
Auf die Goldwaage gelegt
Bekanntermaßen darf man als christlicher Kunstschaffender fremdes geistiges Eigentum klauen. Man sagt dann einfach: „Ich schaffe eine christliche Alternative zu …“. Beispielsweise ist Demon Hunter natürlich die christliche Alternative zu Slipknot. So kommen sie dann nicht vor Gericht, sondern vor eine johlende Menge auf dem Cornerstone Festival. Ich sah vor kurzem in der NZZ eine Kolumne, die versucht, Begriffe, die so in der Spiegel lesenden und Sabine Christiansen schauenden Szene alle fünfeinhalb Minuten Verwendung finden zu hinterfragen. Bestes Beispiel „Globalisierung“. Neulich wollte mir doch allen Ernstes jemand in einer Diskussion erzählen, der Grund, warum die Leute sich so wenig in den christlichen Gemeinden engagieren, sei die Globalisierung. Es gibt Worte, die wurden uns so eingehämmert, dass wir sie schon reflexartig verwenden, ohne uns Gedanken zu machen. Dieses versuchte der Autor dieser NZZ Kolumne zu hinterfragen und ich dachte: „Prima, jetzt fehlt es nur an einer christlichen Alternative zu dieser Kolumne.“Und die gibt es hiermit auch.
Von Anfechtung bis Zurüstung, von Anbetung bis Zeitgeist, von Konzepten wie Stille Zeit bis zu christlicher Musik sollen einige mehr oder wenige gängige Schlagworte durchleuchtet werden.
Und weil ich schon so viel geschrieben habe, will ich ein einfaches Wort nehmen: der Austauschteil.
Ein Austauschteil ist nicht etwa, wie man meinen könnte, ein unerwünschtes Weihnachtsgeschenk, wie zum Beispiel eine Rheumadecke oder eine abwegig gefärbte Jacke, die man sogleich nach beiden Weihnachtsfeiertagen zu Karstadt bringt um sich stattdessen die neue CD von Robbie Williams zu kaufen. Nein ein Austauschteil ist ein unverzichtbarer Programmpunkt eines jeden Hauskreises.
Die Aufgabenstellung eines Austauschsteils ist einfach: man soll in möglichst kurzer Zeit möglichst viel von seinem Innenleben, seinen tiefsten Ängsten und Sehnsüchten erzählen, am besten zusammengefasst als 2 Dank- und 1 Fürbittanliegen. Diese Konstellation nennt man auch „den goldenen Schnitt“ eines Austauschteilbeitrages.
Wenn man dann dämlich bzw. mutig genug ist, tatsächlich einmal Tiefschürfendes aus der Isolierzelle seiner Seele heraufzuholen, geschieht das dann in einer Umgebung, die nicht gerade psychologisch geschult zu sein scheint: Einige mampfen Chips in sich hinein und knistern mit der Tüte, andere klimpern auf der Gitarre herum, weil sie den Anbetungsteil eh viel lieber mögen. Wenn man dann mit seinen Vortrag abgeschlossen hat, vielleicht wurde der sogar durch die ein oder andere Schluchzattacke unterbrochen, gehen alle anderen 5 bis 8 Leute dazu über peinlich berührt vor sich hin zu starren und möglichst den Blick der betroffenen Person auszuweichen. Eine kleine Gruppe bestehend aus Leuten, denen man höchstens zu einem Drittel Sympathie entgegenbringt, ist eben kein optimaler Raum zum Gestehen der Lieblingssünde oder zum Offenbaren des Kindheitstraumas.
Was erhofft man sich also von solcher Tortur?
Man erhofft sich Gemeinschaft. Man las in irgendeinem Buch, dass wenn möglichst viele Leute sich gegenseitig ihre Tagebücher vorlesen würden, sich schon irgendwann so etwas wie Mitgefühl und Wir-Gefühl entwickeln würde. Oder Ekel.
Also gehen die meisten Hauskreiseltern oder Hauskreisentertainer oder Hauskreismoderatoren (je nach Typ) mittlerweile dazu über, einfach die Frage zu stellen: „Was habt ihr letzte Woche mit Gott erlebt?“. Weil nun aber niemand jemanden bekehrt oder geheilt hat, bleibt man auch hier stumm. Zuletzt erzählt man halt von irgend so einer unwichtigen Klausur, damit der Typ da vorne, endlich Ruhe gibt.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass es nichts Ersetzbareres gibt, als ein Austauschteil. Warum? Weil ein Austauschteil grundsätzlich automatisch passiert, wenn man einfach gar nichts macht. Stecke eine Gruppe von einigen wenigen Leuten in einen Raum, biete ihnen etwas Bequemes zu sitzen, etwas zu knabbern und zu trinken an, und schon beginnen sie wie von selbst sich auszutauschen. Das klappt immer, garantiert. Aus Erfahrung muss ich sagen, dass die Austauschteile auf der Hin- und Rückfahrt, die Austauschteile nach dem offiziellen Programm, die Austauschteile während des langweiligen Themas, oder gar die Austauschteile während des Essens mehr mit Gemeinschaft zu tun haben, als die in einem so gezwungenen Rahmen. Freilich, es werden viele kleine Austauschteile stattfinden, statt eines großen. Aber letztendlich ist das natürlicher. Vielleicht wird man nicht nur Tiefschürfendes zu erzählen haben, sondern viel Rumgealbere. Aber genau dieses dient dazu, gegenseitig Vertrauen aufzubauen. Wenn gegenseitig Interesse und Vertrauen da ist, wird „Austausch“ auch ohne den festgesteckten Rahmen stattfinden. Und worüber tauscht man sich dann aus? Natürlich über allerlei Anfechtungen. Darüber dann beim nächsten Mal.