Gedanken zur Bundestagswahl

Man könnte es so einfach haben. Wenn man in Amerika in eine ganz normale evangelikale Gemeinde ginge, würde einen der Pastor sagen, wen man zu wählen hat. Na gut, vermutlich müsste er das nicht mal. Es steht ohnehin fest, dass man als gestandener Christ die Republikaner wählt, da diese ein biblischeres Verständnis von der Sündhaftigkeit des Menschen haben und deshalb härtere Gesetze erlassen (und öfters mal sündige, überflüssige Menschen aus fadenscheinigen Gründen wegbomben).
Demokraten dagegen sind liberale Humanisten, die auch noch linksorientiert sind. Also nicht wählbar.
Man hat demnach nur 2 Wahlmöglichkeiten und eine Stimmung, die einem extrem in eine Richtung lenkt.
Oder aber, man hat ungefähr 5 Parteien zur Auswahl und es wird einen erzählt, dass man am Besten überhaupt nicht wählt. Denn sonst würde man das System dieser Welt unterstützen und vielleicht versehentlich sogar noch am Aufstieg des Antichristen teilhaben.
Leider ist es aber für die meisten von uns nicht so einfach. Uns befremdet die apolitische Resignation unserer fundamentalistischen Brüder, aber uns ist auch meist ein Diktat von der Kanzel fremd (wobei es natürlich gewisse Stimmungen und Tendenzen gibt). So sind wir europäischen Evangelikalen frei in unserer Entscheidung. Bedrückend frei, denn Freiheit macht Dinge kompliziert und mühsam. Vor allem für Erstwähler (und das sind sicher viele Leser). Und wie geht man da mit dieser Freiheit um? Römer 13:1 wird in meiner Message Bible übersetzt mit: „be a responsible citizen“ „Sei ein verantwortungsvoller Bürger.“
Gott möchte, dass wir dieses ungewöhnliche Privileg, uns aussuchen zu dürfen, wer uns regiert, sinnvoll nutzen. Schließlich war eine Hälfte Deutschland 40 Jahre von einem autoritären Regime gesteuert, dass immer Traumergebnisse von 98% der Wählerstimmen erzielte.
Was bedeutet es nun, diese Freiheit sinnvoll zu nutzen?

Zynismusresistenz

Der Humorist Max Goldt drückte das einmal so aus:
„Das Lieblingswort des Zynikers ist »sowieso«. Er sagt »Es geht ja sowieso nur immer um Sex und Geld, die Menschen sind sowieso schlecht, es wird sowieso alles den Bach runtergehen, warum soll ich nicht die Bild-Zeitung lesen, warum soll ich nicht als Gagschreiber für Sat 1 arbeiten es ist doch sowieso alles egal. «“
Immer diese ewige, langweilige Leier von wegen, dass die Politiker doch eh nichts verändern und dass es doch keinen Unterschied macht, ob nun der oder der regiert. Richtig: es ist in Deutschland- im Gegensatz zu Amerika- wirklich nicht SO wichtig, welcher Kopf Deutschland regiert. Aber welches Wahlprogramm schon. Wobei man natürlich diese Reaktion verstehen kann. Es ist für uns einfach nicht verständlich, warum die politische Streitkultur immer noch auf dem Niveau des kalten Krieges ist. Warum immer noch rechthaberisches Argumentieren über Details einem respektvollen Dialog über Grundsätzliches überwiegt. Denn Argumente sind eine trügerische Sache: sie sind meistens in sich schlüssig und überzeugend, aber a) die andere Seite hat solche Argumente auch und vor allem b) als Nichtfachmann kann man sie unmöglich nachprüfen. So versinkt die Nachvollziehbarkeit der Politik in einen Dickicht aus rhetorischen Finessen und Detailfragen. So etwas merken die Menschen und deshalb werden sie zynisch. Aber es ist keines Falls so, dass es keine Unterschiede gäbe. Sie gibt es und sie sind nicht zu verachten.

