Arbeit- “Vollbeschäftigung?”
Tuesday February 20th 2007, 14:37
Filed under: Arne erklärt die Welt, Politik

Ich möchte kurz meine Reihe unterbrechen, die narrativ-theologisch das Thema Arbeit beleuchtet und einen anderen Vorschlag in die Diskussion einwerfen.

Aber vorher noch etwas anderes: ich glaube, wir sind nach dem 20. Jahrhundert und was da alles passiert ziemlich abgestumpft für Utopien. Man findet sich mit den Verhältnissen ab, arrangiert sich, und will nichts davon wissen, dass Dinge auch besser werden könnten. Das ist nur verständlich; aber man sollte Utopien nicht als ideologische, gewalthervorbringende Verblendungen sehen, sondern als Anstoß zum Paradigmenwechsel. Als kreativer Ausbruch aus bisherigen Denkmustern. Es gillt nicht, sie umzusetzen, sondern mit ihrer Hilfe umzudenken.

Also gut. Da gibt es eine Utopie über Arbeit von der Initiative Freiheit statt Vollbeschäftigung. Sie wurde neulich bei Maischberger- war es glaube- diskutiert; aber ich hatte von ihr auch schon in der Schule gehört.

Und das geht so:

Der wichtigste Gedanke ist der: die Arbeitslosigkeit, die wir erleben ist kein Fluch sondern die negative Folge eines Segens.
Nämlich der Automatisierung von bestimmten Produktionsmethoden. Zum Glück brauchen die Leute bestimmte Arbeiten nicht mehr verrichten; und durch innovative Technik wird es immer weniger. Dadurch werden menschliche Ressourcen frei. Jetzt ist doch die Frage: warum sollten sie in herkömmliche Beschäftigung gehen? Da gibts ja keine Jobs mehr; und wenn dann wären es “künstliche Jobs”, die man eigentlich nicht braucht (siehe die Entlassungen bei Airbus). Anstatt nun zu warten, neue Jobs zu kriegen, sollten die Einzelnen eher lernen, ihre Produktivkraft da einzusetzen wo- salopp gesagt- es ihnen Spass macht- da sind sie nämlich bei einer derart effizienten Gesellschaft eh am Besten eingesetzt.

Der konkrete Vorschlag geht noch weiter. Er sagt: ok, jeder Bürger kriegt ein Bürgergeld. Das ist eine Art Dividende des Staates, weil unsere Vorfahren so viel Effizienz aus der Gesellschaft herausgeholt haben.  Jeder kriegt ein Auskommen mit dem man auf kulturellen guten Niveau leben kann (also auch mal ins Theater gehen kann) und der Gedanke ist: da ja Arbeit als Sinnstiftung empfunden wird, wird jeder irgendwann merken, dass er eigentlich produktiv sein will und wird seine Arbeitskraft dort der Gesellschaft zugute kommen lassen, wo es benötigt wird.

Mir fallen sofort 100 Gründe ein, warum das nicht funktionieren KANN. Aber erstens: ein Hinweis auf Siffpunks, die nicht arbeiten wollen ist nicht ganz richtig. Denn wenn man genau hinguckt, wird man feststellen: sie arbeiten sehr wohl. Sie organisieren Konzerte, bringen FanZines raus, bringen oft ihre Vorstellung von Kultur zum Ausdruck. Man kann es wirklich nicht sagen, ob die Leute, die heute “schmarotzen” keinen Bock auf Betätigung haben oder nur keinen Bock auf diese Arbeitswelt, die wir ihnen bieten.
Ich tendiere dazu zu sagen: sowas klappt vielleicht in Netzwerken; das heißt in mittelgroß organisierten Gemeinschaften, wo es vielleicht auch noch Regelungssysteme gibt; in den großen unübersichtlichen Strukturen unserer Gesellschaft geht es nicht.

Ist aber auch egal; weil das Entscheidende ist nicht die Frage: funktioniert das Modell so. Sondern das Entscheidende ist das Paradigmen-sprengende an diesen Gedanken. Das heißt, gehen die Diskussionen unserer Gesellschaft nicht von der falschen Vorraussetzung aus, dass Vollbeschäftigung das größte Glück wäre? Würde Vollbeschäftigung nicht auch kreative Energien und Innovationen eindämmen?


