
Auf der Suche nach dem christlichen Kulturbeitrag
Die christliche Szene scheint sich in ihrem Wunsch nach breiter Aufmerksamkeit selber im Wege zu stehen. Das, was hinter den Toren der zeitgenössischen christlichen Film- und Musikproduktionsfirmen entsteht scheint technisch und inhaltlich nie wirklich in unsere Zeit zu passen. Erfolgreiche Bands versuchen verzweifelt, den Stallgeruch einer CCM-„Geheimgesellschaft“ loszuwerden, wie POD-Sänger Sonny Sandoval die von den Gläubigen hofierte christliche Musikbranche etikettierte. „Wir wollen nicht dazu gehören“, war das Fazit der Nu-Metaller. Diese Haltung stieß auf Unverständnis. POD ist nur ein Beispiel für ein zerrüttetes Verhältnis der evangelikalen Christenheit und der zeitgenössischen Kunst. Relevante Opinionleader in Gesellschaft, Kunst und Kultur sind die Kreativen der Christenheit schon lange nicht mehr.Dabei wäre es doch gerade so wichtig, den zum Aussterben erklärten christlichen Glauben durch eine attraktive und nicht plakativ moralisch-missionarische Kunst wieder in die intellektuelle Diskussion einzubringen. „Angesichts der Dinge, die diskutiert wurden, fand ich es merkwürdig, dass wir nichts einbrachten. Ging es nicht genau um die Themen, über die wir so gut reden konnten?“, fragte sich der Autor und Journalist Steve Turner. Seiner Ansicht nach sind die Künstler „Sekretäre, die die Zeit protokollieren“. Die Kunst spiegelt damit immer die Fragen der Gegenwart wieder. Künstler sind somit hochsensible Beobachter, die diese Fragen stellen. Christliche Beiträge zu diesen Debatten scheitern meistens schon an der Gemeindetür oder der Furcht sich gesellschaftlich einzubringen. Vielen Christen fehlt zudem die Sensibilität zu erkennen, dass die Kunst keine lehrende sondern eine zeigende Ausdrucksform ist. Sie sagt den Menschen nie was sie glauben sollen, sondern gibt ihnen die Chance etwas aus einer anderen Perspektive zu sehen. „Ich sage das nicht aus evangelistischen Gründen. Ich erwarte von der Musik nicht, dass sie Menschen bekehrt. Es ist mir deshalb wichtig, weil im Film, Malerei, Poesie und Theater weltanschauliche Auseinandersetzungen stattfinden, zu denen Christen etwas beitragen können; sie werden bisher aber nicht einmal gehört“, beklagt sich Turner. In seinem Buch „Imagine“ unterstreicht Turner, dass Christen dennoch die Chance haben, ihre Kunstrichtung so zu prägen, dass sie die intellektuelle Auseinandersetzungen im Kern mitprägen. Als Beispiel führt er die Band U2 auf, die auf eine unvergleichliche Art und Weise Jesus und eine christliche Weltanschauung auf die Tagesordnung gezwungen hätten.