Sich informieren

Deshalb muss man sich eben informieren. Die Frage ist für viele nicht ob, sondern wie. Die Wahlwerbespots und Plakate kann man vergessen, die Wahlprogramme sind entweder zu platt (Kurzform) oder zu lang und unverständlich (lange Fassung).
Man muss auch sehen, dass Zeitungen und Artikel (wie dieser) nicht objektiv sind. Die Journalisten sind oft stark politisch und tendieren, meistens sehr versteckt, in eine gewisse Richtung. Das macht nichts, so lange man die Tendenz eines Artikels durchschauen kann und die Informationen dementsprechend relativiert.
Nicht unwichtig ist auch, dass man die Tendenz besonders in christlichen Magazinen erkennt. Viele vermitteln ein Schwarz-Weiß-Denken und Zuspitzungen, die man so nicht machen sollte wie: „Man darf nicht SPD wählen, weil die für Abtreibung sind.“.
Man darf Polittalkshows nicht unterschätzen. Wenn der/die Talkmaster/inn es versteht, durch die reine Stimmenfänger- und Schlagabtauschatmosphäre zu den wirklichen Kernunterschieden (oder auch mal gern: Gemeinsamkeiten) kommt. Weniger hilfreich finde ich da Sabine Christiansen, da diese immer genau an den falschen Stellen unterbricht. Wunderbar beherrscht die Kunst des Politikerbändigens zum Beispiel Frank Plassberg mit seiner Sendung „Hart aber fair“.
Man sollte sich nicht nur über den Status Quo der Parteien informieren, sondern sehr grundsätzlich über ihre Geschichte und über ihre Werte. Sehr geeignet dafür ist Wikipedia.
Grundsätzlich gilt: wenn man wirklich informiert sein will, reichen nicht die Tagesnachrichten (das ist nur Wahlkampfgeplänkel), man muss eher im Lexikon gucken als in der Zeitung. Dafür hat natürlich niemand den Nerv. Aber vielleicht ist das der Grund, warum Politiker immer noch meinen, die Wähler „für dumm verkaufen“ zu können; weil sie sicher sein können, dass sie es auch sind und bleiben.

Problemfelder einkreisen

Bevor man entscheidet, welche Lösungen für Deutschland am geeigneten sind, muss man erstmal genau gucken, was denn die Probleme sind. Man muss sich schon hier überlegen, ob man in das allgemeine Geschrei über den Wirtschaftstandort Deutschland und die Arbeitslosigkeit mit ein stimmt. Vielleicht sollte man viel grundsätzlicher überlegen, ob Arbeit und auch die Wirtschaft in unserer Gesellschaft einen viel zu hohen Stellenwert hat. [Das war nun wohl der tendenzielle Teil meines Artikels].
Man muss sich auch überlegen, welche Art Wahl man überhaupt treffen will. Möchte man die Regierungspartei bestimmen oder möchte man durch eine starke Opposition oder Koalitionspartei bestimmte Akzente in der Politik setzen. Die beiden großen Volksparteien sind natürlich viel profilschwächer, weil sie eine viel größere Zahl von Themen zu berücksichtigen haben. Da geht es um Kompromisse, „langweilige, visionslose Realpolitik“, könnte man meinen. Es geht um die Entscheidung, wen man eher zu traut „das Land wieder nach vorne zu bringen.“. Oder aber man entschließt sich Akzente in der Politik zu setzen. Möchte man, dass die Wahrung der Bürgerrechte ein Thema bleibt, wählt man FDP. Will man Umweltschutz thematisieren, die Grünen und will man das Wohl der Armen in Erinnerung rufen, wählt man die neue Linke und will man vielleicht sogar moralische Themen in die Diskussion einbringen könnte man auch PBC wählen. Entscheidend hierbei ist: man kann seine eigene Schwerpunkte setzen. Zuspitzungen und Vereinfachungen sind hier nicht hilfreich und hier müssen auch Christen über jedes Stammtischgerede erhaben sein. Die CDU ist nicht die Partei der Anständigen und die Grünen nicht die der Chaoten. Und die Frage zu Abtreibung muss auch nicht immer wahlentscheidend sein. Auch sind die Linken nicht mehr in dem Maße atheistisch, wie noch zu 68er Zeiten.
Man kann auch als Christ zu verschiedenen Ergebnissen kommen.
Wichtig ist hier die Toleranz. Denn das, was einem vielleicht von seinen Freunden durch seine politische Meinung trennt ist bei weitem nicht so entscheidend wie das, was man durch den Glauben gemein hat.

