vollwertige Mahlzeit, an der man ein bisschen zu kauen hat.

Ok, was habe ich eben gemacht? Ich habe das wichtigste Prinzip guter Songs versucht zu demonstrieren: Bildhaftigkeit. Niemand will hören: “Mir geht es schlecht” oder “Ich liebe dich” oder “Das Leben ist toll”. Brian McLaren bringt öfters das Beispiel einer berühmten Tänzerin, die von einem unbedarften Zuschauer gefragt wurde: “What does your dance mean?” Und sie antwortet:

“If I could have said it, I wouldn’t have to dance it”.

Wenn die Botschaft eines Liedes so einfach ist- wenn es EINE Botschaft gibt- dann ist doch die Frage, ob man überhaupt ein Lied braucht.

Es gehört ja zu den schwersten Dingen, heute noch ein unpeinliches Liebeslied zu schreiben.
Das ist Kettcar mit zwei Liedern gelungen: Balu und Nacht. Balu versucht diese romantisch-überhöhten Vorstellungen von Beziehungen ein bisschen ironisch zu brechen und zu verdeutlichen: Liebe hat nichts mit völliger Harmonie zu tun. Und da fällt dann dieser super Satz:

“Manche sagen es wär einfach, ich sage es ist heikel.
Denn du bist New York City und ich bin Wanne-Eickel”.

Der Klischeesatz wäre:
“Wir sind doch so verschieden und ich kann nicht glauben, dass ich dich abgekriegt habe”.
Aber stattdessen wird ein Bild genommen; wird der Blick nicht nach innen, sondern nach außen gerichtet auf der Suche nach etwas, dass das Innere ausdrückt. In dem Fall: der ziemlich lustig anmutende Vergleich von zwei Städten. Ein Bild ist also immer das Zusammenbringen von zwei an Bereichen, die an sich nichts miteinander zu tun haben. Es ist wie eine Kollage: Dinge aus der Lebenswelt werden aus ihrem Zusammenhang herausgerissen und in einen neuen Kontext gebracht. In diesem Fall: Städte, mit all dem, was man mit ihnen verbindet auf der einen und die Unterschiedlichkeit zweier Menschen auf der anderen Seite. Ein Bild bringt eine gewisse Unschärfe in ein Lied. Wie bei einem Foto, wo es auch nicht nur wichtig ist auf was man zoomt- was man groß macht oder verkleinert-, sondern auch wie man mit Schärfe und Unschärfe umgeht.

Unschärfe heißt, dass etwas nicht mehr so genau umrissen ist. Der Satz: “Gut, dass du mich trotz unserer Verschiedenheit liebst” wäre ziemlich klar auf eine und nur eine Situation abgestimmt.
Dieses Bild -sicher nicht das beste von Kettcar- ist vielschichtig. Es klingen Dinge zwischen den Zeilen an. In dieser Metapher liegt auch eine gewiße Charakterisierung: sie, die Kosmopolitin, er, die Verkörperung von Provinz. Dieses Bild erhöht die Identifikationsmöglichkeit, da vielleicht nicht nur der, der glücklich in so einer Beziehung ist, sich mit dem Lied identifiziert, sondern vielleicht auch der Verlassene oder Zurückgewiesene.

Die Gefahr ist auf der einen Seite also Plattheit: Dinge auf den direkten Weg zu formulieren. Auf der anderen Seite ist die Gefahr, dass ein Song kryptisch ist. Teilweise kommt es mir so vor, dass Bands, die nichts zu sagen haben, mit irgendwelchen sinnlosen, klug klingenden Sätze wie mit Nebelbomben um sich werfen, um nicht angreifbar zu werden.

Aber manchmal ist es gut, wenn man Dinge nicht sofort versteht: In einem anderen Song – “48 Stunden”- in dem es über eine gescheiterte Beziehung geht, kommt plötzlich der eigenartige Satz: “Zwei Drittel Heizöl, ein Drittel Benzin”. Hier muss man wissen: Kettcars Texter, Marcus Wiebusch, war früher in der Linken Szene aktiv und Heizöl mit Benzin gemischt ergibt einen Molotovcocktail. Die Pointe ist also, klischeehaft ausgedrückt: “Unsere Beziehung geht in Flammen auf und nichts bleibt übrig.” Das wäre aber so formuliert ein langweiliger Satz, den man so schon gefühlte zehntausend Mal gehört hat.

Hier das Video, dass wieder die Bildhaftigkeit schön ausdrückt in dem Bilder des Verfalls, des Zuwucherns, des Sich-Gehen-Lassen wie es nach einer Trennung nicht unüblich ist, verwendet werden.

Und das geht so:

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