Künstler müssen ihre Kunst rechtfertigen
Das schwierige Verhältnis zwischen Kirche und Kunst ist den evangelikalen sprichwörtlich in den Schoß gefallen. Im Gegensatz zu der katholischen Kirche, die durch ihre Tradition und Spiritualität einigen Regisseuren als Inspirationsquelle diente, hat die evangelikale Bewegung eher den Ruf, Kunst aufgrund der Moral und Sittlichkeit entschieden abzulehnen. Künstler und Gläubige scheinen zwei unversöhnliche Lager zu sein. „Ich kann mich erinnern“, resümiert Turner, "dass eine bekannte Schauspielerin und ein britischer Popsänger sich bekehrten, aber sie gaben ihre Karrieren „für den Herrn“ auf. Ihr Zeugnis hatte offensichtlich größeren Wert als ihr Talent“. Kunst von Christen erfülle oft nur eine Funktion in den Gemeinden oder dient als Zweckmittel zur Mission. Das Schöpferische und die Kreativität scheinen einen fromm-etikettierten Katalysator zu brauchen um eingesetzt zu werden. Gläubige Künstler sehen sich dem Druck ausgesetzt, ihre Kunst durch ihren Glauben rechtfertigen zu müssen. „Ich bin kein Prediger“, unterstreicht Stavesacre-Frontmann Marc Salomon, „das ist eine geistliche Gabe, die ich nicht habe. Aber viele Christen kommen zu unserer Show, sehen, dass wir nicht predigen und denken, wir hätten uns von Gott abgewandt“. Für Steve Turner setzen die Erwartungen des Publikums an die Künstler diese auf eine „unfaire Art“ unter Druck. Man erwarte auch nicht von Klempnern, dass sie Bibelverse um die Rohre wickeln würden. Aber: „Von christlichen Künstlern wird automatisch erwartet, dass sie christliche Lieder schreiben“, so Turner. Das Problem ist, dass die gläubigen Künstler hauptsächlich geistliche Themen aufgreifen. Damit berauben sie ihrer nichtgläubigen Zuhörerschaft mögliche Identifikationspunkte. Christen würden so zu einseitigen Menschen. „Sie sind Menschen, die nur darüber sprechen können, wie gut der Herr war, aber nichts zu einer Unterhaltung über Baseball, das Wetter, die Wirtschaft oder das Bildungswesen beitragen können“, schlussfolgert der Journalist. Ein positives Beispiel sieht er jedoch in der irischen Rockband U2. Ein wichtiger Eckpunkt war, dass die Band entschied ihre Existenz nicht durch möglichst viel Evangelisation zu rechtfertigen. Der von Bono immer wieder zum Ausdruck gebrachte Glauben sei dadurch viel natürlicher gewesen. „Wenn Jesus das Licht der Welt ist, dann gibt es zwei Arten von Liedern, die man schreiben kann“, unterstrich der Songwriter T. Bone Burnett in einem Interview. „Du kannst Lieder über das Licht schreiben, oder darüber, was du auf Grund des Lichts sehen kannst.“ U2 schlug einen ähnlichen Weg ein. Bono vermischte die Botschaft vom Kreuz in dem Lied „Sunday, bloody Sunday“ mit der Ermordung irischer Demonstranten durch die britische Armee 1972. In dem Song „Pride“ verknüpft der Sänger das Opfer Martin Luther Kings mit dem Tod Christi. Ihre Texte unterstrichen sie durch den Einsatz für Greenpeace, World Aid und Amnesty International. U2 war Vorreiter in der Thematisierung von Problemen. Für die Authentizität ihres Glaubens gab es nichts Besseres. „Das Evangelium macht für die Menschen mehr Sinn, wenn sie es gelebt sehen, anstatt es nur zu hören“, betont Turner. Natürlich hätten auch Nichtchristen Lieder wie „Mothers of the disappeared“ schreiben können, aber sie verwurzeln die Band in der Kultur und zeigen, dass sie nicht nur Moral predigen, sondern die christliche Interpretation „des Reich Gottes“ soziale Verbesserungen anstatt klerikale Machtansprüche beinhaltet.
