Filed under: Gottkram
Da ich dieses Semester ein paar Pflichtveranstaltungen nicht gekriegt habe, die ich noch machen wollte, habe ich mir vorgenommen, noch spassenshalber ein paar Veranstaltungen zu besuchen, die interessant werden könnten. So mache ich im Januar ein Blockseminar zu Paul Ricoeur. Wie sich in der Vorbesprechung zeigte, war das wohl eine gute Wahl: Ricoeuer war protestantischer Christ und hat sich als Philosoph mit Fragen von menschlicher Identität, Narrativität, dem Bösen und dem Verstehen der Bibel beschäftigt. Da ich nun auch mein exegetisches Seminar über das Neue Testament machen muss, passt das vielleicht ganz gut.
Ein Zitat am Anfang: “Durch die Wüste der Kritik hindurch würden wir gerne wieder gerufen werden.”
Paul Ricoeurs Frage war unter anderem, wie man einem spätmodernen Publikum die Bibel wieder näherbringen kann. Er unterscheidet deshalb die erste Naivität von der zweiten Naivität.
Die erste Naivität ist jene vorkritische Naivität, die ungebrochen in der Welt der Bibel lebt und alle Frage entweder nicht kennt oder sie umschifft. Nehmen wir mal einen nicht so zentralen Text: Jona und der Wal. Man kann noch so bibeltreu sein, aber wer hätte sich hier nicht schon die ein oder andere Frage gestellt. Man kann dieser Frage dann ziemlich schnell ausweichen, indem man sagt: “the scripture said it, I believe it, that settles it” oder “dann war es eben ein Wunder”, aber dann würde man eben der Frage ausweichen.
Ricoeur spricht auf der einen Seite von der historisch-kritischen Methode, auf der anderen Seite von der Ideologiekritik durch Freud, Marx und Nietzsche. Erstere bezieht sich auf den Umgang mit den Texten, letztere auf die Theologie. Ist Religion Droge, Sexersatz in einer repressiven Umgebung, ein Ausflucht der Bessergestellten lieber Dankbarkeit für ihren Reichtum auszudrücken (und dadurch ihre Stellung durch göttliches Schicksal zu zementieren) als zu teilen oder – wieder auf die Texte bezogen- einfach nur naiv?
Verschiedene theologische Projekte haben nun versucht, Religion zu demythologisieren; sie in den Grenzen der reinen Vernunft neuzukonstruieren. Man hat versucht, alles partikulare der christlichen Religon auszulöschen oder man versuchte den Mythos- also alles symbolhafte, narrative- zu entfernen um einen konzeptionellen oder existienziellen Kern freizulegen. Dies alles saugte aus den Texten jede spirituelle Kraft und ließ sie kahl zurück wie eine calvinistische Kirche:ohne Farbe, Bilder und Schönheit.
Paul Ricoeur spricht nun davon, durch diese Fragen durchzugehen und dann zu einer zweiten Naivität, zu einem neuen, einfältigen, unmittelbaren Glauben zu kommen. Dieser sieht nicht unbedingt aus wie der erste, aber er ist auch nicht so trocken wie jener intelektuelle Glaube, der sich in der Komplexität verliert.
Der Weg dahin ist, dass man eben nicht alles Narrative ins konzeptuelle überführt, sondern die biblischen Geschichten für sich selbst stehen lässt. Geschichten, Symbole, Metaphern und Mythen sind vieldeutig und können uns besser mit dem Heiligen in Kontakt bringen als abstrakte Konzepte. Wir analysieren nicht mehr nur den Text, sondern verstehen DURCH den Text die Welt.
Die ideologiekritischen Stimmen nehmen wir auf und nutzen sie dazu, unseren Glauben vom Götzendienst zu reinigen. Ein gutes Beispiel dafür ist Peter Rollins “How (not) to speak of God“.
Interessant finde ich, dass sich diese Gedanke in der Bibel wiederfinden. Die Bibel spriucht auf der einen Seite davon, wieder (!) wie die Kinder zu werden, auf der anderen Seite geht es ständig um Mündigkeit, darum, den Fragen nciht aus den Weg zu gehen. Paulus sagt: “werdet wie die Kinder wenns um Bösestun gehen, aber werdet erwachsen wenn es um das Verständnis geht”. Ich weiß nicht, ob es für jeden dran ist, durch die Wüste der Kritik zu gehen; in der ersten Naivität wird man denke ich nie wirklich mitfühlend sein können, man wird nie wirklich zum Ansprechpartner für seine nichtchristlichen Freunde werden, da man die Fragen nicht versteht oder ihnen ausweicht. Aber interessanterweise warnt uns Jesus davor, andere Leute gegen ihren Willen an den Punkt zu führen, an dem sie ihre erste Naivität verlieren:
“Und wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, daß ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde. ” (Math. 18:6).
Entweder macht das also das Leben oder nicht. Es ist nicht unsere Aufgabe ungefragt zu dekonstruieren.
Dennoch die Frage:
Wo nutzen wir Glauben, um vor der Komplexität der Welt zu fliehen, um die Fragen, die das Leben aufwirft nicht wirklich an uns heranzulassen? Wo wird die Beziehung mit Gott zu einer Ausrede, nicht unsere eigenen Entscheidungen zu treffen? Wo rennen wir -wie Jona- vor unserer Verantwortung weg?
2 Comments so far
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Spannend Ricoeur – danke für den Post! Ich halte es jedoch für nicht so eindeutig, ob die von Dir angeführte Bibelstelle hier wirklich passt. Zum Abfall verführen und die erste Naivität verlieren sind ja doch vielleicht nicht einfach miteinander zu identifizieren…
Comment by tobiK 10.24.07 @ 19:26Hm vermutlich haste recht; wobei interessanterweise im Griechischen (ich hasse Pseudoexpertentum!) ’skandalizo’ steht; also Anstoß erregen, reizen, provozieren und auch verführen. Jesus ist für die Juden in 1. Kor.1:23 ein ‘Skandalon’. Man könnte vielleicht über n paar Ecken das Argument noch retten; aber ganz ehrlich: ich hatte die Stelle zunächst anders in Erinnerung und hab sie einfach trotzdem zitiert.
Heiner Geißler hat aus der Stelle übrigens “Kinderschändung” herausgelesen.
Edit: Ich glaube, ich würde das Argument mit der Stelle doch machen. Und zwar: auch wenn man selbst erfahren hat, wie heilsam ein Desilusionierung im Glauben sein kann, führe andere nicht da rein, weil du nicht weißt, ob ihr Glaube das aushält.
Es gibt einen Unterschied zwischen andere hinterfragen und andere desillusionieren…
Comment by Arnachie 10.25.07 @ 00:02Leave a comment
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