Biblische Themenfelder entdecken

Man sollte sich auch informieren, welche Themenschwerpunkte Gott in der Bibel gesetzt hat. Besonders wichtig sind dabei die Propheten, die oft die politischen Herrscher und ihre z.T. ungerechten Strukturen angeprangert haben. Ganz oft ging es darum moralische Missstände und Götzendienst aufzudecken. In dieser Tradition standen auch die ersten Christen, die nicht an den römischen Kaiserkult teilnahmen und deshalb verfolgt wurden. Aber es gibt auch andere Themenfelder, die von uns Evangelikalen oft vollkommen übergangen werden. Beispielsweise beurteilt Gott eine Politik in der Bibel immer daran, wie sehr sie sich um die Benachteiligten kümmert. In Jesaja 22:16 steht, dass Gott erkennen daran sichtbar wird, dass man für die Armen einsteht und soziale Gerechtigkeit übt. Wir haben also als Christen nicht nur eine Verantwortung für den moralischen Zustand der Gesellschaft sondern auch für das soziale Klima. Es kann nicht sein, dass es immer noch Christen gibt, die der Meinung sind, dass die Mehrzahl der Arbeitslosen einfach zu faul war und selbst Schuld hat. Aber nicht nur im Inland sondern weltweit ist es wichtig, die Ungerechtigkeiten im Blick zu haben und auch gegebenenfalls dagegen zu protestieren.

Sich nicht zu sehr einspannen lassen

Es gibt keine christliche Partei (auch wenn schon 2 Parteien, das von sich behaupten). Man darf sich nicht zu sehr auf eine gewisse Partei versteifen. Jede Partei hat gute Ansätze und falsche Ansichten. Die Gemeinde sollte sich nicht vor den Karren spannen lassen sondern eine prophetischen Auftrag in der Gesellschaft wahrnehmen. Dazu ist unerlässlich über den Wahlkampftaktiken und Parteiprogrammen zu stehen und kritisch zu bleiben.

Richtig beten

Die Wahlentscheidung soll natürlich auch mit Gott abgesprochen werden. Im Timotheus heißt es auch, dass wir für die Regierung beten sollen. Die Frage ist, wie man betet. Ich denke, es ist vermessen, zu bitten, dass seine Lieblingspartei an die Macht kommt. Man sollte lieber darum bitten, dass Gott einem die Perspektive gibt zu sehen, wie er in und mit Deutschland sein Reich bauen möchte und dass die Partei an die Macht kommt, mit der dass am ehesten geht. Auch wenn eine andere Partei als erhofft und erbeten die Wahl gewinnt, sollte man dafür beten, dass Gott die Regierung segnet.

Selber aktiv werden

Wählen ist der leichteste Teil von politischer Aktivität. Wir müssen in den so genannten vorpolitischen Raum eintreten und uns in der Gesellschaft engagieren. Das bedeutet seinen Beitrag zu leisten, dass sich Zustände bessern. Das heißt zuerst einmal, dass die Gemeinde sich um die Bedürftigen und Armen vor Ort kümmern sollte. Ob das nun Drogenabhängige oder Alleinerziehende sind. Allerdings muss diese Hilfe selbstlos sein; also ohne zum Beispiel die Bedingung, dass die Menschen in die eigene Gemeinde kommen müssen um Hilfe zu kriegen. Wie Bonhoeffer sagte: „Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist.“.
Man muss helfen wie Jesus half: selbst wenn man weiß, dass sich die Leute nicht bekehren würden (wie man am Beispiel von Judas sieht). Aber leider sind die meisten evangelikalen Gemeinden auf den diakonischen Auge blind, also kann es für manche Leute ein Weg sein, in weltliche Organisationen zu gehen, die vielleicht auf ihre Weise unwissend einen Beitrag zu Gottes Reich liefern.
Oder möglicherweise sogar den Beitrag leisten, den die Christen leisten sollten.


 
 

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