Naive Darstellungen
Ein weiteres Problem ist, dass der biblische Anspruch „macht euch nicht der Welt gleich“ so interpretiert wird, sich als Christ aus Gesellschaft, Politik und Kunst zurück zu ziehen. Die Bibelstelle aus Philiper 4,8: „Orientiert euch an dem was wahrhaftig, gut und gerecht, was anständig, liebenswert und schön ist“, wird in eine ähnliche Richtung interpretiert. Man dürfe nur noch anschauen darf, was würdig, gerecht, rein lieblich und wohllautend ist. Die Folge für christliche Darstellungen ist jedoch, dass man in der Kunst nur blinden Optimismus wiederspiegeln dürfe. Bilder von niedlichen Vögeln und Kätzchen. Filme, die das Familienleben verherrlichen und glücklich enden – kurz gesagt Kunstwerke, die eine fast nicht gefallene Welt zeigen, in der niemand Konflikte erlebt. Die Sünde ist eher unartig als böse und destruktiv. Helden und Bösewichte werden plakativ. Der Held erlebt seine Herausforderung in Alltäglichkeiten wie zuviel Wechselgeld zurückbekommen zu haben. Die christliche Version der Welt ist so unrealistisch romantisch, dass die Handlung nicht in der richtigen Welt stattzufinden scheint. Anders beurteilt dies jedoch die Romanautorin Flannery O´Connor: „Mein persönliches Empfinden ist, dass Autoren, die die Welt im Licht ihres christlichen Glauben wahrnehmen, heutzutage das schärfste Auge für das Groteske, das Perverse und das Unannehmbare haben“. Das Verhältnis von Christen zu ihrer Außenwelt ist verzerrt. Entweder gleicht die Reflektion einem Rosengarten oder einem Klo. Dabei fordert der Befehl, „Habt nicht lieb die Welt“, nicht, dass sich ein Christ aus der Gesellschaft ausschließen soll. Er fordert, sich kein anti-göttliches Denken anzueignen. „Weltlich werden wir dadurch, dass wir unser Denken von der Welt prägen lassen, nicht dass wir uns in der Gesellschaft engagieren und uns mit der Welt beschäftigen. Im positiven Sinne ist die Welt das, was Gott geschaffen hat und was Christus erlöst hat“, unterstreicht Turner.
In einem Interview mit der Zeitschrift "dran" legt der Künstler Leen La Rivière seinen Finger in die gleiche Wunde. „Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass Christen die Kultur prägen“, unterstreicht der Leiter des Christian Arts Seminar. Dies sei jedoch seit der Französischen Revolution gänzlich verschwunden. La Rivière kritisiert ebenfalls die pietistische Trennung des Säkularen und des Sakralen: „Nur das, was in unserer Gemeinde geschieht ist gut, das sind Gottes Werte – und alles was außerhalb der Gemeinde geschieht ist falsch, das ist die Welt. Und wir wollen doch ganz anders sein als die Welt“. Steve Turner führt diese Trennung des Heiligen und des Profanen auf die Philosophie des Plato zurück. „Ich meine, dass wir der Weisheit am Nächsten kommen, wenn wir so wenig Berührungen und Beschäftigungen wie möglich mit dem Körper haben“, formulierte der Philosoph. Die Christen interpretierten diese Philosophie in den paulinischen Kampf zwischen „Geist“ und „Fleisch“. Immaterielle Dinge wie Beten, Lobpreis, Fasten, Stille und Meditation sind demnach gottgefälliger als materielle Dinge wie Sexualität, Essen, Arbeiten und Kunst. Diese Konzentration auf das Geistliche als das einzige Wichtige führte letztendlich dazu, dass die Christen das Gehör für ihre Umwelt verloren haben. Christliche Kunst dreht sich oftmals kreisförmig um die geistlichen Erfahrungen des Künstlers oder der Gemeinde. Dies habe zwar seine Berechtigung, doch dürfe die christliche Kunst nie ausklammern, dass es keine ökologischen und militärische Konflikte auf dieser Welt gibt, dass die Menschenrechte missachtet werden und Völkermord betrieben wird. „Wir haben die Berufung, uns um die Welt zu kümmern, deshalb sollen wir uns auch Gedanken um ihre Zukunft machen“, fordert Turner. Auch wenn es zu Fehleinschätzungen der Situationen kommen kann ist es laut Turner besser etwas zu tun, als zu denken Gott wären politische Entscheidungen gleichgültig. Zudem führe das Ignorieren der drängenden aktuellen Fragen und die Einstellung, dass zeitlose Wahrheiten nicht zu aktuellen Umständen Bezug nehmen müssen dazu, dass die christliche Kunst altmodisch und irrelevant ist. „Die Themen, die sie anspricht, sind nicht die Fragen, die im Augenblick die Menschen bewegen“, beklagt Turner. Anstatt etwas Lebendiges, Weitsichtiges, Herausforderndes und Weltbewegendes zu entdecken, lande er auch im Internet wieder bei niedlichen Grußkarten, tröstenden Versen und höflichen Illustrationen.