7 Comments so far
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das nennt sich auch bge:
http://www.archiv-grundeinkommen.de/

Comment by hoeru 02.20.07 @ 23:06

Hm ok sieht ähnlich aus. Was denkst du darüber?

Comment by Arnachie 02.21.07 @ 00:08

So ein Mist! Es lebe die Dekandenz?

Manchmal frage ich mich, wann Leute, die so erfinden, das letzte mal vor der Tür waren?

Vlt. müssen wir eher den Grundwert der Arbeit als solche wiedererkennen.

Außerdem ist diese ganze Spassgesellschaft eh Schnee von gestern. Denn heute spüren wir schon die schlechtes Auswirkungen. Die Gesellschaft zerfällt, weil Menschen nur so lange zusammenleben, wie es ihnen Spaß macht.

Was mache ich denn, wenn ich frühs aufwache und keinen Spaß mehr an meiner Arbeit habe. Wer soll oder will denn solche Betriebe führen? Hakuna Matada oder was?

Comment by Manni 02.21.07 @ 13:08

Hm ich würde da nicht Dekadenz und Spassgesellschaft dahinter vermuten.Das ist kein Papier der APPD sondern da sind ernstzunehmende Soziologen dahinter.
Ich würde sagen, da steckt Idealismus dahinter. Und bei diesen Leuten würde das auch wunderbar funktionieren. Sie haben eine starke “intrinsische” Motivation; eben von innen. Diese würden in ihren Modell sicher sogar weit mehr arbeiten als jetzt; denn es ist bewiesen, dass diese Motivation von Innen abnimmt, wenn man sie versucht von außen anzutreiben (Zwang, Geld). Also, dass was sie machen ist zu sagen: eigentlich haben alle Menschen eine starke innere Motivation (gehabt), diese wird aber zersetzt durch ein System dass allein auf Zwang aufbaut.
Ich seh was sie meinen. Für mich war damals Schule auch ne Zumutung. Ich werde nicht motiviert von Zahlen; seien es Noten oder sei es Geld. Ich fall durch’s Raster der extrinsischen Motivation und bei mir zerstört sie Leistungsbereitschaft.
@Manni:
Ich lese gerad John Pipers “christlicher Hedonismus” und er argumentiert ähnlich für chrstl. Pastoren. Er interpretiert 1.Petrus 5:1-2
so das eben zwei Motivationen nicht gut genug sind; nämlich Zwang und das Streben nach Geld. Dagegen sagt er, dass die richtige Motivation die Freude ist, die aus Gott und aus der Arbeit kommt.
Hier ist von einer grundsätzlichen Zufriedenheit die Rede; nicht davon ob man sich in jeden Moment der Arbeit danach fühlt; diese grundsätzliche Freude wird sehr wohl durch Zwang gefärdet.

Comment by Arnachie 02.21.07 @ 13:48

Hallo Arne.
Ich habe es gar nicht “so christlich” gemeint. Ich dachte eher, dass Menschen ja schon immer arbeiten. Ich denke eher in Richtung, den Sinn bzw. den Wert von Arbeit schätzen lernen zu können und hin zu kommen zu einem gesunden: Ich kann was, ich bin wichtig. (Natürlich keine Definition der Person über Arbeit)

Comment by Manni 02.21.07 @ 16:44

Klar, sehe ich auch so.
Aber ich seh nicht ganz den Widerspruch zu dem was ich gesagt habe oder die Leute mit dem Bürgergeld sagen.
Außer das vielleicht in der deren Vorschlag von der Gesellscahft ausgegangen wird (also die Frage: was für Arbeit ist denn überhaupt noch notwendig) und du jetzt mehr vom Individuum ausgehst (Frage: was bringt einen Arbeit).

Comment by Arnachie 02.21.07 @ 18:12

Na wenn ich Bürgergeld habe, lege ich mich zurück. Vor allem, wenn es nocht für den Theaterbesuch reicht. Dann muss ich ja nicht anstrengen. Ich bekomme ja was von der eierlegenden Wollmilchsau names Staat, der großen Mama.

Wie haben bereits jetzt große Probleme, das soziale Netzt aufrecht zu erhalten. In wenigen Jahren, wird die “alte Bevölkerung” den Ton angeben. Allein das SIND bereits große finanzielle Belastungen. Ein Bürgergeld halte ich nicht für realistisch.

Comment by Manni 02.22.07 @ 09:17



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