
Das Leid und die Christen
Es klang Verzweiflung und Wut in seiner Stimme, als Mathias von seinen sinnlosen Versuchen erzählte.Mathias arbeitete lange bei einem christlichen Hilfsprojekt für Drogenabhängige in Heilbronn. In mühsamer und langwieriger Beziehungsarbeit baute er Freundschaften mit Leuten auf, die oft den äußersten Rand der Gesellschaft bildeten. Reden und Zuhören, darauf beschränkte sich meistens die Arbeit, denn für das materielle Wohl sorgten andere; doch die zwischenmenschliche Nähe kam oft zu kurz. Nach monatelangen Gesprächen kam es dann auch vielleicht mal vor, dass einer der drogen- und alkoholabhängigen Interesse für den Glauben zeigte. Doch dann wurde die Situation nicht einfacher: Er findet keine Gemeinde, die die Kapazitäten hat, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Es war ihnen immer wichtig mit lokalen Gemeinden zusammenzuarbeiten, damit die Leute eventuell durch ein Netz von Beziehungen aufgefangen werden könnten. Aber es gab keine lokalen Gemeinden, die sich zur Mitarbeit bereit erklärten. So sehr ist man beschäftigt mit seinen Gemeindeprogrammen, mit Mitarbeiterschulungen, Kindergottesdiensten, Gemeindeausflügen, Musikertreffen und Planungsausschüssen, dass man den Blick für das verliert, was Gott vor der Tür machen möchte. Gemeinden verselbstständigen sich, drehen sich um sich selbst.
Selbsterhaltung statt Dienst an der Welt.
Hier scheinen grundsätzliche Dinge schief zu laufen.
Man hat ein sehr eindimensionales Verständnis von Mission.
Mission ist im Wesentlichen Evangelisation im Ausland, so die landläufige Meinung.
Kirche hat einen Auftrag und der besteht darin, Menschen zu evangelisieren. Von außen betrachtet, könnte man sagen, Kirche dient nur ihren eigenem Wachstum. Man ist natürlich der Meinung, dass es bei Evangelisation darum gehe, den Menschen zu dienen und sie mit Gott zu versöhnen, aber Verständnis für diese Perspektive dürfen wir von Nichtchristen nicht erwarten.
In den letzten Jahren findet ein breites Umdenken durch einige Theologen wie David Bosch und Tom Wright statt. Kurz gesagt, sagen sie: Die Kirchen sind nicht bloß dafür da, um größer zu werden; um Leute zu rekrutieren, ihnen Werte zu vermitteln („Heiligung“) und sie schließlich aus dieser Welt herauszureißen, sondern die Kirche ist dafür da, der Welt zu dienen.
Gott ist dabei, die Welt mit sich zu versöhnen. Er will gegen Leid und Ungerechtigkeit vorgehen und ein Teil bei dieser Mission Gottes ist die Kirche. Bonhoeffer sagt:
„Kirche ist nur Kirche, wenn sie für Andere da ist“. Darum geht es: Kirche, die nicht selbstzentriert ist, sondern sich der Mission Gottes anschließt.
Das beinhaltet weiterhin eintreten für persönliche Bekehrung (auch wenn man diskutieren muss, wie das in Zukunft aussieht), aber auch: Eintreten für soziale Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, die Schaffung einer Kontrastgemeinschaft („counterculture“, also eine Gemeinschaft in der radikal andere Werte als in der Gesellschaft vertreten werden) und kulturelle Erneuerung.
Dieses neue (oder eben: wieder neu entdeckte) Verständnis von Mission soll Christen schaffen, die mit offenen Augen durch die Welt gehen, die sich in der Gesellschaft engagieren, die in verschiedenen Subkulturen aktiv sind, die in den Dialog mit Menschen treten, das Leid der Welt kennen lernen, es nicht mehr schulterzuckend hinnehmen sondern dazu beitragen, dass Probleme angepackt werden.
Aber konservative Evangelikale haben Angst um ihr Profil. Man befürchtet, viel zu liberal zu werden, wenn man jetzt für diese Themen eintritt. Man ist emotional abgestumpft: Ohne Unterlass werden in den Diskussionen unserer Gesellschaft rhetorische Handgranaten (oder sollte man sagen: Sonnenblumen?) in Form der Begriffe: Liebe, Frieden und Toleranz geworfen. Man ist so genervt von dem Geschwafel, dass man diese Begriffe kurzerhand umdefiniert hat, um jedes Anzeichen von Sentimentalität, Menschlichkeit und Mitgefühl aus ihnen zu beiseitigen. Liebe heißt jetzt nicht mehr Empathie sondern Evangelisation. Frieden verliert jede zwischenmenschliche Komponente und wird zu reinem Seelenfrieden mit Gott.
So nimmt man ohne zu klagen den Platz ein, den die Aufklärung für einen vorgesehen hat: Jene unpolitische, unsichtbare, handzahme Herzensreligion, die sich nicht mit den Problemen dieser Welt sondern lediglich mit dem Jenseits beschäftigt.
Ein weiteres Problem: Wir haben nicht das Gespür für strukturelle Sünde.
Sünde bedeutet für uns: Ein einzelner Mensch handelt falsch. Aber es gibt Strukturen, Ketten von Problemen, die andere Leute in Zwangslagen bringen, so dass sie nur noch falsch handeln können. Diese aufzuzeigen und anzuklagen ist auch eine Aufgabe von Kirche.
Was bleibt zu tun? Es gibt im Wesentlichen zwei Aufträge, die wir Christen haben, um gegen das Leid in der Welt vorzugehen: der eine ist Barmherzigkeit, der andere Eintreten für Gerechtigkeit.
Barmherzigkeit ist genau diese praktische Beziehungsarbeit, die Mathias geleistet hat: Soziales Engagement, Beziehungen aufbauen, Arbeit unter Obdachlosen oder Alleinerziehenden und so weiter.
Eintreten für Gerechtigkeit hat oft mehr mit den Strukturen zu tun: Politische Arbeit, die Hinterfragt, wieso Menschen ungerecht behandelt werden, wieso ganze Kontinente ausgebeutet werden. Themen wie Fair Trade sind da interessant. Aber meiner Meinung nach ist auch die Arbeit nach „innen“ wichtig: Genau diese Themen wieder in die Kirchen tragen; aufklären, hinterfragen, warum die Evangelikalen auf diesen Auge blind sind.
Barmherzigkeit ohne Eintreten für Gerechtigkeit ist kurzsichtig und wenig effektiv.
Eintreten für Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit - der Fehler der Linken - wird schnell selbstgerecht, abgehoben und kann dazu führen, dass man unverhältnismässige Mittel einsetzt.
Es braucht Christen, die sich neu mit den Themen auseinandersetzen, die sich zusammensetzen und überlegen, was sie tun können und die auch das Klima unter Evangelikalen verändern. Damit eines Tages Leute wie Mathias auch die Unterstützung von Kirchen kriegen, die sie verdienen.