Filed under: Emerging Church, Lieder, die mir wichtig sind, das Leben und so
Ich will eine neue Kategorie auf den Blog einführen, nämlich Songbetrachtungen (vielleicht allgemeiner: Kunstbetrachtungen). Diese Kategorie wird sehr regelmässig erscheinen aber in einem Rhytmus, der mathematisch so kompliziert ist, dass ihr ihn nicht verstehen werdet und es so aussehen könnte, als würde ich nur posten, wenn ich Bock hätte. Deshalb hier das erste Lied von der Hamburger Band Kante, dass ich schon lange mit mir rumtrage und dass mit viel bedeutet. Außerdem passt es hervorrangend zu Stanley Grenz. Und das geht so:
Zombi
Wir sehen die Welt mit anderen Augen
seitdem wir draußen sind
sehen wir Dinge ohne Namen
mit schleierhaftem Sinn
wir sind Leute in den Strassen
wir sehen unmöglich aus
unsere Art sich zu bewegen
gleicht einem Fallen oder Schweben
so als wäre uns der Boden
unter den Füssen weggezogen
Wir laufen durch die Strassen
und wir sind überall
in den Grau- und Zwischenzonen
wo die Umrisse verschwimmen
wir sind schillernde Gestalten
die die Lichter reflektieren
unsere Augen sind verborgen
hinter dunklen Sonnenbrillen
wir sind von vornherein verdächtig
nicht ganz bei Trost zu sein
es ist als trügen wir
ein Licht in uns
das einer anderen Welt
entsprungen ist
Wir sehen unmöglich aus
wir sind der Zeit voraus
wir sind die wunde Stelle
mitten unter euch
wir sind ein Schattenriss
aus Knochen, Fleisch und Blut
wir stehen auf der Schwelle
einer neuen Zeit
Wir laufen durch die Strassen
wir sehen unmöglich aus
tragen unser Innerstes nach außen
und laufen rum wie ohne Haut
unser Fleisch löst sich vom Knochen
man kann die Nerven einzelnd zählen
unsere Stimmen sind wie Schreie
wir sind ein Wrack im Untergehen
oder ähneln den Skeletten
von Häusern im Entstehen
es ist als trügen wir
etwas in uns
das der Zukunft
entsprungen ist
Wir sehen unmöglich aus
wir sind der Zeit voraus
wir sind die wunde Stelle
mitten unter euch
wir sind ein Schattenriss
aus Knochen, Fleisch und Blut
wir stehen auf der Schwelle
einer neuen Zeit
Im Rahmen der Möglichkeiten
sind wir ein hoffnungsloser Fall
wir sind nicht aufzuhalten
wir können nirgendwo aufprallen
wir sind ein unheilbarer Virus
eine Krise, eine Krankheit
wir sind Leichen, die noch atmen
wir sind ein reichlich schlechter Scherz
und unser Schmerz und unsere Wunden
sind unser grösstes Kapital
es ist als trügen wir
etwas in uns
das einer anderen Welt
entsprungen ist
Ein Lied über den neuen Menschen. Da ist kein Rahmen, der ihn hällt: Er ist aus den Plausibilitätsstrukturen der Welt ausgebrochen. Er springt und fällt ins Ungewiße (“wir können nirgendwo aufprallen”). Mit den Denkweisen und Kategorien dieser Welt betrachtet, kann man ihn nicht anders erklären als als wanderdende Leiche, als Zombi. Verglichen mit dem neuen Menschen, den Nietzsche erhofft- eine strahlende Wirkmächtigkeit,eine pulsierende Gegenwart, lebensbejahend und stark- ist er ein Witz. Er ist madenzerfreßen: voller Zweifel, denn er hat sich den einfachen Antworten entledigt und noch keine neuen gefunden; voller Angst, denn er hat die trügerischen Sicherheiten abgelegt und voller Schmerz, denn das falsche Fieberglück lehnt er ab. Er hat nicht viel mehr als seine Hoffnung.
Er spürt den Umbruch, die tektonischen Verschiebungen, die knisternde Atmosphäre. Er hört den Klang des Neuen und leidet unter dem Alten. Nicht bunt und grell sondern in “Grau und Zwischentönen” erscheint er; die Umrisse verschwinden. Er ist ein Entwurf, ein Wagnis, so betrachtet muss er scheitern.
Die Welt sieht Trümmern, doch vielleicht ist er eine Baustelle; “Skelette von Häsuern im Entstehen”.

Die Welt sieht Mangel und Defizit; doch vielleicht gibt er sich nur nicht mit der falschen Perfektion zufrieden, so zu tun als wäre man fertig und vollendet. Der neue Mensch zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er traut unfertig zu sein. Das er eine Lücke lässt, für Hoffnung; Platz für das Neue.
Er ist nicht die Sorte “neue Mensche”, die die Welt früher tyrannisiert haben mit ihren Vorstellungen. Darüber ist er hinweg. Die Zukunft lässt sich nicht herbeizwingen, sie muss sich erweisen. Nicht Staatsexperimente, nicht die Dialektik der Geschichte, nur das ewige Subjekt, das pulsierende Herz der Welt, kann letztlich die Zukunft vorranbringen. Und dieses Subjekt sucht anscheinend solche, die jetzt schon ausbrechen, die jetzt schon die Grammatik der Zukunft lernen, die jetzt schon Augen und Ohren haben für das Neue, die sich jetzt schon trauen im Ungewißen zu leben.
Achja: den neuen Menschen gibt es nur im Plural! Im Zusammenspiel der Kräfte; in aufreibenden, magischen Beziehungsgeflechten; im Umeinandertanzen, im Abstoßen, aufnehmen, absorbieren, überstrahlen und unterwerfen.
Man müsste wohl so sehr lernen zu geben, zu lieben, zu schenken, um in der neuen Menschheit Platz zu finden, dass man meinen könnte, Gott selbst müsste in einem wohnen. Es wäre wohl ein Wunder.
“Durch das Wort der Wahrheit sind wir zu seinen Kindern geworden, weil er es so wollte. Wir sind die erste Frucht einer neuen Schöpfung.” (Jak. 1:18)
“Welche Gnade hat uns Gott erwiesen, dass wir seine Kinder heißen dürfen. Aber es ist noch nicht offenbahr,was wir einmal werden sein.” (1.Joh. 3:1-2)
2 Comments so far
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hallo arne … das video gefällt mir sehr … voll mein geschmack … hast du eigentlich auch tocotronic gehört? früher, mein ich … die haben was neues draußen … schönen sommer … martin aus a
Comment by MartinDJ 07.12.07 @ 08:08Hey DJ,
Tocotronic hab ich nur die vorletzte (“Pure Vernunft…”). Ich mag die schon; aber Kante sind irgendwie weniger anstregend.
BTW: guck mal auf Kantemusik.de da kannste unter Musik dir Sachen von denen anhören; die neueste Platte thematisiert Berlin (Tipp: “wer hierher kommt, will vor die Tür”). Könnte interessant sein.
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